Der letzte Sommer

Der Regen fällt vors Haus –

fällt nun der Sommer aus??

Das nicht – jedoch – der Sommer, der uns sonst beglückt,

wird wie die Leute – recht verrückt.

Eben noch Hitze, dann wieder Nässe,

gestern noch braun und heute nur Blässe.

Die Celsius-Skala hoch und dann wieder runter….

Das macht Leute scheckig (und nicht grade munter….).

 

Kurz: Der Sommer passt zur Stimmung hier:

Man sitzt, genießt den Grill, das Bier,

doch plötzlich – und das ist recht bitter –

entlädt sich über uns Gewitter!

Erst wird’s nur dunkel, dann donnerts, dann krachts,

mit Macht entlädt sich die Natur – mit Macht

ziehn fast überall dunkle Wolken auf –

(alldieweil kaum einer hinschauen tut –

Ach, was tut das Nichtwissen gut!)

das Schicksal nimmt trotzdem seinen Lauf,

 

statt Rechtsgefahr und Nazisieg

drohn Bankencrash und Bürgerkrieg –

statt Viertem Reich und neuem Tapezierer*

ein Völkerkerker –  und Verführer!

Statt blondem, dumpfem Rassenwahn

langen Afrika und Arabien an.

Dort sinds hundert, da 300 Millionen –

Und alle möchten sie gerne hier wohnen!

 

Möchten es auch gut und sicher hier haben –

jedoch – man ahnt es, die geistigen Gaben,

sind ungleich verteilt und die Chancen damit auch –

er schwillt an, er dehnt sich, der soziale Bauch –

die Hängematte wird größer, mehr und mehr nehmen Platz –

eines Tages hilft nur verkürzen – dann gibt es Rabatz…..

 

und die Neu- wie die Altbürger sind dann in EINEM vereint –

voller Frust auf den zu hauen –

voller Wut andern das Leben zu versauen –

bestimmt auch zu rauben!

Nach Reichtümern zu klauben,

doch vor allem eben auf den zu hauen,

den man als Schuldigen an der eigenen Misere zu erkennen….

meint.

 

Und Erklärer der Misere! Ach, die werden sich finden…..

Kanalisierer des Volks- und Völkchen- wie Grüppchenzornes…..

An ihnen wird kein Mangel sein! Genauso wenig wie an Gründen,

warum man DEM die Fresse einschlagen muss und DEN da berauben –

Hauptsache man bleibt selber fest im eignen Glauben,

folgt den Verführern wie eh und je, hält die Augen verschlossen –

denn SO wird es gut….. die Feinde erschossen,

isoliert, verängstigt, gefoltert, vertrieben…..

lernt endlich zu hassen! Vergesst es, zu lieben.

Vertraut den Verführern, die Euch alles einbrockten,

mit den alten Versprechen Euch in alles lockten –

Lauschangriff, Handyortung, Trojaner, Bargeldverbot –

jede Maßnahme für sich ein weiterer Tod

von den RECHTEN, der Würde, von Sinn und Verstand…..

Bis eines Tages wir nur Wüste sind….. ja…. ein wüstes Land.

 

Was heißt denn das: Der Tapezierer??

Na ist doch klar – auch das ein Führer!

Ach der Terror….

Was nur mit dem Terror machen?

Stört er doch so schöne Sachen

wie Konzerte, Feste, sich versammeln

(immerhin: Noch keinen Terror gab’s beim Rammeln!

Zerbombt wurd bis jetzt kein Bordell –

ändern kann sich’s freilich schnell….)

Doch zurück zur Terrorfrage – diese neue Landesplage

bleibt wohl für die nächsten Zeiten

und wird uns noch lang begleiten –

Was also tun? Kerzen anzünden?

Die Wut und den Hass psychologisch ergründen?

Eine Armlänge Abstand? Mit Teddybären schmeißen?

Die Bösen einfach des Landes verweisen?

Offene Grenzen am Ende noch schließen?

Ah –  nein – das tät uns selber das Leben vermiesen….

Lieber Kameras – an allen Orten!

Dem Hass entgegentreten mit klaren Worten!

Das Internet eindämmen – die Zivilrechte auch!

Und Wachleute überall sind ab heute der Brauch!

Volksfeste mit Pollern und Polizei!

Und natürlich – der Spass, der ist auch mit dabei!

Ansonsten ein bissl paranoid

(und klar – wir haben uns weiterhin lieb),

nach Koffern und Rucksäcken und Taschen wohl schauen!

Die irgendwo rumstehen – oh weh – welch ein Grauen!

Lasst die Kinder zuhaus! Einen Umzug erwägt!

Und bekämpft die rechte Brut – wo auch immer sie sich regt!

