Skizzen aus dem Spanischen Bürgerkrieg

Letztens fiel mir durch Zufall das schöne Buch „Der Spanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten“ in die Hände. Im dtv-Verlag erschienen, beschränkt sich das Buch weitgehend darauf, den Zeitzeugen von damals auf beiden Seiten das Wort zu erteilen. So entstehen sehr interessante Bilder und Beschreibungen.

Der Spanische Bürgerkrieg, der im Grunde wie eine Ouvertüre für einen sehr viel größeren Krieg war, hat in Spanien nie eine Aufarbeitung gefunden. Der Sieg der Nationalen oder Faschisten über die Republikaner hatte eine bleierne, wenn auch stabile Zeit zur Folge (vor dem Bürgerkrieg war Spanien lange Zeit durch innere Unruhen, Aufstände und Putschversuche von links wie rechts geprägt gewesen). General Franco regierte Spanien bis zu seinem Tode im Jahr 1975.

Als ich 2012 den Jakobsweg durch Nordspanien entlang wanderte, sah ich hier und da noch Spuren dieses grausigen Bürgerkrieges. In einem Tal in (ich glaube in Navarra) fand ich eine erst vor einigen Jahren errichtete Gedenktafel für 300 Zivilisten (Männer, Frauen und Kinder), welche in diesem Tal von den Faschisten erschossen worden seien.

Ein paar Tage später bemerkte ich an einer Kirche eine alte und verblichene Gedenktafel, welche die „tapferen Verteidiger des Vaterlandes“ pries, welche hier im Kampf gegen die Kommunisten gefallen seien. In einer Herberge kam ich eines Abends mit zwei älteren Spaniern (beide Ende 50 oder Anfang 60) ins Gespräch.

Beide waren noch Zeugen der Franco-Zeit gewesen und ich hatte sie u. a. gefragt, ob Spanier sich heute nach dieser Zeit und ihrer Stabilität zurücksehnen würden? Beide verneinten; wohl sei es stabiler und geordneter als heute gewesen, doch sei es eine bleierne Ruhe gewesen.

Allerdings (und hier seufzte einer der beiden) habe der Bürgerkrieg Wunden geschlagen, welche bis heute nicht geheilt seien und Spanien immer noch innerlich trennen würden. Die Grausamkeiten des Krieges seien nie aufgearbeitet worden und es hätte nie eine Versöhnung stattgefunden.

Dieses Gespräch hatte mich damals nachdenklich zurückgelassen. Der Spanische Bürgerkrieg ist historisch längst aufgearbeitet, literarisch haben ihm u.a. Hemingway und in der Malerei Picasso Denkmäler gesetzt.  https://de.wikipedia.org/wiki/Spanischer_B%C3%BCrgerkrieg

Der Blutzoll war immens: Zwischen 400- und 500.000 Menschen kamen damals in Spanien ums Leben. Ich will im Folgenden ein paar lose Skizzen aus dem Spanischen Bürgerkrieg präsentieren. Nicht, um zu werten. Das haben andere schon ausführlich getan.

Es geht mir nicht darum, die Rollen von Falange und Franco, von deutscher und sowjetischer Unterstützung etc. detailliert zu beleuchten oder gar zu beurteilen. Vielmehr möchte ich einzelne Skizzen aus dieser grausigen Zeit malen, aus welchen sich für manchen Betrachter ein neues Bild zusammenfügen könnte.

Der grobe Ablauf ist weitgehend bekannt: Der spanische General Franco putscht 1936 gegen die republikanische Regierung. Diese wird im Folgenden durch englische, französische und russische Waffenlieferungen unterstützt (wobei die Russen auch Militärberater schicken), während Franco mit der spanischen Armee, die fast gesondert zu ihm übergelaufen ist, von deutschen und italienischen Waffenlieferungen und direkter militärischer Unterstützung profitiert (Hitler schickt eine Abteilung der Luftwaffe, die Legion Condor, und Mussolini reguläre italienische Truppen, immerhin 50.000 Mann). Auch als Folge davon werden die sogenannten Internationalen Brigaden gegründet. Dies sind Freiwilligenverbände mit jungen Männern aus ganz Europa, welche auf Seiten der Republik kämpfen und deren Zahl auf ca. 45.000 Mann anwächst.

