Wir haben Einiges verloren

Ich blättere gerade in einem Buch aus dem Nachlass meines vor einigen Jahren verstorbenen Großvaters. In ihm befinden sich Auszüge aus den Werken großer deutscher Schriftsteller mit dem Titel „Deutscher Geist“. http://www.amazon.de/Deutscher-Geist-Bd-1/dp/B0000BQNH2

Das Buch, erstmals 1940 erschienen, würde mir heute möglicherweise eine Etikettierung als Nazi einbringen, auch wenn es überhaupt nichts nationalsozialistisches oder antisemitisches an sich hat (der Nazi-Vorwurf fällt hierzulande schnell und der Nazi ist omnipräsent, wie ich schon mal hier schrieb).

Es bezaubert durch kurze Ausschnitte aus vergangenen Zeiten. Wie ich so darin blätterte, fiel mir auf, was wir im Gegensatz zu den damaligen Tagen alles verloren haben. Ich meine nun nicht nur, dass unser Ausdrucksvermögen viel ärmer geworden ist oder dass da kein Feuer mehr in vielen Beschreibungen heutzutage zu finden ist.

Wenn ich staunend bewundere, was die Alten da teilweise an Ausdruck, an Leidenschaft, an Gefühl oder an Sehnsucht hineingelegt haben, sehe ich deutlich, wieviel flacher und ausdrucksärmer, wieviel schriller und künstlicher wir geworden sind. Nur noch Form, kein Inhalt mehr. Nur noch Oberfläche und keine oder wenig Tiefe. Aber darauf will ich hier nicht hinaus.

Ich meine also nicht, dass mir herzberührende Schilderungen wie solche von Annette Droste-Hülshoff fehlen (was sie natürlich tun), die mit Anmut und Liebe ihr Münsterland beschreibt. Oder eben Feuer wie bei Georg Forster, der voller Idealismus 1793 nach Paris geht, um die Französische Revolution zu erleben und zu unterstützen.

Und der bald resigniert an seine Frau schreibt: „Immer nur Eigennutz und Leidenschaft zu finden, wo man Größe erwartet und verlangt: Immer nur Worte für Gefühl, immer nur Prahlerei für wirkliches Sein und Wirken – wer kann das aushalten“?

Nein, es sind ein paar Kleinigkeiten, die mir zudem aufgefallen sind und mir zeigen, wie sehr sich unsere Gesellschaft in eine misstrauische und gerade wegen ihrer zahlreichen Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen hyper-ängstliche Gesellschaft verwandelt hat.

Da wird zum Beispiel beschrieben, wie der damals schon leicht geistesverwirrte Hölderlin in Frankreich im Park einer reichen Familie angetroffen wird. Statt ihn des Grundstücks zu verweisen, redet man und hat Mitleid mit ihm, da er so verloren wirkt.

Man lädt ihn zum Essen und zum Quartier für die Nacht ein. Hölderlin akzeptiert. Beim Gang zum Haus streichelt er der Tochter des Familienoberhauptes, einem jungen, vielleicht fünf Jahre alten Mädchen, zärtlich über den Kopf. Man isst, man unterhält sich, Hölderlin schläft dort und begibt sich am nächsten Morgen wieder auf die Reise.

Oder dies: Heinrich von Kleist beschreibt, wie er in einer Stadt einem Puppenspieler zuschaut und diesen nach Ende der Aufführung in ein Gespräch verwickelt, was mehrere h dauert und ihm neue, interessante Einsichten schenkt.

Oder da ist Heinrich Heine, der davon erzählt, dass er als Student durch Norddeutschland wanderte, ohne Geld für eine Unterkunft, und den Pastoren bei sich übernachten ließen – nicht ohne ihm am nächsten Morgen ein gutes Frühstück mitzugeben.

Und immer wieder besingen sie die Heimat und die Natur, Brentano wie Eichendorff, Claudius wie Schiller. Selbst in scheinbar prosaischen Naturbeschreibungen wie denen der Freifrau von Droste-Hülshoff finden sich ein Zauber und eine Melodie, die mich das flache Münsterland atmen, riechen und schmecken lässt.

Doch zurück zum Thema: Was mir auffiel, war, dass bei aller Gewalt und Ungerechtigkeit, die es damals gegeben haben wird, den Menschen mehr Vertrauen geschenkt war als uns heute. Einen Fremden einladen, dass er bei uns übernachtet? Es zulassen, dass er das eigene Kind berührt? Mit einem Fremden lange Gespräche auf der Straße führen?

Früher selbstverständliche Dinge finden heute nicht mehr statt. Dass Menschen singend durch die Straßen oder Felder ziehen, gibt es nicht mehr. Auch nicht, dass sie, wie es Pier Paolo Pasolini mal so wunderbar für das Rom der fünfziger Jahre beschrieben hat, sich auf der Straße zum Tanzen einfinden.

Oder dass die Armen sich aus ihrer Arbeit einen Spaß machen – feixen und lachen und sich aus den Kunden einen Jux machen. Unmöglich in Zeiten der Systemgastronomie.

Da wir nicht wissen, was wir verloren haben, empfindet niemand einen Verlust darüber. Dass Kinder nicht mehr auf Bäume klettern (zu gefährlich), fällt den Kindern nicht auf. In den USA spielen sie auch schon in manchen Wohngegenden nicht mehr alleine auf der Straße, ohne dass besorgte Bürger die Polizei rufen.

Dort ist man auch bereits daran gewöhnt, dass Kameras die Kleinen im Kindergarten filmen und die etwas Größeren in der Schule. Früh übt sich, was ein an Überwachung gewöhnter Sklave werden soll. Mein Gott: Wir haben so viele tausend Bestimmungen geschaffen, welche unser Leben enger und enger machen.

Egal, ob es um Bäume pflanzen, Hunde ausführen, Zimmer vermieten, Auto fahren, etwas verkaufen, rauchen, trinken, gesellig sein etc. geht. Bestimmungen regeln, was wir wie zu tun haben. Und alle sind daran gewöhnt und alle machen mit. Immer weniger direkter menschlicher Kontakt, der noch dazu immer furchteinflößender wird. Facebook und Virtual Reality statt echtem Fühlen und Verbunden-Sein. Angst und Unwohlsein als Dauerzustand.

Die Hölle, das sind die anderen, sagte Sartre. Und es scheint zunehmend der Glaubenssatz Nummer Eins in unserer Gesellschaft zu werden. Es ist selten, dass ich jemand treffe, der nicht im Stress zu sein scheint – auf irgendeine Art und Weise. Ich erinnere mich noch deutlich, dass in der Straße, in der ich aufwuchs, die Nachbarn sich hin und wieder vor den Garagen auf Bänke hockten, Bier tranken und zusammen bis in die Nacht klönten.

Wir Kinder spielten dazu. Heute gibt es das dort nicht mehr. Und dass man Fremde mal eben so zu sich aufnimmt schon gar nicht. Wir haben tatsächlich viel verloren. Darunter auch Dinge, die wesentlich zum Menschsein gehören. Immerhin: die nächsten Jahre dürften wir genügend Chancen bekommen, manches Alte wieder zu entdecken. Und darin liegt Hoffnung.

Ich bin gespannt.

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