Die Brücke über die …. Zeit

Vom vor über 40 Jahren verstorbenen jugoslawischen Schriftsteller (Ha – wo ist Jugoslawien heute? Gibt’s nicht mehr……) Ivo Andric https://de.wikipedia.org/wiki/Ivo_Andri%C4%87 stammt ein wunderschönes Buch mit dem Titel „Die Brücke über die Drina“.

Für dieses Werk wurde Andric 1961 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet – zu Recht, würde ich sagen, denn es ist ein wundervolles Werk. Heute herrscht übrigens zwischen drei Nachfolgestaaten Jugoslawiens Streit darüber, wer den großen Schriftsteller für sich reklamieren darf….. http://www.taz.de/!5108659/

Geboren wurde er als Kroate…. Also Kroatien? Allerdings verstand er sich selber zeitlebens als Jugoslawe – also Serbien als Rechtsnachfolger Jugoslawiens? Aber seine ganze Sympathie gehörte dem damals multikulturellen Bosnien….. also Bosnien? So streitet man sich heute noch.

Andric‘ Magnum Opus „Die Brücke über die Drina“ erzählt in Anekdoten 400 Jahre Geschichte der bosnischen Stadt Vischegrad – beginnend mit dem Bau einer Brücke über den Fluss durch die Türken, zu deren Reich damals Bosnien gehörte, und endend mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges, als Bosnien Teil Österreich-Ungarns war. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Br%C3%BCcke_%C3%BCber_die_Drina

Untergegangene Reiche….. was Andric so meisterhaft gelingt, ist einmal, die Stimmung in dieser wahrhaft multikulturellen Stadt einzufangen, in der Serben, Türken, Bosniaken, Kroaten, Juden etc. weitgehend friedlich, aber immer wieder von Eruptionen der Gewalt unterbrochen, zusammenleben.

Später gesellen sich dem Völkergemisch auch noch Deutsche bzw. Österreicher (die im Roman abfällig „Schwaben“ genannt werden) sowie Polen, Italiener, Ukrainer und viele andere dazu. Andric beschreibt das Miteinander der verschiedenen Kulturen, das oft nur ein Nebeneinander ist und auch mal zum Gegeneinander wird.

Seine Zeilen haben auch für uns heute Lebenden noch einen Wert. Ein paar Zeilen aus seinem Buch sollen das verdeutlichen helfen. Wie Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ auch gelingt es Andric wunderbar, den scheinbar dauerhaften Aufschwung der Vorkriegszeit als das zu entlarven, was er war: Nur Episode im beständigen Auf und Ab der Völker und Nationen.

Über die Zeit nach der Besetzung Bosniens durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878 und die letzten Jahrzehnte vor Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 schreibt Andric:

„Es waren dies jene drei Jahrzehnte verhältnismäßigen Wohlstands und scheinbaren Friedens der Ära Franz Josephs, als mancher Europäer glaubte, er habe die unfehlbare Formel für die Erfüllung des jahrhundertealten Traumes von einer vollen und glücklichen Persönlichkeit in allgemeiner Freiheit und Fortschritt gefunden, als das 19. Jahrhundert vor den Augen der Millionen Menschen seine vielfältigen und trügerischen Gaben und seine Fata Morgana der Bequemlichkeit, Sicherheit und des Glücks, zu erschwinglichen Preisen und auf Abzahlung für alle und jeden ausbreitete.“

Klingt das nicht seltsam vertraut? Immerwährender Fortschritt…. Glück und Frieden, Toleranz und gut-sein-dürfen…. Und weiter:

„Das Volk fand Ordnung, Verdienst und Sicherheit……. Die neue Obrigkeit hatte nach den ersten Missverständnissen und Konflikten bei den Menschen einen bestimmten Eindruck der Festigkeit und Dauer hinterlassen…… Sie war unpersönlich, mittelbar und daher leichter zu ertragen als die alte türkische Herrschaft.

Alles, was an ihr grausam und habgierig war, das verbarg sie hinter Würde, Glanz und geheiligten Formen. Die Menschen fürchteten die Obrigkeit, aber so, wie man Krankheit oder Tod fürchtet, nicht, wie man vor Bosheit, Not und Gewalt zittert.

Die Träger der neuen Macht, sowohl der militärischen wie der zivilen, waren in ihrer Mehrzahl dem Lande fremd, dem Volk unbekannt und an und für sich unbedeutend, aber auf Schritt und Tritt fühlte man, dass sie kleine Rädchen eines großen Mechanismus waren und dass hinter jedem einzelnen von ihnen in langen Reihen und zahllosen Stufen mächtigere Männer und höhere Behörden standen. Dies verlieh ihnen ein Ansehen, das bei weitem ihre Persönlichkeit überragte, und einen magischen Einfluss, dem man leicht unterlag“.