Der Krieg dauert von Sommer 1936 bis Frühling 1939. Am 29.03.1939 erklärt sich die republikanische Regierung für besiegt. Soweit die Daten.

Der Krieg beginnt als großes Durcheinander. Nach den Neuigkeiten über den Putsch von Franco im Juli 1936, der sich von den Kanaren, wo er stationiert war, nach Süd-Spanien begibt, meutert auch andernorts oftmals die Armee. Manche dieser Meutereien werden niedergeschlagen (so in Barcelona), andere nicht.

Es kommt zu ersten Grausamkeiten auf beiden Seiten, die sich über den Krieg steigern werden. Sozialisten und Kommunisten wüten unter Priestern, Nonnen, gefangenen Falangisten etc. während umgekehrt die Faschisten Arbeiter, Sozialisten und andere reihenweise foltern und ermorden lassen.

Im Chaos der ersten Kriegsmonate versucht General Franco den Sieg per Handstreich und die Einnahme von Madrid. Dort scheitert er. Das Wort der spanischen Sozialistin La Pasionara, die zum Verteidigungskampf aufruft, wird weltberühmt. Ihren leidenschaftlichen Appell an die Madrilenen, zu kämpfen, schließt sie mit den Worten:

Es ist besser auf den Füßen zu sterben, als auf den Knien zu leben! No pasaran! Sie werden nicht durchkommen! Dieses No Pasaran wird später zum geflügelten Sprichwort werden.

Schnell zeigt der Krieg sein grausames Gesicht. Militärstützpunkte werden von Kommunisten und Anarchisten überrannt, die Besatzungen grausam niedergemacht. Umgekehrt schicken die Revolutionäre Todesschwadronen durch die von ihnen beherrschten Gebiete, die wahllos Sozialsten hinrichten lassen.

Der Blutstrom schwillt schnell an. Einer der vielen ausländischen Kriegsberichterstatter (nicht nur Hemingway, auch Orwell und Koestler, Ehrenburg und Saint-Exupery schreiben aus Spanien) berichtet von der Zweckentfremdung einer Stierkampfarena in der nordspanischen Stadt Bajajoz, in der die Nationalen wüten:

Man treibt noch immer Menschen zusammen. Um 4 Uhr werden sie durch das Haupttor, durch das sonst die Cuadrilla einzieht, hereingeführt. Im Ring warten die Maschinengewehre….. Eintausendachthundert Männer und Frauen wurden in zwölf Stunden zusammengetrieben. Eintausendachthundert Körper enthalten viel mehr Blut, als man denken sollte.

Bei einem Stierkampf kommen, wenn ein Stier oder ein Pferd viel Blut verloren hat, die „weisen Affen“ und streuen frischen Sand. Doch an einem heißen Nachmittag riecht man das Blut. Es ist ziemlich widerlich. Es war eine heiße Nacht. Und da war dieser Geruch. Ich kann und will ihn nicht beschreiben.

Die weisen Affen werden viel zu tun haben, wenn der Ring in Ordnung kommen soll bis zum nächsten Geschlachte. Was mich angeht….. nie mehr Stierkampf….. nie.

In der spanischen Stadt Toledo wird die Festung Alcazar von 1.300 nationalen Truppen über zwei Monate gegen eine Übermacht republikanischer Milizionäre gehalten. Ende September erfolgt der Entsatz durch die Nationalen (und die blutige Rache). Doch auch bei den Belagerern ist man nicht zimperlich.

Der spanische Kommandant des Alcazar beschreibt nachträglich, wie man ihn eines Tages zur Übergabe zu überreden versuchte:

Am Nachmittag des 23. Juli läutete das Telefon und man verlangte, mich zu sprechen. Ich nahm den Hörer und der Chef der Miliz von Toledo sagte mir mit donnernder Stimme: „Sie sind für all die Verbrechen verantwortlich, die nun in Toledo geschehen. Ich gebe Ihnen zehn Minuten Zeit, um die Übergabe zu bedenken. Übergeben Sie nicht, so werde ich Ihren Sohn, der hier neben mir steht, erschießen lassen“.

