Lasst die Kleinen bluten!

Die Tage wollte ich zum Kiosk in meiner Straße gehen und war erstaunt, als ich dann davor stand: Er war zu. Nun kam es zwar schon vor, dass der Kioskbesitzer (nennen wir ihn Peter) und –betreiber krank und der Kiosk deswegen zu geblieben war – aber normalerweise fand sich dann eine kurze Benachrichtigung.

Diesmal aber nichts-  ich war überrascht, dass Peter, der seit 11 Jahren diesen Kiosk betreibt und täglich von 06.00 Uhr morgens bis 20.00 Uhr abends dort stand, keine Nachricht hinterlassen hatte. Da ich dort regelmäßig ein und aus ging, klopfte ich an den heruntergelassenen Rollladen und rief Peters Namen.

Nach einem Moment der Stille wurde der Laden hochgezogen und ich blickte in Peters Gesicht. „Was ist los“, frage ich, „bist Du krank“? „Nein, ich hab zu gemacht“, sagte Peter. „Was – wirklich ganz zu?“, hakte ich etwas irritiert nach – in unserer Straße ist Peter sowas wie eine Institution gewesen.

Wer etwas über jemand erfahren wollte oder jemanden sein Leid klagen wollte, der ging zu Peter. (Man nannte ihn daher auch den BND oder das FBI von Oberrad). „Ja“, sagte Peter, „ich hab endgültig dicht gemacht – hier ist Schluss“.

Ich kam mit Peter ins Gespräch und er erzählte, dass die Umsätze immer mehr zurückgegangen seien, er mehr und mehr Papierkram erledigen müsse, man fiesere Kontrollen als früher durchführe (er hatte schon mal von einer Aktion erzählt, wo man einen Siebzehnjährigen zu ihm geschickt hatte, der Alkohol erworben hatte.

Ihm auf dem Fuße folgten die zwei Prüfer, welche ihm den Betrag abknöpften, den er für den Verkauf von Alkohol an Minderjährige zu zahlen hatte). Der Gipfel sei dann eine neue Bestimmung gewesen, welche ihn ab nächstem Jahr auferlege, künftig eine Kasse zu betreiben, welche elektronisch mit dem Finanzamt verbunden sei.

So dass man jeden Tag seine Umsätze direkt überprüfen könne. Die Anschaffung dieser Kasse würde teuer sein: Und das plus dem gesunkenen Umsatz und den immer größeren Bevormundungen der Bürokratie wolle er sich nicht mehr geben. Daher sei nun Schluss!

Mich ließ dieses Gespräch nachdenklich und etwas traurig zurück, als ich nach Hause ging. Ich dachte an eine andere Begebenheit, die ich neulich gehabt hatte: Bei uns im Ort ist auch eine Pizzeria, von der ich den Besitzer kenne. Ich habe ihm schon mal was geholfen, unser Verhältnis ist recht gut.

Ich gehe in der Pizzeria auch in die Küche und rede und scherze dort mit dem Schichtführer, den Köchen und Fahrern. Es sind alles Ausländer: Türken, Pakistani, Afghanen, Marokkaner, Griechen. Mit ihnen kann ich auf eine Art und Weise scherzen, wie es mit Gebildeten nicht möglich ist.

Ein Grieche zieht mich zum Beispiel gerne mit Sprüchen auf wie: Wegen Hitler müsst ihr jetzt für alle zahlen, haha! Und ich antworte: Hätten wir den Krieg gewonnen, wäre Europa besser dran – vor allem würde ich dann in Griechenland Tennis spielen! Es sind nur Scherze-  wir lachen, aber wenn wir diese Scherze machen, merke ich auch, wie indoktriniert viele Gebildete sind.

Jedenfalls sprach ich letztens mal wieder mit ein paar Fahrern: Diese sind zur Hälfte junge Männer, Studenten, die sich etwas dazu verdienen, zur anderen Hälfte Männer, bei denen der eine Teil das als Hauptjob macht (Ungelernte aus Rumänien und Marokko) und der andere Teil neben der normalen Arbeit, da das Geld aus dem normalen Job nicht mehr langt.

So sind da auch über 40jährige Familienväter, die Sonntag abends im 400-Euro-Job für die Familie etwas dazu verdienen. Da die Fahrer wegen irgendetwas verstimmt wirkten, fragte ich nach und sie erzählten, dass ihr Chef plane, Asylbewerber einzustellen, da die billiger als sie sein dürften.

(Die Fahrer erhalten den Mindestlohn von 8,50 € plus Trinkgeldern der Kunden, kommen so auf ca. 12,- € die Stunde). Ich fragte daraufhin den Chef, als ich ihn das nächste Mal auf der Straße traf, ob das, was mir seine Leute gesagt hätten, stimme. Er sagte ja.

Er sei schon vom Arbeitsamt angerufen worden, ob er nicht Asylbewerber beschäftigen wolle und er habe gesagt, dass er das machen werde, wenn der Mindestlohn für diese ausgesetzt werde. Auf mein etwas erstauntes Gesicht hin sagte er, er müsse das tun:

Er bekomme immer mehr Druck von oben, die Umsätze würden nicht weiter ansteigen, gleichzeitig die Vorgaben (er ist Franchise-Partner) immer enger-  er müsse sehen, wo er bleibe und wenn der Mindestlohn für Asylbewerber ausgesetzt würde (wovon er ausging), werde er das nutzen.

Auch hier ging ich nachdenklich gestimmt nach Hause. Beide, Peter wie den Pizzeriabetreiber, konnte ich verstehen – der Druck wird überall großer und man muss sehen, wo man bleibt. Gleichzeitig machte es mich wütend: Die Banken verzocken Milliarden Euro und werden gerettet und die Kleinen lässt man bluten.

