Ein Symbolchen

Letztens erzählten mir meine Eltern eine Geschichte von einer Nachbarin von Ihnen. Diese, eine mir bekannte, sympathische (in der Kleidungswahl gerne mal durch schrille Farben auffallende) Dame von 80 Jahren, noch sehr rüstig und lebendig, war eines Abends in Wiesbaden in der Innenstadt unterwegs um Einkäufe zu tätigen.

Nach Erledigung ihrer Besorgungen wartete sie an der Haltestelle Wilhelmstr. auf den Bus, der sie nach Hause (d.h. in den Vorort Wiesbaden-Bierstadt) bringen sollte. Es war spät und an der Haltestelle stand sonst niemand. Eine Gruppe von zehn bis zwölf jungen Männern erschien (ob Araber oder Türken wusste die Nachbarin im Nachhinein nicht).

Diese jungen Männer begannen, ein paar Meter neben der Nachbarin meiner Eltern stehend, sich über diese so zu unterhalten: Was will die Schlampe so spät abends hier? Die sollte lieber schnell nach Hause gehen! Die Schlampe hat hier nichts verloren. Etc.

Das Schauspiel endete, als der Bus kam, auf den die Nachbarin meiner Eltern gewartet hatte. Sie stieg schnell ein, fuhr nach Hause und bestellte dort eine Art Alarmsirene, die man wohl in der Jacke tragen kann (ein Pfefferspray wollte sie nicht, da sie nach eigener Aussage nicht wisse und auch nicht wissen wolle, wie so eines funktioniert. Aber Lärm als Abschreckung fand sie gut).

Nun ist nichts weiter passiert – kein Grund für ein Drama oder gar für eine Pressemeldung. Es gab keine Verletzten, keinen Aufruhr  – nichts weiter. Nur eine alte Frau ist auf eine Weise angegangen worden, die es früher so nicht gab.

Und sofern Freunde des Relativierens diesen Text lesen, so sei Ihnen gesagt, dass es so etwas tatsächlich nicht gab. Denn um 80jährige Frauen als Schlampen zu bezeichnen braucht es eine gewisse Geisteshaltung und eine bestimmte Prägung. In Abwandlung eines post-Kölner Spruches gibt es Arschlöcher zwar überall, aber sie zeigen doch unterschiedliche Verhaltensweisen.

Ich war auch mal jung und wir haben ziemlichen Unfug gemacht und auch mal Streit gesucht und waren in Prügeleien verwickelt und hässliche Szenen. Aber eine alte Frau als Schlampe zu bezeichnen wäre uns wohl nicht in den Sinn gekommen. Ehrlich gesagt wäre ich wohl gar nicht auf den Gedanken gekommen.

Insofern ist diese kleine Anekdote a sign of the times wie ein unlängst viel zu früh verstorbener Zeitgenosse sagte. And the times will get harder. Die typisch deutschen Lösungen – Pfeffersprays oder Ratschläge wohlmeinender Zeitgenossen wie diese:

Ihre Frau wird attackiert? Nicht eingreifen! Besser das Ganze mit dem Handy filmen. (Kein Scherz). http://www.welt.de/debatte/kolumnen/made-in-germany/article155489510/Muessen-Maenner-ihre-Frauen-mit-der-Faust-verteidigen.html Oder auch: Jemand macht jemand anderen an? Den Aggressor nicht bloßstellen! Sonst dürfte er wütend werden. …… (Den Link finde ich leider grad nicht mehr).

Diese typisch deutschen Lösungen zeigen die Hilflosigkeit angesichts gewisser unguter Entwicklungen. Die noch nicht zu Ende sind! Also: Wach bleiben und aufmerksam.

Zudem mir persönlich scheint: Wenn man seitens der Politik (und niemand anders als die Politik ist dafür verantwortlich) dafür sorgt, dass ein Klima der Angst entsteht, in dem automatisch Rufe nach schärferen Gesetzen, mehr Polizei, mehr Kameras etc. lauter werden – hat man da eventuell zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen? Könnte man auch mal drüber nachdenken.

Ein Kommentar zu “Ein Symbolchen

  1. Oh je das ist ja mal wieder ne Geschichte. Keinerlei Respekt haben diese Menschen die eine Frau die vllt 4 x solange auf erden wandelt wie die , einfach so anpöbeln. Bin sprachlos über so viel Dreistigkeit.

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