Heldengeschichten: Ernst Wiechert und die Wahrheit

Der heute längst vergessene, in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts hierzulande meistgelesene deutsche Autor Ernst Wiechert, hatte so wie Rita Atria seine Stunde der Wahrheit. https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2016/10/11/heldengeschichten-rita-atria-gegen-die-mafia/

Diese kam unter dem Nazi-Regime. Wiechert, ein konservativer, christlich geprägter Ostpreuße und deutscher Patriot (heute würde man ihn als Nationalisten bezeichnen) hatte von Anfang an mit der neuen Herrschaft Probleme.

Der wie erwähnt überaus populäre und auch bei der Jugend für seine sentimentalen Romane geschätzte Autor hielt 1933 Reden an die deutsche Jugend, in denen er die neue Herrschaft als eine „Unrechtsherrschaft“ bezeichnete. Die Gestapo nahm denn auch 1934 seine Überwachung auf.

Seine Lesungen wurden künftig durch Störer, die man eingeschleust hatte, verunmöglicht (man sieht doch, dass manche Taktiken über die Herrschaftsformen hinweg bestehen bleiben).

1938 sprach er sich für den inhaftierten Pfarrer Niemöller aus und verweigerte sich der Wahl zum Anschluss Österreichs, zu der jeder wahlberechtigte Deutsche verpflichtet war. Damit war für Reichspropagandaminister Goebbels die rote Linie überschritten und er ordnete die Inhaftierung Wiecherts an.

Wiechert wurde ins Gewahrsam der Geheimen Staatspolizei München genommen, wo er fast zwei Monate inhaftiert blieb. Da er in der Haft seine Aussagen nicht revidieren wollte, wurde er anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt, wo er zwei Monate harter körperlicher Arbeit unterzogen wurde.

Wiechert, als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer mehrfach verwundet und mit einem Herzleiden ausgestattet, begann schnell unter der täglichen Tortur von 13 h schwerer körperlicher Arbeit zu leiden und wäre wohl schon bald verstorben, wenn ihn nicht ein Lagergenosse mit Einfluss einer weniger anstrengenden Arbeit zugeteilt hätte.

Dennoch erkrankte er im Lager schließlich schwer und wurde nach Berlin verfrachtet, wo er dem Propagandaminister Goebbels vorgeführt wurde. Dieser schärfte ihm ein, künftig jede Kritik am Regime zu unterlassen, widrigenfalls er erneut ins Konzentrationslager überstellt würde, doch diesmal auf Lebenszeit und bis zur „physischen Vernichtung“.

Der Autor fügte sich der Anordnung, kehrte zurück auf seinen Hof bei München und lebte dort zurückgezogen bis ans Kriegsende. Ein Jahr nach seiner Entlassung veröffentlichte er seinen Roman „Das einfache Leben“, welcher auch als leise Kritik an den Machthabern der Zeit verstanden werden konnte. (Ernst Jünger unternahm mit seinem Roman „Auf den Marmorklippen“ ähnliches).

Nach dem Krieg erschien sein heute bekanntestes Werk „Der Totenwald“ über seine Zeit in Gefängnis und Konzentrationslager. 1948 übersiedelte er in die Schweiz, wo er 1950 verstarb. Soweit die Geschichte Ernst Wiecherts. Wer mehr dazu lesen will: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Wiechert

Ernst Wiechert kann uns Heutigen insofern Vorbild sein, da er das offen ausgesprochen hatte, was allen bewusst gewesen war: Dass da ein großes Unrecht mit dem neuen Regime entstanden war, welches sich hinter tönenden Parolen verbarg.

Dass es nicht zum Besten stehen konnte, wenn Macht und Gewalt sich offen über Recht und Gesetz hinwegsetzten. Damals lautete der Slogan: Recht muss Recht bleiben – auch für Deutsche! Dessen Einhaltung Wiechert im Falle Niemöllers anmahnte.

Seine geheimen Tagebucheintragungen aus der Haft erschienen 1966 erst in einem kleinen Bändchen mit dem Titel „Häftling Nummer 7188“. Aus den darin veröffentlichten Briefen, Notizen aus der Haft und Auszügen aus dem Totenwald erfährt der Leser ein schlüssiges Bild der Psychologie der Gewalt. (Alle folgenden Zitate sind denn auch, so nicht anders angegeben, aus dem genannten Buch).