Man erhöht den Druck immer weiter – und am Meisten bei denen, die sich am Wenigsten wehren können. Denn was soll ein 58jähriger Kioskbesitzer tun? Wie sollte er Widerstand leisten können? Und was sollen Pizzafahrer machen, die in diesem Knochenjob bald durch noch billigere Arbeitskräfte ausgetauscht werden?

Die Kontrolle wird immer größer, die Mittelschicht erodiert, die Unterschicht wächst. Und das Geld langt immer weniger…..

Ich musste an die Worte von Ricarda Huch denken, die sie Friedrich von Spee in den Mund gelegt hatte, als der sich im 30jährigen Krieg angewidert von den Hexenprozessen, bei denen er als Beichtvater zugegen sein musste, abgewandt hatte:

„Er sah, wie die Mächtigen den Schwachen beraubten, wie sie, wenn er nackt zu ihren Füßen lag, ihre Übermacht Güte und seine Ohnmacht Schlechtigkeit nannten. Er sah die käufliche Menge auf den Knien, um ihre Untaten zu feiern und dienstwillig bei der Hand, um ihre Opfer zum Tode zu schleppen.

Er sah die Dummheit stolzieren und die Vernunft verschüchtert schweigen; er sah die Grausamkeit im Stuhle des Richters und die Barmherzigkeit im Kerker der Missetäter“.

Ja – OHNMACHT ist es, was den kleinen Leuten scheinbar auch heute nur bleibt. Mehr Papierkram, mehr Kontrolle, mehr Druck, mehr Schikane – wie dem entgehen? Da gibt es keine Möglichkeit. Und während die Inflation nie ausgeufert ist, langt doch ein Einkommen allein schon längst nicht mehr für den normalen Lebensunterhalt.

Ich weiß noch, wie auch Hilfsarbeiter in den achtziger Jahren mit einem Gehalt auskommen und sogar eine Familie durchbringen konnten. Heute? Unmöglich. Die Mittelschicht erodiert. Die Ränder wachsen – der untere Rand stärker. http://m.welt.de/wirtschaft/article155110496/Der-schleichende-Tod-der-deutschen-Mittelschicht.html

In den USA haben 47% der Amerikaner nicht die 400,- Dollar für die Notaufnahme. http://n8waechter.info/2016/04/47-prozent-der-amerikaner-haben-nicht-einmal-400-fuer-die-notaufnahme/ Und dies soll alles zufällig geschehen? Systemisch bedingt, ohne dass man etwas dagegen tun kann?

Die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Einer der wenigen Ökonomen, die das Problem umfassend erkannt und verurteilt haben ist Michael Hudson. Er hat dem Ganzen auch einen Namen gegeben: Rentier Economy. Zu deutsch Renten Wirtschaft. https://de.wikipedia.org/wiki/Renten%C3%B6konomie#Rentierstaaten

Eine Wirtschaftsordnung, in der den Reichen alles gehört und für alles Geld bezahlt werden muss. Straßenbenutzung, Trinkwasser, Schulen, Universitäten – alles privatisiert, alles kostenpflichtig. Ein Ausquetschen aller in einem neuen Feudalismus – der Geldherrschaft der Reichen. http://www.nakedcapitalism.com/2016/03/michael-hudson-on-debt-deflation-the-rentier-economy-and-the-coming-financial-cold-war.html

Immerhin: Man muss keinen Spengler gelesen zu haben, um zu erkennen, dass dies schlecht enden wird. Ob, und wenn ja, in wie viel Blut, kann im Moment noch nicht gesagt werden. Aber dass es böse enden muss, schon. Denn etwas ist grundlegend falsch und zeigt sich in den kleinen Episoden, die ich geschildert habe, beispielhaft

Die Armen auszuquetschen und mit immer mehr Druck und weniger Geld auszustatten, so dass der Gang in das soziale Netz immer vorteilhafter erscheinen mag, ist falsch. Und überhaupt ist eine Gesellschaft falsch, in der solches wie bei uns geschieht. Es wird sich rächen – die Frage ist nur wie.

Wie sagte der Prophet Frankreichs im 19. Jhdt., Leon Bloy, so treffend: Es ist eine hygienische Notwendigkeit, dass der Arme vom Reichen gefressen wird, der ihn sehr gut findet und nicht genug davon bekommen kann. Seine Kinder werden mit der Fleischbrühe aus dem Armen genährt und seine Küche ist reichlich versehen mit Extrakt aus dem Fleisch des Armen.

Aber er sagte auch: Es ist gegen alle Vernunft, dass ein Mensch geboren wird, der mit Gütern gesegnet ist, und dass ein anderer tief unten in einer Mistgrube geboren wird. Das Wort Gottes kam in einen Stall, weil die Welt es hasste. Die Kinder wissen das und alle Sophismen der Dämonen werden an diesem Mysterium nichts ändern, dass die Freude des Reichen als Substanz den Schmerz des Armen hat. Wenn man das nicht versteht, ist man ein Dummkopf für Zeit und Ewigkeit – Ein Dummkopf für die Ewigkeit.

Wir werden von unserer Dummheit kuriert werden. Aber es wird, fürchte ich, sehr sehr weh tun….. Bis dahin hilft: Menschlich bleiben. Nicht auf die herabschauen, die wenig haben und nicht nach immer mehr für einen selbst gieren. Diese Dinge mögen als kleine Schritte erscheinen, aber es sind große, machtvolle Schritte.

Denn in ihnen liegt die Kraft der Veränderung. Und die brauchen wir.

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