Schnipsel aus der Zeit

Falls jemand das schöne Buch „Echolot“ von Walter Kempowski nicht kennt – es ist eine lohnende Lektüre. In ihm sammelte Kempowski Fotos und Texte aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen der NS-Zeit und fügte sie zu einer Collage zusammen. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Echolot

Etwas Ähnliches tat Alexander Solschenizyn in seinem Epos „Das rote Rad“, wo er Zeitungsmeldungen aus dem Ersten Weltkrieg immer wieder unkommentiert einfügte. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_rote_Rad

Lesen bildet. Beide Projekte bieten schöne „Stimmungsbilder“ von damals – und nur so lässt sich eine Zeit wirklich verstehen oder zumindest ansatzweise verstehen – indem wir in die Stimmungen der Menschen hineinblicken und indem wir das zu sehen versuchen, was hinter offiziellen Verlautbarungen steht.

Ob wohl irgendjemand in späterer Zeit ähnliches für unsere Zeit zu erstellen versuchen wird? Möglich ist es zumindest. Was werden die Zukünftigen dann von uns denken?

Bei mir gibt es einmal die Woche im Briefkasten das „Sachsenhäuser Wochenblatt“. Eine kleine Postille mit lokalen Nachrichten aus den Frankfurter Stadtteilen Sachsenhausen, Lerchesberg und Oberrad. Auch oder gerade aus solchen Blättern lassen sich gute Stimmungsbilder (auch der aktuellen „Irrungen und Wirrungen“) ableiten.

Am 12.10. berichtete man dort zum Beispiel von einem vom Evangelischen Stadtpfarramt ausgerichteten und von hunderten Menschen frequentierten „Lauf gegen Rassismus“. Dem Lauf wurde das Banner „Lieber Gott als Nazischrott“ vorangetragen (ja, unsere Fahne flattert uns voran…. damals wie heute). 🙂

Mit abgebildet war ein Foto von applaudierenden Teilnehmern, darunter der US-Amerikanische Konsul nebst Frau – direkt neben ihm stand ein schüchtern wirkendes Mädchen mit einem nur das Frontalgesicht freilassenden Kopftuch.

Am 26.10. konnte man in der Postille von einem Raubüberfall durch etwa 12 bis 15 Personen auf fünf Jugendliche an einem Freitag Abend am Mainufer lesen. Die Tätergruppe forderte die Herausgabe von Handys und Geld, dem die Jugendlichen, nachdem sie mit Schlägen und Tritten bearbeitet worden waren, nachkamen.

Einer der Jugendlichen musste anschließend mit leichten Verletzungen im Krankenhaus aufgenommen werden. Die Polizei bat um Zeugen, die Täter wurden als „südländisch“ beschrieben. („Südländisch“ ist ein weiter Begriff – doch wem würden dazu Italiener oder Griechen einfallen)?

In der Ausgabe vom 02.11. wurde der Beginn der Interkulturellen Wochen angekündigt. Ein Zeichen für die Vielfalt und Offenheit der Stadt und die Gelegenheit, neue und alte Nachbarn zusammen zu bringen, so die Frankfurter Dezernentin für Integration und Bildung.

Zunehmender Wandel bereite zwar Manchen Sorgen, räumte die Dezernentin ein, doch könnten Feste helfen, das eigene Weltbild zu hinterfragen.

In der jüngsten Ausgabe vom 09.11. wurde ein interessantes Projekt mit jugendlichen Alt- und Neu-Frankfurtern, wie es hieß, vorgestellt. Die Jugendlichen, 12 an der Zahl, führten im Deutschen Architekturmuseum eine Performance mit der Unterstützung von Multimedia vor.

Alte und ewig neue Fragen wie solche, wie Angst entsteht, wie man nicht konkret greifbare Angst schüren könne, ob Angst zwangsläufig zur Aggression führe etc. standen im Fokus. Ein geradezu prophetischer Satz wurde von einer der Akteure zur Frage, was Sicherheit sei, geäußert: Sicherheit sei ein Irrtum.

Was werden spätere Geschlechter mal von uns denken? Ich hoffe, sie werden vom Wesen her gütig und geduldig sein. Ansonsten könnte das Urteil sehr unfreundlich ausfallen.

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