Ich sagte: „Das glaube ich nicht.“

Chef der Miliz: „Überzeugen Sie sich selbst. Er kommt jetzt ans Telefon“.

Sohn: „Vater“.

Ich: „Was ist, mein Junge?“

Sohn: „Nichts, sie sagen, wenn Du nicht übergibst, werden Sie mich erschießen.“

Ich: „Gut, dann empfiehl Deine Seele Gott und stirb, wie es sich für einen wahren Patrioten gehört, mit dem Ruf: Es lebe Christus, unser Erlöser, und Spanien!“

Sohn: „Alles Gute, Vater.“

Ich, zu dem Chef der Miliz: „Die Frist von zehn Minuten können Sie sich sparen. Erschießen Sie meinen Sohn. Der Alcazar wird sich nicht ergeben!“

Und so wurde der Sohn des Kommandanten erschossen. Heldenmut? Wahnsinn? Konsequenz? Es sei dem Leser überlassen, das Urteil zu sprechen. Im Angesicht des Todes zeigen sich Grausamkeit und Fanatismus – wie auch Traurigkeit und Demut. Der Falangeführer Primo de Rivera wird von den Republikanern in Alicante als Geisel gehalten und zum Tode verurteilt:

Als das Todesurteil feststeht, bricht Primo de Rivera zusammen. In seinen letzten Worten bittet er um Milde und sagt: Ich gehöre nicht zu denen, die in einer Situation wie der meinen vorgeben, dass sie das Leben verachten. Leben ist nicht ein Feuerwerk, das man am Ende einer Gartenparty verlässt.

Die Milde bleibt aus, das Urteil wird vollstreckt. Von seinem letzten Gang wird berichtet: Seine letzten Worte waren ein Gruß an den Wächter, kurz ehe sie ihn holen kamen. Er sagte: Wächter, wenn ich etwas getan habe, was sie störte oder belästigte, so vergeben Sie mir.

So seltsam fremd uns manches Verhalten erscheinen mag (tut es das?), so vertraut sind manche Phänomene im Spanischen Bürgerkrieg. Neue Waffensysteme werden eifrig getestet: Nicht nur Hitler sieht sich den Einsatz seiner Luftwaffe befriedigt an. Russische Generäle (welche samt und sonders später im Gulag landen), beobachten den Einsatz der russischen Panzer.

Italienische Augen sind auf die Vorgehensweise der Soldaten Mussolinis gerichtet. Man bombt, zerfetzt, zermalmt und registriert, wie effizient diese oder jene neuen Methoden und Mittel sind. (Dass man heutzutage russische oder amerikanische Waffensysteme in Syrien testet – davon können wir ausgehen).

Und auch wenn in der Hauptstadt zunehmend Bomben fallen, so will das „vergnügungssüchtige Madrid“, wie es ein Kriegsberichterstatter nennt, seine Gewohnheiten beibehalten. Man geht aus, man amüsiert sich (noch intensiver), man hört Schlager und sieht Filme.

Das Folgende klingt ebenfalls sehr vertraut: Ein Angriff auf das Stadtzentrum….. Am Freitag, den 30. Oktober 1936 fielen sechs Bomben auf die Plaza de Colon. Sechzehn Personen wurden getötet, sechzig verwundet. Eine Bombe fiel in eine Schlange von Frauen, die vor einem Milchgeschäft anstanden. ….

Man hatte das Flugzeug nicht anfliegen gehört. Die Rebellen behaupteten, der Angriff sei von der republikanischen Regierung inszeniert worden, um die Bevölkerung gegen Franco aufzubringen. Zitat Ende. Wem würden da nicht syrische Krankenhäuser einfallen, die mal die Russen, mal die Amerikaner bombardieren sollen? Jeweils beschuldigt die eine Seite die andere.

