Motorola – Held oder Unhold?

Der Bürgerkrieg in der Ukraine ruht (weitgehend) seit dem Sommer letzten Jahres. Zwar beschießt die ukrainische Artillerie weiterhin sporadisch diverse Wohngebiete im Donbass, doch herrscht ansonsten Ruhe an der Front.

Diese Ruhe wird allerdings immer wieder durch Attentate bzw. Attentatsversuche auf wichtige Persönlichkeiten der Rebellen unterbrochen. Der Präsident der DNR, der Volksrepublik Donezk, Alexander Sachartschenko, war bereits Ziel eines (fehlgeschlagenen) Attentats gewesen.

Ebenso einer der durch diverse Fernsehreportagen und Internetfilme bekannt gewordenen Batallionskommandeure der Rebellen, der den Kunstnamen „Givi“ trägt. Auch auf ihn wurden bereits zwei Attentate verübt, ohne dass er zu Schaden kam. Ein wirkliches Opfer forderte das jüngste Attentat vor einer Woche.

Ihm fiel der aus Russland stammende Batallionskommandeur „Motorola“, der im richtigen Leben Arsen Pavlov hieß, zum Opfer. Der Fahrstuhl des Hauses, in dem er wohnte, war mit einer Bombe präpariert worden. Sie explodierte, als Pavlov den Fahrstuhl betrat. Er war sofort tot.

Pavlov hatte sich als Freiwilliger den Streitkräften der Separatisten im April 2014 angeschlossen. Da er als russischer Marine-Infanterist ausgebildet worden war und zwei Einsätze in Tschetschenien aufzuweisen hatte, stieg er mit seiner Erfahrung schnell zum Kommandeur auf.

Mit seinem aus der Ukraine stammenden Kollegen Givi wurde er ein von Fernsehteams aus Russland gern interviewter Offizier. Ja, er und sein Kollege wurden fast so etwas wie Stars, da sie es verstanden, witzig und authentisch herüber zu kommen (man stelle sich das für Deutschland vor – geistreiche Offiziere…. und dann noch im Fernsehen? Undenkbar).

Hier ein paar Beispiele für Interviews, in denen beide Protagonisten sich im Krieg die Bälle zuspielen – für mich recht beeindruckend:

https://www.youtube.com/watch?v=iIxpqrWFAtQ

https://www.youtube.com/watch?v=8l4mvWzO1dE

https://www.youtube.com/watch?v=7tRuoMJm9-M

Beide Offiziere verstehen sich auf Wortspiele, kommen irgendwie ehrlich herüber – und waren zudem noch offenbar gute Soldaten, die ihre Truppen zu führen wussten und daher bei ihnen beliebt waren. Der Tod von Motorola ist daher auch der Tod einer Symbolfigur für den Widerstand gegen die Ukraine.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: In der Ukraine äußerte man Freude darüber, dass ein Kriegsverbrecher zu Tode gekommen war (man warf Motorola von Seiten der Ukraine vor, dass er gefangene ukrainische Soldaten erschossen habe, was dieser bestritten hatte).

Der Präsident der DNR schwor blutige Rache an denen, welche für diesen Mord verantwortlich seien. Die Schuldigen verortete er in der Ukraine. https://www.youtube.com/watch?v=jc2nbNWUGIM Ähnlich äußerte sich auch Batallionskommandeur Givi. https://www.youtube.com/watch?v=nlEEnZ7oyDA

Der für gewöhnlich sehr gut informierte Blog The Saker spekulierte, dass der Mord kaum vom ukrainischen Geheimdienst allein ausgeübt worden sein könne, da dieser durch notorische Unfähigkeit auffalle. http://thesaker.is/the-murder-of-motorola-questions-which-must-be-answered/

Allerdings machte er gravierende Sicherheitsmängel in Motorolas Umfeld aus und fragte sich (und seine Leser) wie es sein könne, dass ein so bekannter und gefährdeter Kommandeur wie Pavlov (auf den bereits zwei Attentate verübt worden waren) keine bessere Bewachung bekommen habe.

Wie könne es sein, dass jemand in sein Haus eindringen und dort eine Bombe plazieren konnte? Diese und andere Fragen führten den Saker zur Feststellung, dass die DNR-Führung offenbar unfähig sei, die Sicherheit ihrer Offiziere zu gewährleisten – und dass es für Russland an der Zeit sei, stärkere Verantwortung zu übernehmen.

Außerdem spekulierte der Saker, dass der Mord auch auf internen Streitigkeiten innerhalb der Rebellen beruhen könnte. Tatsächlich sind bereits andere hohe Offiziere der Aufständischen durch Attentate ums Leben gekommen, bei denen die Hintermänner innerhalb der Reihen der Rebellen vermutet werden.

Freilich gibt es auch andere Stimmen: Ein in den Reihen der Donbass-Streitkräfte kämpfender US-Amerikaner, der nicht weit von Motorola wohnt, vermutet aufgrund der schlechten Besicherung des Offiziers, dass es eben doch der ukrainische Geheimdienst gewesen war. http://www.fort-russ.com/2016/10/texas-who-killed-motorola-and-why-ill.html

Wie es wirklich gewesen ist im Falle Motorola wissen wir schlichtweg noch nicht. Vielleicht werden wir es nie erfahren. Ob es der ukrainische Geheimdienst war oder der israelische, ein Verrat vorlag oder jemand ganz anderes aktiv war, können wohl erst die Historiker eines Tages herausfinden.

Eine gute Darstellung des Mordes an Motorola und der Fragestellungen, die sich daraus ergeben, hat auch ein offenbar in Russland sehr bekannter Blogger vorgenommen – wer also mehr dazu wissen will, wird hier fündig. https://www.youtube.com/watch?v=l3ahWVKPQTE

Wer zudem weiteres über die durchaus interessante Person Arsen Pavlov erfahren will, wird hier fündig. https://slavyangrad.org/2016/10/17/knight-of-the-cheerful-countenance/ Motorola hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder.

Schlusswort: Ich vermute, der Konflikt im Donbass wird eines Tages wieder heiß werden: Das Regime in Kiew braucht angesichts der horrenden wirtschaftlichen Daten (begleitet von einer Massenmigration der Ukrainer – es wird angenommen, dass zw. 5 und 8 Millionen Ukrainer in den letzten Jahren, d.h. auch schon bereits vor den Maidan-Ereignissen und dem Bürgerkrieg, das Land verlassen haben) einen äußeren Feind, auf den der Volkszorn umgelenkt werden kann.

Der äußere Betrachter mag die Ukraine auch als Spielball geopolitischer Interessen ansehen und aus der Reflektion über dortige Ereignisse neue Erkenntnisse zu Massenpropaganda, Manipulation und Mind Control gewinnen.

In jedem Falle sind es Menschen, die dort leiden, manipuliert und ins Unglück gestürzt werden. Noch können wir uns freuen, dass dies weit weg erscheint. „Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei – wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen…“. (Goethe, Faust).

Das Kriegsgeschrei ist allerdings bereits näher an uns herangerückt. Eines Tages dürfte es auch bei uns ertönen.

Ein Kommentar zu “Motorola – Held oder Unhold?

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