Wie es auf den Menschen wirkt, wenn er sich der staatlichen Willkür ausgesetzt sieht – hilflos und allein. Und wie ihm dennoch von anderen, die Teil des Systems sein können oder Mitleidende, Hilfe zu Teil wird. Und DAS ist etwas, was auch uns Heutigen Mut machen kann!

Im Münchener Gefängnis führt er lange Gespräche mit seinem Zellengenossen, welcher, nach einem Jahr im Konzentrationslager Dachau, seiner weiteren Verurteilung entgegensieht. Sie spielen Schach und unterhalten sich. Wegen seiner Herzleiden muss Wiechert öfters ruhen, doch wird ihm verboten, auf dem Bett zu ruhen. Sein Mithäftling gibt ihm seine Decke, damit er auf dem Boden liegen kann.

Die Briefe seiner Frau und seiner Tochter geben ihm Trost. Schließlich wird sein Zellengenosse abgeholt. Wiechert notiert: „K. wird geholt. Roter Haftbefehl. Wohin? Totenblass. So schwer, ihn zu verlieren. Ohne Bildung und nicht ohne Rohheit, aber ein guter Kamerad. Gott helfe ihm und uns allen!“

Sonntags trifft der „Elendszug“ im Gefängnis ein – die Frauen und Kinder der Häftlinge nutzen die Besuchszeit. Wiechert schriebt darüber: „… nach einer halben Stunde wandert der Zug wieder zurück, schweigend, gebeugt, die meisten in Tränen. Manche Frau hat erfahren, dass ihr Weg umsonst war – nach Dachau führen keine Wege mehr – und sie lehnt ihren Kopf an den Stein des Tores und weint in hoffnungsloser Verzweiflung.“

Wiechert wird tagelang über Stunden verhört. Über den letzten Vernehmungstag schreibt er später: „….niemals würde er dem Mädchen an der Schreibmaschine vergessen, dass es ihm in unbewachten Augenblicken irgendein Wort zuflüsterte, dass er zu seinen Gunsten gebrauchen konnte“.

Da er wie erwähnt einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller seiner Zeit ist, erhält er auch von offizieller Seite hohen Besuch. Wiechert schreibt später: „Der erste (Besucher) war der Polizeipräsident, dessen Sohn im Zuchthaus saß und der Johannes (so nennt sich Wiechert selbst im Roman „Der Totenwald“) einer besonderen Aufmerksamkeit würdigte.

Aber als er auf die Frage, was er da eben lese, erfuhr, dass es die Bibel sei, drehte er sich um, als habe eine Schlange ihn berührt. So empfindlich können selbst hohe Beamte sein, dachte Johannes.

Der zweite war der Chef der Geheimen Staatspolizei dieser Stadt. Er wiederholte Johannes Namen, als genieße er die Anwesenheit dieses Gastes auf eine besondere Weise und musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen.

Beide trugen schwarze Uniformen. Beide waren sehr wohlgenährt, und beiden war eigentümlich, dass sie die Hände in die Hüften stützten und nur von der Seite her ihre Fragen stellten, als wäre es verächtlich für sie, einem Gefangenen gegenüber zu stehen. Sie machten Johannes den Eindruck von Konkursverwaltern, die eine kümmerliche „Masse“ betrachteten“.

Die stundenlangen Vernehmungen, der Dreck, die Lautsprecherdurchsagen und seine Schlafprobleme zermürben Wiechert langsam. Nach zwei Monaten wird ihm mitgeteilt, dass er für drei Monate ins Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen wird. Seine letzte Tagebuchnotiz (im Konzentrationslager konnte er kein Tagebuch führen) lautet:

„Trübe und kühl. Körper und Seele sauber. Gepackt und alles Gott befohlen. Lebt wohl, lebt wohl! Ich weiß, dass ich Euch glücklich wiedersehen werde. Lebt alle wohl und Gott segne und behüte Euch alle!“

Im Konzentrationslager wird ihm erst die ganze Brutalität des Regimes deutlich: Zur Eingewöhnung an den Lageralltag werden den Häftlingen Auspeitschungen von Insassen, welche sich irgendwelcher Vergehen schuldig gemacht haben sollen, vorgeführt.