Das Folgende findet so (noch nicht) statt, wird aber angesichts zunehmender Flüchtlingsströme sicher auch noch kommen: Ein Reporter berichtet von seinen Erlebnissen an der portugiesischen Grenze, wo die portugiesische Grenzpolizei zu flüchten versuchende Sozialisten zurückschickt – in den sicheren Tod. Zitat:

Wir fuhren nach Camp Maior, das … auf der portugiesischen Seite der Grenze liegt. Ein gesprächiger Grenzpolizist sagte: „Natürlich schicken wir sie zurück. Es ist für uns zu gefährlich. In einem solchen Augenblick können wir keine Roten in Portugal gebrauchen.“

„Und wie steht es mit dem Asylrecht?“ – „Oh“, sagte er, „Badajoz (das von den Faschisten kontrolliert wird) beantragt die Auslieferung.“ –  „Aber es gibt doch keine Auslieferung aus politischen Gründen.“ – „Das wird an der ganzen Grenze so gemacht. Wir haben entsprechende Befehle aus Lissabon.“

Er war recht böse über meine Fragen. Wir wiesen uns aus und fuhren nach Elvira zurück. Zitat Ende. Rechtfertigen Verbrechen von damals Unsinn und Rechtsbruch von heute? Sicher nicht. Damals ging es nicht um Menschlichkeit – und heute auch nicht. Doch weiter:

Ein deutscher Angehöriger der Legion Condor berichtet von der Einnahme der Stadt Bilbao: Deutsche und italienische Panzerwagen rücken in die Stadt vor… Die Freude wird aber erheblich gedämpft durch das Bild, das sich in der Stadt den einrückenden Truppen bietet. Armes Volk, wie bist Du betrogen worden!

Ein Jahr Bolschewistenherrschaft hat sich tief in die Gesichter der halbverhungerten Menschen gegraben. Ein Teil der Bevölkerung ist völlig betrunken, die Kinder fallen vor Schwäche um, wenn sie Brot nur zu sehen bekommen. Meinen Wagen habe ich schon mit allerlei Lebensmitteln bepackt, in Minuten ist alles bis auf’s Letzte weg.

Gierig kreischen die Frauen danach, zanken sich darum, kratzen sich, beißen sich gegenseitig mit den Zähnen, spucken aber aus, wenn sie merken, dass wir Deutsche sind. Trostlos ist die Verhetzung dieser Menschen. Durch üblen Schnaps und Fusel sind sie bis zum Wahnsinn aufgepeitscht worden.

(Eine alte Frau, wird von drei deutschen Soldaten vorm Ertrinken gerettet). Als die merkt, dass wir Deutsche sind, fängt sie an, einen Verzweiflungskampf zu kämpfen in ihrem fanatischen Hass. Lieber ertrink ich, als dass ich mich von Deutschen retten lasse, kreischt sie und schlägt und beißt um sich, dass die drei Soldaten sich nur mit Mühe wehren können.

Endlich ist das ekelhafte Weib überwältigt und im Kahn an Land gebracht. Sie hasst die Deutschen, die ihr das Leben retten. So war die Wahrheit, so war die Verhetzung. Zitat Ende. Anmerkung: Ich erinnere mich, mal einen ähnlich klingenden Bericht eines US-Amerikanischen Soldaten im Irak gelesen zu haben. Tempus fugit….

Und wer hat recht? Die alte Frau? Die Deutschen, die sie retten? Auch hier ist es eine Frage des Blickwinkels. Der spanische Bürgerkrieg kann uns auch hier manches interessante erzählen. Schrecklichste Grausamkeiten, massenhafter Mord und Folter finden statt. Die Falangisten stechen gefangenen Kommunisten die Augen aus, die Tscheka wütet brutal unter echten und vermeintlichen Gegnern.

Manche später bekannten und manche vergessenen Namen tauchen in Spanien auf. Ein Walter Ulbricht führt in Spanien eine Abteilung in den Internationalen Brigaden, die deutsche, schweizerische und österreichische Freiwillige auf etwaige „trotzkistische Gesinnung“ prüft. Der lange Schatten Stalins fällt auf manchen – Ulbricht aber wird später, wie wir wissen, Karriere machen.