Vertraut dem Staat ganz allein, dass er alles richtig macht –

Und versichert Euch dessen jeden Abend um Acht.

Tagesschau – alles gut – wirf den Grill nochmal an…..

Und so freut und entspannt sich Mann und Frau, Frau und Mann….

Bis zum nächsten RUMMS….. und dann…..

Geht’s weiter.

Heiter.

Nach unten.

Winter Eindrücke…

Dezember (ist zwar schon Januar, aber das Gedicht ist wunderschön)

Nun wintert es in Lucht und Lanken,

im Graben klirrt das schwarze Eis.

Und Schilf und Binsen an den Planken,

stehn unterm Nebel steif und weiß.

 

Mit Kälte sind bepackt die Schlitten,

die Gäule eisig überglänzt.

Die Gans hängt starr, ins Hirn geschnitten,

das fahle Rohr liegt flach gesenst.

 

Das Licht der Tenne ist erloschen.

Schnee drückt der kleinen Kirche Walm,

im Klingelbeutel friert der Groschen

und beizend schwebt der Kerzen Qualm.

 

Der Wind umheult die Kirchhofsmauer.

Des Todes karges Deputat

ist ein vereister Blätterschauer

der Eichen auf den letzten Pfad.

 

Hier ruhn, die für das Gut einst mähten,

die sich mit Weib und Kind geplagt,

landlose Schnitter und Kossäten.

Im öden Schatten hockt die Magd.

 

Die Nacht ist ihre leere Scheune.

Die roten Schafe ziehn zur Schur.

Des Winters Korn behäuft die Zäune,

furcht es die hungerharte Flur.

 

Der Sturm wohnt breit auf meinem Dache,

wie eine Grille zirpt der Frost.

Und wenn ich alternd nachts erwache,

stäubt Asche kalt vom morschen Rost.

 

Am Hoftor schwer die Balken knarren,

im Nebel läutet ein Gespann.

Ein Kummet klirrt und Hufe scharren,

ich weiß, ein grober Knecht spannt an.

 

Der Wolken Mauer steht dahinter

auf Wald und See und grau wie Stein.

Bald wird das Feuer vieler Winter

in einer Nacht erloschen sein.

Peter Huchel

 

Einst

Einst, wenn der Winter begann,
du hieltest von seinen Schleiern,
den Dämmerdörfern, den Weihern
die Schatten an.

Oder die Städte erglommen
sphinxblau an Schnee und Meer-,
wo ist das hingekommen
und keine Wiederkehr.

Alles des Grams, der Gaben
früher in unser Blut-:
Wenn wir gelitten haben,
ist es dann gut?

Gottfried Benn

Die beiden Gedichte sind aus den Jahren 1930 und 1934. Dies war eine Zeit der Krise und des Übergangs – des Bangens und Hoffens. Wie heute auch.

Gewissheit statt Gewissen

Ach wie schön ist die Gewissheit,

auf der guten Seit‘ zu stehn!

Ach wie schön ist die Gewissheit,

mehr als andre zu verstehn!

Zwar – die Dummen haben gewählt,

obwohl man warnte (scharf und klar),

jetzt wird einfach weiter erzählt,

wie schlimm und dumm und gräßlich das war…..

Und man prügelt gern mit Wonne

auf die Gegner wortreich ein:

Ab mit Trump in eine Tonne!

Deckel drauf! Oh je! Oh nein!

Wer hat den denn auch gewählt –

ach wie dumm sind doch die Leute…..

Ja, so schreit es durcheinander,

tönt und tobt die Medien-Meute.

Not my president! Erschießt ihn! Gewalt!

Doch Hate Speech machen nur die andern,

ist es nicht schön in unserm Presse-Blätterwald,

es lässt sich dort gemütlich wandern…..

es lässt sich dort so schön auch träumen….

Man sieht keinen Wald vor lauter Bäumen….

Und vor der Realität, da heißt es: Halt!

Nicht weitergehen!

Gibt nichts zu sehen!

Tja, so geht’s….

Da hat das Volk gesprochen

und es ist doch nicht recht….

Zwar: Es hat kein Recht gebrochen,

doch was es tat, war schlecht.

So klagen heute alle –

im Bundestag und so –

und alle sind auch schwer geschockt

und traurig sowieso.

Ja Herrschaftszeiten nochemal!

Wählt Euch doch ein neues Volk!

Schafft Wahlen ab! Und Rechte auch!

Oder macht sonst noch was ihr wollt!

Das wären die Lösungen, denn seien wir ehrlich –

Demokratie taugt nicht mehr viel….

Wenn Menschen wählen, wen sie wollen, wird’s gefährlich…..

Da steht zu viel auf dem Spiel!