Ein „großer Mechanismus“ wirkt auch heute bei uns…. Und er wird immer größer und alles durchdringender…. Und was so ein großer Mechanismus und eine neue „Freiheit“ auch bewirken können, beschreibt Andric im Folgenden sehr anschaulich:

„Das neue Leben war zwar nicht weniger bedingt und gebunden als das alte unter den Türken, nur war es leichter und menschlicher, und diese Bedingungen und Bindungen waren jetzt fern und kunstvoll miteinander verknüpft, dass sie der Einzelne nicht unmittelbar fühlte. Daher erschien es jedem, als sei es um ihn plötzlich weiter und luftiger, vielfältiger und reicher geworden.

Dem neuen Staat gelang es, mit seinem guten Verwaltungsapparat auf schmerzlose Art, ohne Gewalt und Erschütterung aus dem Volke die Steuern und Abgaben herauszupressen, die ihm die türkische Herrschaft mit unvernünftigen, groben Methoden oder glattem Raub abgenommen hatte, und zwar nicht nur genauso viel, sondern mehr noch, schneller und sicherer“.

Wie klingen diese Zeilen für uns Heutigen? Die wir mit einer Steuer- und Abgabenlast gesegnet sind, die für unsere Urgroßeltern unglaublich – teuflisch – oder schlicht nicht vorstellbar gewesen wäre. Um all das zu erheben und einzutreiben braucht es einen perfekten Apparat…. Und auch den haben wir. Natürlich braucht es Menschen, die sich in der Tretmühle abzustrampeln bereit sind. Mehr! Und schneller! Denn die Abgaben steigen und steigen….. Aber wir sind ja frei, trotz 70% und mehr Steuern auf unsere Einkünfte….. ach, so frei sind wir……. Frei, alles zu tun und zu kaufen…. Oder? Weiter Andric:

„Wie frisches Blut begann das Geld in bisher ungesehenen Mengen umzulaufen und was die Hauptsache war, öffentlich, kühn und offen. An diesem erregenden Umlauf ….. konnte sich ein jeder…… sattsehen, denn er rief auch beim Ärmsten die Illusion hervor, dass sein Mangel nur vorübergehend und daher erträglich sei.

Jetzt …. war der Reichtum, oder was man als solchen ansah und bezeichnete, öffentlich und zeigte sich immer mehr im Genuß und in persönlicher Befriedigung; und daher konnte die Menge des Volkes etwas von seinem Glanz oder seinen Abfällen erhalten. ….

Jede Befriedigung, die man bis dahin stehlen und verhehlen musste, konnte man nun kaufen und öffentlich zeigen, was auch ihre Anziehungskraft und die Zahl jener vergrößerte, die sie suchten…… Viele Leidenschaften, Neigungen und Gelüste, die bisher an versteckten Orten verborgen wurden oder überhaupt unbefriedigt blieben, konnten und durften nun öffentlich volle oder wenigstens teilweise Befriedigung suchen.

In Wirklichkeit lag auch darin mehr Zwang, Ordnung und gesetzliche Einschränkung; Laster wurden bestraft und Befriedigung wurde bezahlt, schwerer und teurer als einst, nur waren die Gesetze und Formen andere und ließen den Menschen auch hierin, wie in allem Übrigen, die Illusion, dass das Leben auf einmal weiter, üppiger und freier geworden sei.“

Und heute? Alkohol, Spielhallen, Smartphone-Gedaddel, Sport und Spiel und Spaß allerorten….. aber immer verdient jemand dabei. Immer verdient der Staat dabei. Ach, wie frei wir sind…… Wie sagte Nietzsche? Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht – aber man ehrt die Gesundheit.

Zurück zu Andric: Ebenso virtuos wie packend schildert dieser den Zerfall der multikulturellen Idylle. Nach dem Attentat von Sarajevo, bei dem ein serbischer Mann den Thronfolger Österreich-Ungarns und dessen Frau erschossen hatte, bricht eine Welle von Repressalien gegen die serbischen Einwohner Vischegrads los.

Misstrauen und Angst regieren ab nun das Verhältnis der Völker untereinander: Die Serben und Österreicher beäugen sich misstrauisch, Bosniaken und Juden schauen dem Ganzen ängstlich zu. Es kommt zu ersten Verhaftungen, Schlägereien und der Flucht mancher Serben über die Grenze nach Serbien.

Andric schildert die letzten Tage vor Kriegsausbruch und wie die Atmosphäre überall durch den Hass aufeinander vergiftet wird. Staatliche Willkür und Gewalt prägen das Bild. Doch der Autor schildert auch Wesentliches, dessen gerade wir Heutigen uns zu gegebener Zeit erinnern sollten – zwei Beispiele mögen das verdeutlichen:

Andric beschreibt die Geschichte eines türkischen Kaufmanns, dessen Großvater einst vor den Österreichern in türkisches Gebiet floh und dabei sein Geschäft zurücklassen musste. Auch der Vater musste wieder fliehen, als das türkische Gebiet dann serbisch wurde und verlor ebenfalls sein Geschäft.

Der Sohn sitzt als Flüchtling in Vischegrad mut- und kraftlos bei einem Bekannten, bei dem er untergekommen ist und sinniert über das Schicksal: „Ja, mein Alihodscha, nun ist es soweit gekommen, dass man nicht mehr aus noch ein weiß. Gott allein weiß, dass wir, mein Vater und ich, alles getan haben, um im wahren Glauben und im echten Islam zu leben.