Dem stehen Gestalten wie der Schweizer Otto Brunner gegenüber. Dieser kämpft als Freiwilliger auf Seiten der Internationalen Brigaden, behält sich eine idealistische Gesinnung (durch die er mit Menschen wie Ulbricht aneckt), wird in Spanien schwer verwundet und beendet sein Leben als kleiner Monteur in der Schweiz.

Wer von den beiden wohl der glücklichere gewesen sein mag? Wir wissen es nicht.

Wenn wir an Spanien denken, dann an „Wem die Stunde schlägt“ von Hemingway oder an Picassos „Guernica“. Dass in Frankreich (wie in vielen anderen europäischen Ländern auch) Lager betrieben wurden, in denen man die aus Spanien flüchtenden Menschen internierte und die man damals ehrlicherweise „Konzentrationslager“ nannte – das haben wir vergessen (und heute nennt man diese Lager Internierungslager). https://de.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs

Damals aber sprach man noch von Konzentrationslagern. Lassen wir einen der Internierten nach der Flucht über die französische Grenze erzählen: Wir fragten einen Offizier der Garde Mobile, wohin es jetzt ginge. Er antwortete nicht. Als ob wir nicht da wären.

Wir fragten einen zweiten. Der brüllte: Allez hopp! Nicht stehenbleiben! Und gab dem nächsten einen Stoß ins Kreuz. Dieses grobe Allez-Hopp mit dem man wohl Viehherden antreibt, begleitete uns den ganzen Tag.

Noch kannten wir das Ziel nicht. Wir waren bereits 30 km im Eiltrab marschiert, und es ging gegen Abend. Wir waren hungrig und durstig. Aber es gab nichts zu essen oder zu trinken, nicht mal eine kurze Ruhepause…… Plötzlich, auf einem Dorfplatz, entdeckten wir ein großes, frisch gemaltes Schild: Au Camp de Concentration!

Zum Konzentrationslager. Also nicht wie Veteranen eines Freiheitskrieges behandelte uns die französische Regierung, sondern wie Sträflinge, die nach Cayenne verschifft werden! Welch bittere Enttäuschung. (Und über das Lager selbst):

Am Abend dieses Tages hatten sich die Kameraden der Internationalen Brigaden in ihrem Stacheldrahtcamp zusammengefunden. Um die Karrees standen schwarze Wachtposten; an den Ecken waren Maschinengewehre drohend auf uns gerichtet.

Zu essen hatte es auch hier nichts gegeben. Nur ein paar Kochgeschirre voll Wasser konnten aufgetrieben werden. Die Nacht wurde kalt. Dazu machte sich der gefürchtete steife Nordwind auf, der Mistral, der uns den feinen Steppensand wie mit einem Gebläse ins Gesicht fegte, so dass sich die Augenlider entzündeten.

Wo sollten wir nun, auf flacher Sandsteppe, ohne jeden Windschutz, die Nacht verbringen? Alles war todmüde. Wir buddelten uns mit den Händen zwei Meter lange und einen halben Meter tiefe Gräben in den Sand und legten uns darin lang, alte Wäsche um Ohren und Hals gewickelt, und versuchten, trotz der Kälte, die vor allem unsere Füße starr machte, zu schlafen.

Es ging nicht. Nach kurzer Zeit hatte der Wind so viel Sand über einen geweht, dass man Gefahr lief, sich selbst zu begraben. Wir standen wieder auf und liefen trapsend und uns schüttelnd umher. Als der Morgen kam, standen wir mit eingezogenen Köpfen verdreckt und unrasiert in der Landschaft.

Soweit die Beschreibung eines französischen Konzentrationslagers (die nebenbei als Erfindung den Engländern zugeschrieben werden können, die diese als erste im Burenkrieg eingesetzt hatten). Gibt es vielleicht irgendwo eine weltweite Geschichte der Konzentrationslager? Die würde mich interessieren.