Also Schluss mit den Faxen – den Radikalen ein Riegel!

Und in Zukunft für sie Wahlverbot!

Eiei – wer schaut mich Gutmensch da an aus dem Spiegel?

Und grinst? Der Demokratie……. Tod?

Es sei!

Es sei! Die Lebenskräfte regen sich – erheben und bewegen mich –

der Drang, zu TUN, ist stark und gut –

aus dem erwächst mir neuer Mut!

Und ahn‘ ich auch, es kommt das Leid

in seiner angemessnen Zeit – es sei!

 

Der Wunsch ist da, der Weg wird nun beschritten –

ob mal mit wankend‘, mal mit festen Schritten –

es bleibt ein Weg! Und das ist gut!

Noch fließt in meinen Adern Blut!

Noch regen sich des Lebens Säfte,

noch spüre ich in mir die Kräfte,

die Neues wollen, Neues schaffen –

und selbst, wenn ich mich mal zum Affen,

zum Trottel, Tor und Narren mache –

mein Geist sagt: Lebe! Liebe! Lache!

 

Den guten Geistern bleib ich gewogen,

halte sie gut – halte sie ehrlich –

habe nur Mut – täglich und jährlich –

ich weiß, Ihr habt mich nie betrogen!

Euer Bestand ist ewig, wohin ich auch geh‘,

dann, wenn es nötig ist, sagt Ihr: Versteh‘!

Dann, wenn es wichtig ist, werde ich hören,

bis dahin gilt suchen, versuchen, zerstören,

der alten Gedanken, der Illusionen und Träume –

auf neuen Wellen, über neue Schäume,

langt das Wahre, die Erkenntnis, heran –

und steh ich eines Tages wieder in ihrem Bann,

dann weiß ich, das, was ich dort gefunden,

war tatsächlich immer bei mir – in allen Stunden.

 

Bis dahin sei mein Leben nun den Funken gleich,

die aus dem Feuer

herausgeschleudert, ohne Ruhn‘, kurz aufflackern

und dann verlöschen – das Abenteuer

liegt im TUN – im Tun und Machen und Versuchen –

da gibt es Freude, gibt es Fluchen –

doch winkt am Ende ein Gewinn!

Und ob er billig oder teuer –

egal! Nur ich erschaffe meinen Sinn!

Und was wir so nach Höchstem streben –

das sei Genuß! Erkenntnis! Leben!

Es sei!

Risse im Gefüge

Es bröckelt…. Es rieselt….. und kracht im Gefüge….

Bald ist alles zersetzt….. zersetzt durch die Lüge……

 

Und wieder Gewalt! Und wieder Verzweiflung! Und Tote!

Nach Paris nun Nizza…. Und im Mittelmeer kentern Boote…..

In Syrien fallen Bomben, der Irak wird zerfetzt,

doch weder Libyen noch Jemen haben uns so entsetzt

wie die Toten in Europa…. Und so tönt das Geschrei:

Mehr Überwachung! Mehr Kontrollen! Und auch mehr Polizei!

 

Es bröckelt…. Es rieselt….. und kracht im Gefüge…..

Bald ist alles zersetzt – zersetzt durch die Lüge….

 

Der Terrorismus hat mit dem Islam nichts zu tun,

und unsere Politik im Nahen Osten auch nicht.

Wir haben keine Lorbeeren mehr, uns drauf auszuruhn,

doch wir wissen, was unsere Pflicht:

Die Grenzen bleiben offen! Geheimdienste geheim!

Wer Dinge verknüpft, muss ein Böser wohl sein!

Vertrauen wir weiter auf die, die uns führen –

Und bunte Pillen helfen, nicht gar zu viel zu spüren.

 

Es bröckelt….. es rieselt…. Und wer lacht da zur Genüge?

Ach der nun wieder – der Hinkefuß – der Vater der Lüge!

Der sitzt am Kamin und kichert sich einen……

„Die Menschen sind doch gar zu einfach zu leimen….

gib ihnen hübsche Worte – wohlklingend und fein –

lass sie morden für Allah – (oder für Walhalla) –

für Führer und Vaterland oder für den Propheten  –

für Gott oder Jesus oder wen sie sonst noch anbeten.

Sie kapieren nicht – dahinter steckt immer ein

und derselbe.

Ich selbst.

In Bälde,

kann sich alles mal wieder austoben – die Hölle ist bereit.

Genügend Raum ist vorhanden – es ist schon bald an der Zeit“.

Und der Teufel hebt sein Glas und nippt an seinem Port.

Wir hier unten (oder oben?) nähmen ihn besser beim Wort…..

Es knistert….. und rieselt…. Und kracht im Gefüge……

Bald ist alles zersetzt….. durch uns…… und die Lüge.