Meines Großvaters Gebeine ruhen in Uschitze; wahrscheinlich findet man heute keine Spur mehr von seinem Grab. Den Vater habe ich in Nova Warosch begraben und ich weiß heute nicht, ob nicht die Herden der Christen es vielleicht zertreten haben.

Ich habe geglaubt, dass wenigstens ich hier sterben würde, wo noch der Gebetsruf vom Minarett erschallt, aber nach allem scheint mir, dass es uns geschrieben steht, unser Same solle ausgerottet und unsere Grabstätte unbekannt sein. Vielleicht ist es so Gottes Wille? Ich weiß jedenfalls nicht mehr ein noch aus.“

Und sein Gastgeber bemüht sich, den verzweifelten Kaufmann wieder aufzurichten, ihn zu trösten: „Alihodscha, der Mujaga (den Kaufmann, Anm. d.A.) ungewöhnlich liebte und schätzte, bemühte sich, ein Wort zu finden, das ihn tröstete und beruhigte, nicht weil er glaubte, dass es vielleicht etwas helfen könnte, sondern weil er das Bedürfnis hatte und die Pflicht empfand, seine Anteilnahme am bösen Geschick dieses anständigen, unglücklichen Mannes und wahrhaften Mohammedaners zu zeigen.“

Ein paar Straßen weiter sind serbische Flüchtlinge, denen österreichische Truppen die Häuser angezündet haben, bei ihren Verwandten und Bekannten unter gekommen. Eine junge Frau hat sich mit ihren Kindern zum Großonkel retten können, der Mann wird vermisst. Andric schreibt über ihren Mann:

„Petar war eines Tages in Geschäften nach Sarajewo gefahren. Dort hat ihn der Krieg überrascht und seit damals hat die Frau keine Nachricht von ihm. Das Militär hat sie aus dem Haus vertrieben und nun hat sie mit ihren Kindern hier bei Mihailo Zuflucht gefunden. ……

Mihailo lässt sie nicht aus den Augen und ist ständig in ihrer Nähe. Heute morgen hat er erfahren, dass man Petar bei der Rückkehr aus Sarajewo als Geisel aus dem Zug geholt ….. und bei einem falschen Alarm erschossen hat. Das halten sie noch vor ihr geheim und Mihailo passt auf, dass es ihr niemand jäh und rücksichtslos mitteilt.

Die Frau steht jeden Augenblick auf, sie will in den Hof hinausgehen, um nach dem Okolischte (ihrem Hof) zu schauen, aber Mihailo hält sie auf und überredet sie auf alle mögliche Art, denn er weiß gut, dass das Anwesen der Gatalos auf dem Okolischte schon brennt und will der unglücklichen Frau wenigstens dieses Schauspiel ersparen.

Er scherzt und lächelt und bietet unaufhörlich an: „Komm, Gevatterin Stanujka, komm, mein Lämmchen. Nur ein Gläschen. Das ist ein Labetrunk und Sorgenbrecher und kein gewöhnlicher Raki“. Und die Frau trinkt gehorsam. Mihailo bietet der Reihe nach an. Mit seiner unwiderstehlichen und unermüdlichen Herzlichkeit zwingt er jeden, sich neu zu stärken.

Dann kehrt er wieder zu der Frau zurück…… Jetzt ist sie ruhiger. Sie blickt nur nachdenklich vor sich hin. Aber Mihailo verlässt sie nicht, sondern erzählt ihr wie einem Kinde, dass alles vorübergeht, dass ihr Petar heil und gesund aus Sarajewo zurückkehren wird. ……

Und er erzählt die Geschichte von Petars Taufe, die sie alle kennen, die ihnen aber in diesen ungewöhnlichen Nachtstunden wie neu erscheint. Die Männer und Frauen rücken näher heran, lauschen und vergessen beim Lauschen die Gefahr und achten nicht auf den Geschützdonner. Mihailo aber erzählt.“

Das……DAS ist es……. Wenn wir uns DAS in den künftigen Notzeiten erhalten können – unsere Menschlichkeit und unser Für-Einander-Da-Sein – dann ist viel gewonnen! Oder zumindest nicht alles verloren. Denn übel werden die kommenden Zeiten werden – sie müssen es sogar! Zu viele Zerrbilder, die allesamt zerfallen müssen.

Wenn es dann um uns turbulent wird, ist es wichtig, dass wir anderen Stütze und Hilfe und Trost sein können – unseren Nachbarn, Familien und Freunden. Es wird dann auf echte Hilfsbereitschaft ankommen – nicht auf die Pseudo-Hilfsbereitschaft von heute oder auf die gelenkte Gutmenschlichkeit – nein.

Es wird eine ganz praktische Art des Helfens sein. Darauf sollten wir uns einstellen und diese Kraft sollten wir in uns pflegen. Wir werden sie brauchen. Die Brücke über die Drina wird am Ende übrigens gesprengt.

Auch wir werden manche Brücken hinter uns abbrechen müssen. Aber hoffentlich niemals die Brücke der Menschlichkeit! Denn das ist eine goldene Brücke, die uns mit anderen Menschen verbindet.

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