Dass es auch in den USA welche gab (für Japaner), oder in Kanada oder dass auch in Australien auch im Ersten Weltkrieg dort deutsche Auswanderer interniert worden waren, ist mir bekannt. Ah – dem Netz sei Dank, bei Wiki findet sich eine Liste  – was die Qualität der Daten angeht, kann ich dazu nichts sagen: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_concentration_and_internment_camps

Zurück zum Thema: So grausig und entsetzlich der spanische Bürgerkrieg war, so bot er doch auch wie jeder Krieg Zeichen der Hoffnung. Handlungen aus Solidarität und Menschlichkeit kamen genauso wie Pausen und ein Atemholen innerhalb der Kampfhandlungen vor.

Ein ausländischer Diplomat versteckte einen hochrangigen Offizier der Falange und dessen Familie in seinem Haus und rettete so sein Leben vor den republikanischen Milizen, die ihn suchten, um ihn umzubringen. Dies tat er, obwohl er selber Freund der Republik war.

Antoine de Saint-Exupery, dessen Werk „Der kleine Prinz“ nach seinem Tode weltberühmt werden sollte, fuhr im Sommer 1936 durch Aragonien und sah eine beschauliche Landschaft:

Nun haben wir abermals den äußersten Punkt unseres Vormarsches erreicht. Eine Mauer aus Pflastersteinen versperrt die Straße, und sechs Gewehre sind auf uns angelegt. Vier Männer und zwei Frauen liegen hinter dieser Mauer. Mir fällt auf, dass die beiden Frauen nicht wissen, wie man ein Gewehr hält.

„Hier könnt Ihr nicht weiterfahren!“ – „Weshalb?“ – „Die Aufständischen…..“  Man zeigt uns in einem Abstand von 800 m ein weiteres Dorf, das getreue Abbild des hiesigen. Gewiß gibt es dort eine Barrikade, die genauso aussieht wie unsere. Und vielleicht auch eine Dreschmaschine, die für die Aufständischen arbeitet.

Wir haben uns neben die Milizsoldaten ins Gras gesetzt. Sie legen ihre Gewehre ab und schneiden Scheiben von einem frischen Brotlaib. „Seid ihr von hier?“ – „Nein, Katalanen aus Barcelona, Kommunistische Partei…..“ Eine der jungen Frauen reckt sich und setzt sich mit flatternden Haaren auf die Barrikade. Sie ist etwas plump, aber frisch und schön. Strahlend lächelt sie uns an:

„Wenn der Krieg aus ist, werde ich hier im Dorf bleiben….. man hat es viel besser als in der Stadt…. Das wusste ich gar nicht!“ Und liebevoll blickt sie um sich, als erlebte sie eine Offenbarung. Bisher kannte sie nur die grauen Vorstädte, die morgendlichen Wege zur Fabrik und die Erholung in trüben Cafes.

Alle Bewegungen, die man rings um sie vollführt, kommen ihr vor die Gebärden eines Festes. Jetzt springt sie auf und läuft zum Brunnen. Gewiß glaubt sie, sie tränke aus dem Schoße der Erde. Soweit de Saint-Exupery.

Was wohl aus der jungen Frau geworden ist? Hat sich ihr Traum erfüllt? Oder wurde sie gefangen genommen, vergewaltigt und ermordet? Oder ging sie zurück nach Barcelona, wurde eine verbitterte alte Frau? Oder behielt sie sich etwas von dem Zauber, den de Saint-Exupery schildert? Wir wissen es nicht.

A propos Barcelona: Dort revoltiert im Sommer 36 wie überall die Armee, doch wird der Aufstand von den Milizen der Kommunisten und Anarchisten niedergeschlagen. Ein spanischer Journalist und Anhänger der Republik ist mit einem hochrangigen Offizier der in Barcelona stationierten Truppen befreundet.

Am Vorabend der Revolution fragt ihn der Journalist mit dem schönen Namen Jaume Miravittles, ob die Armee in Barcelona neutral bleiben würde. Der Offizier mit dem klangvollen Namen Lizcano de la Rosa versichert ihm, dass die Truppen zur Republik halten würden. Kurz danach revoltieren sie.