Stundenlange Appelle lassen die Älteren oder Kreislaufschwachen kollabieren. Wer während der harten körperlichen Arbeit zusammenbricht, wird mit Schlägen traktiert und, falls er liegenbleibt oder keine Kameraden ihm helfen können, erschossen. Während der Arbeit darf nichts getrunken werden.

Er sieht, wie die jüdischen Gefangenen noch sadistischer und härter als die anderen behandelt werden. Wiechert ist durch all dies geschockt. Später schreibt er darüber: „Johannes nahm alles wie in einem Spiegel in sich auf. Er wollte nichts übersehen und nichts vergessen.

Es war ihm, als sei er hierhergekommen, um einmal Zeugnis abzulegen vor einem Gericht, das er noch nicht kannte und vor dem jedes seiner Worte gewogen werden würde. Er sah die Gesichter an, die vorüberkamen, und er erschrak vor der ungebändigten Rohheit, die aus ihnen sprach.“

Auch seine Mithäftlinge beobachtet er aufmerksam: „Der Ärmste unter allen aber war ein junger Mensch, der noch ein Jahr zuvor bei der Polizei Dienst getan hatte, bis ein einziges Jahr des Lagerlebens ihn zerbrochen hatte. Er hatte ein schmales, verhärmtes Kindergesicht, seine Uniform hing in Fetzen an ihm herunter, er sprach nie, er lächelte nie, er weinte nie.

Er konnte eine Stunde lang dastehen, den gestorbenen Blick in die Ferne gerichtet, ohne Mütze, indes der Regen auf sein braunes Haar fiel und an seinen Wangen herunter rieselte. Er war wie ein abgestorbener junger Baum, aller Zweige und auch aller Wurzeln beraubt, und ein Vogel hätte sich zu flüchtiger Rast auf ihm niederlassen können, wenn es Vögel im Lager gegeben hätte…..

Ihn konnte Johannes lange ansehen, und er meinte manchmal, wenn Christus einmal wiederkäme und durch dieses Lager ginge, dann würde er bei diesem zuerst stehen bleiben und den Regen aus seinen Augen wischen……“.

Wiechert erhält Unterstützung durch einen einsitzenden Proletarier, den er im Totenwald „Josef“ nennt. Dank dessen Hilfe überlebt er und schreibt später voller Dankbarkeit im Totenwald: „Guter Josef, Du wusstest nichts von Goethe und Claudius, aber wenn dereinst ein Gericht sein wird, von dem die alten Bücher schreiben, dann werden sich die Richter erheben und sie werden sich vor Dir verneigen“.

Schließlich wird Wiechert wie erwähnt schwerkrank nach Berlin gefahren.  Über den Termin mit Propagandaminister Goebbels haben wir dessen Eintrag vom 30.08.1938:

„Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K.Z. vorführen und halte ihm eine Philippica die sich gewaschen hat. Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine Bekenntnisfront. Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel. Der Delinquent ist am Schluß ganz klein und erklärt, seine Haft habe ihn zum Nachdenken und zur Erkenntnis gebracht. Das ist sehr gut so. Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.“

Die Sprache der Gewalt hat Erfolg. Künftig schweigt Wiechert. Aber immerhin: Er hatte seine Stunde der Wahrheit! Bis zum Kriegsende werden Wiecherts Reden an die Jugend unter deutschen Studenten herumgereicht. Wer weiß, wer durch ihn zu kritischem Denken angeregt wurde……

Das nach dem Krieg veröffentlichte Buch „Der Totenwald“ kann auch uns Heutigen noch manchen wertvollen Hinweis liefern, was eine Zeit bedeutet, in der man eine bestimmte „Wahrheit“ über alle anderen und abweichende Meinungen von ihr unter Verdacht stellt.

Ob auch bei uns in einigen Jahren Menschen Berichte darüber veröffentlichen, was ihnen wiederfahren ist, wenn sie eine andere als die herrschende „Wahrheit“ verkündeten? Durchaus möglich. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Und wer sich im Besitz einer allein gültigen Wahrheit glaubt (welcher Art auch immer) mag andere Wahrheiten bekämpfen wollen.

Auch heute.

4 Kommentare zu “Heldengeschichten: Ernst Wiechert und die Wahrheit

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