Nachdem der Aufstand niedergeschlagen ist, besucht Miravittles den nun gefangen genommenen und auf seine Hinrichtung wartenden Offizier im Gefängnis und stellt ihn dort zur Rede:

„Warum haben Sie mir das angetan“, fragte ich Lizcano de la Rosa. „Ich spreche nicht davon, dass Sie auf der anderen Seite der Barrikade gestanden haben, denn der Bürgerkrieg hat ja in unserem Lande eine nationale Tradition. Ich bin verletzt, weil wir Freunde waren und Sie unsere Freundschaft missbraucht haben, um mich zu täuschen.“

Eine ganze Weile war er still, dann aber sagte er: „In einem solchen Krieg ist jedes Mittel erlaubt…. Sogar die Freundschaft….. um zum Ziel zu gelangen. Unsere wichtigste Waffe war der Überraschungseffekt. Wenn ich Sie nicht getäuscht haben würde, hätte ich die Revolution betrogen.“

Miravittles wendet sich enttäuscht ab. Kurz danach erhält er, nach Verkündigung des Todesurteils, einen Brief von Lizcano de la Rosa, in dem jener ihn bittet, bei seiner Hinrichtung zugegen zu sein. Er schreibt: „Sie sind der einzige Freund, der mir auf der Welt geblieben ist. Bitte, seien Sie in den letzten Augenblicken meines Lebens bei mir!“

Miravittles geht zur Hinrichtung, wo er noch einmal Lizcano de la Rosa sehen darf. Jener kommt auf ihn zu, reicht ihm beide Hände und sagt: „Jaume, ich bin sehr glücklich, dass Du gekommen bist.“. Über die Hinrichtung schreibt Miravittles:

Drei der Gefangenen stellte man an die Mauer, einen vierten setzte man auf einen Stuhl. Dieser Offizier, der schwer verwundet worden war, hieß Lopez-Varela. Als erster in der Reihe stand Lizcano de la Rosa, neben ihm stand Lopez-Amor, dann Lopez-Varela, dann Foix.

Der letztere machte auf mich den stärksten Eindruck, denn er wirkte völlig gelassen, sehr ruhig, und rauchte eine Zigarette. Ich war ganz sicher, dass er völlig überzeugt, für eine gute Sache gekämpft zu haben, in den Tod ging und uns andere als Abgesandte des Teufels betrachtete. Er besaß eine bewunderungswürdige Fassung.

Der Mann in dem Stuhl betete und ließ einen Rosenkranz durch seine Hände gleiten. Lopez-Amor grüßte mit dem faschistischen Gruß. Er war der Oberst, der die revoltierenden Gruppen durch die Stadt geleitet hatte. vor den zum Tode Verurteilten stand das Hinrichtungskommando und hinter ihm hatten sich hunderte von Milizmännern und Vertretern der Gewerkschaften versammelt.

In dem Augenblick, als der Offizier den Schießbefehl gab, rief Lizcano de la Rosa, der mich die ganze Zeit angestarrt hatte: „Viva Espana!“ Und alle Milizmänner antworteten: „Viva!“ Diese Rufe wurden plötzlich von einem phantastischen Kugelhagel unterbrochen, denn viele der Milizmänner feuerten nun auch auf die Verurteilten.

Als das Schießen aufhörte, waren die Offiziere entstellt. …… Ich stand nur zehn Yards von der Mauer entfernt. Mir war elend und schlecht und ich ging fort.

Soweit diese Beschreibung. Und auch unsere Skizzen aus Spanien können wir hier enden lassen. Wer mag, kann Parallelen zu Heute suchen (und vielleicht sogar finden). Damals wurde in Spanien die blutige Ouvertüre zu einem noch viel blutigeren Hauptwerk aufgeführt. Man gruselte sich vielleicht in Berlin oder Warschau, Paris oder Moskau, über die Berichte aus Spanien. Doch das wahre Grauen sollte erst noch kommen.

Und heute? Sind die Brandherde auch noch bequem weit weg. Ob Aleppo oder Donezk – ein paar Bilder, ein paar Bombeneinschläge – das war’s. Sicher – die Flüchtlinge werden als Migrationswaffe missbraucht und hierher geschickt, was keiner von beiden Seiten wirklich nützt.

Aber Bomben explodieren hier noch nicht. Und auch der Krieg erscheint fast allen noch unmöglich. Allerdings mögen wir viel näher am Abgrund stehen, als uns gewahr ist, denn der Krieg der Worte oder besser: Der Krieg gegen bestimmte Gedanken und Ausdrücke wird hierzulande schon eifrig geführt.

Üblicherweise folgen auf Worte irgendwann Taten. Und wenn Gottfried Benns kluger Satz heute noch Gültigkeit hat, so sind wir vielleicht schon einen Schritt Richtung Abgrund weiter – ohne es zu wissen: „Das Abendland geht nicht zugrunde an den totalitären Systemen, auch nicht an seiner geistigen Armut, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Zweckmäßigkeiten.“

Was bleibt? Menschlich bleiben. Herzlich handeln. Und hier und da den Wahnsinn von Ideologien ansprechen. Damit nicht irgendwann der Wahnsinn des Krieges Einzug hält. Wobei ich ehrlich gesagt glaube, dass sich Krieg (in irgendeiner Form, ob als Bürgerkrieg, Unruhen oder Krieg durch eine Invasion von Außen) nicht mehr vermeiden lässt.

Wir leben in spannenden Zeiten.

2 Kommentare zu “Skizzen aus dem Spanischen Bürgerkrieg

  1. Es ist der Zusammenhang zwischen Revolutions-Zyklus und der Staatsschuldenkrise. Armstrong erklärt diesen Zusammenhang mit historischen Beispielen in seinem Artikel vom 11.1.2016:
    http://www.propagandafront.de/1259640/revolution-in-europa-warum-es-zwischen-2017-und-2020-zu-massiven-politischen-umstuerzen-kommen-wird.html
    Die menschliche Natur verändert sich nicht und deshalb wiederholt sich Geschichte. Dieses Jahr vermute ich, wird ein Übergangsjahr sein, allerdings mit Weichenstellungen die Schlimmes auslösen können. Dazu zähle ich in der Hauptsache 3 Punkte:
    Brexit, die Handelsabkommen TTIP und CETA (evtl. noch TISA) und die Präsidentschaftswahl in den USA.

    Es gibt noch einenweiteren Punkte, der in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist. Da ist die Natur mit Erdbeben und Vulkanaktivitäten. Armstrong, der die größte historische Datenbank der Welt besitzt, beschreibt in einem Artikel vom 29.April, dass das Erdbeben von 1923 in Tokyo ein monumentales Ereignis war, dass die Stadt verwüstet hat und ökonomisch den japanischen Aktienmarkt mit diesem Ereignis zum Einsturz brachte von dem dieser sich nicht mehr erholte, auch nicht im Jahre 1929 als es eine Börsenrally in den USA gab. Er schreibt weiter, dass solche Ereignisse Teil des Systems ist und dass Ereignisse wie diese Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben, sozusagen die Wild Card in der Finanzwelt.
    https://www.armstrongeconomics.com/future-forecasts/near-simultaneous-earthquakes-starting-to-eurupt/

    Ich zitiere aus einem weiteren Artikel zu diesem Thema:
    „We are trying to update our models on a much deeper scale with specific data points on a regional basis. Earthquakes and volcanoes are also connected. We are getting unprecedented activity on the West Coast. There were two big volcanic eruptions this month in April. If this continues to build, the world will move rapidly into an ice age and our models warn that this trend will produce lower lows. Forget global warming – the danger is a global freeze.“
    https://www.armstrongeconomics.com/armstrongeconomics101/understanding-cycles/two-volcanoes-erupting-simultaneously/

    Es sind in der Tat spannende Zeiten und die größte Gefahr für die Menschheit sich selber auszulöschen, analog den Atlantikern, wird so gut wie nicht angesprochen, sozusagen ein Tabuthema.

  2. Pingback: Skizzen aus dem Spanischen Bürgerkrieg II – La Esperanza (Die Hoffnung) | nachrichtenaushinterland

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