Ein echter Satiriker mit einem echten Problem

Die Causa Böhmermann hat für einige Zeit den Blätterwald in Deutschland rauschen lassen. Die Meinungen waren geteilt: Manche (anscheinend die Mehrheit) sahen in ihm einen Märtyrer der Pressefreiheit. Kollegen wie Dieter Hallervorden sprangen ihm bei und mit eigenen Spottversen auf den ihn per Strafanzeige verfolgenden türkischen Premier Erdogan in die Bresche.

Andere Stimmen bemängelten den Stil und die Wortwahl der Aktion (welcher Kritik sich auch der Schreiber dieser Zeilen anschließt). Worte wie Kinderf…. oder Ziegenf…. haben meiner bescheidenen Meinung nach nichts mit Satire zu tun, sondern sind schlicht Ausdruck schlechter Kinderstube.

(Interessant: Hätte diese Worte irgendein „Rechter“ gegenüber irgendeinem deutschen oder amerikanischen Politiker in einer Satire verwendet…. Oh der Shitstorm! Oh die Verachtung der böswilligen Gesinnung! Pfui über dieses Drecks- und Ekelferkel….. Aber Jan B? Nein – DAS war Satire!).

Was es natürlich nicht war, sondern einfach plumpe und unpassende Beleidigungen. Wahrscheinlich auch Ausdruck eines überhöhten Egos und einer falschen Strategie (auf den Zug aufspringen – denn Auslöser der ganzen Sache war ein Beitrag eines deutschen Fernsehsenders mit einem Spottlied auf Erdogan gewesen).

Aber ob nun doch bewusste Masche, um Deutsche und Türken zu entfremden (was geschieht), oder doch nur zufällig und geeignet, die nicht nur Würde-, sondern vor allem Wirbellosigkeit gewisser Staatsoberhäupter zu zeigen (Erdogan ist nicht gemeint) – Jan B wurde fallen gelassen.

Was Erdogan noch ausheckt, um sich zu rächen, wird man sehen (ein probates Druckmittel in Form einiger Millionen von Flüchtlingen hält er ja in der Hand). Was in den Hinterzimmern der Macht besprochen wird, kriegen wir leider nicht mit. Aber die Ergebnisse werden wir (deutlich) registrieren.

Während also Jan B als Beispiel für sinkende Humorstandards, kulturelle Unterschiede und politische Peinlichkeiten dienen kann, ist der Fall eines echten Satirikers aus der Schweiz gravierender:

Dort hat der Schweizer Satiriker Andreas Thiel seit 2015 eine Anklage gegen sich wegen Rassendiskriminierung und Störung der Glaubens- und Kulturfreiheit. Kläger sind die Türkische Gemeinschaft Schweiz, die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz und die Koordination Islamischer Dachorganisationen Schweiz.

Hintergrund sind kritische Äußerungen Herrn Thiels gegen den Koran. Nach mehrmaliger Lektüre des Korans ist Herr Thiel zum Schluss gekommen, dass der Koran menschenverachtende und zu Gewalt aufrufende Teile birgt und hat zu einem Verbot des Korans bzw. zu einer Reformation des Islams aufgerufen.

Insbesondere die Bestandteile des Korans, welche zum Mord an Juden aufrufen, hat Herr Thiel kritisch beleuchtet bzw. hat dies und anderes in sein Programm eingebaut. Neben den darauf erfolgten Klagen der genannten Organisationen hat Herr Thiel auch Morddrohungen von unbekannter Seite erhalten. Mehr dazu hier: http://andreasthiel.ch/

Was Herr Thiel persönlich dazu zu sagen hat, kann man auch hier in einem kurzen sechsminütigen Film verfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=lZCSyMRSrvk Er tritt mittlerweile unter Polizeischutz auf. Die Morddrohungen hat Herr Thiel hier zum Beispiel echt satirisch bearbeitet: https://www.youtube.com/watch?v=cfd-fv15vxw

Mir fällt hierzu dreierlei auf:

Einmal wird hier eine Verhaltensweise, die schärfstens verurteilt werden sollte, allenfalls nebenbei registriert. Hätte Herr Thiel darüber geschrieben, wie gewaltbereit Neonazis seien und wäre von diesen mit dem Tode bedroht worden, wäre es nicht beim Aufschreichen geblieben, sondern es wäre wohl ein echter Aufschrei geworden.

Kritiker des Islam gibt es auch hierzulande einige (von denen die bekanntesten wie Hamad Abdel Samad oder Sabatina James als Ex-Muslime ebenfalls mit dem Tode bedroht wurden). Satiriker, die den Islam persiflieren, gibt es aber nur wenige, woran sich das unausgesprochene Tabu leicht ableiten lässt, was da heißt:

Kritisiere nicht den Islam! Das ist rassistisch (und gefährlich)! Dieter Nuhr, der sich über die gewalttätigen Aspekte vom Islam lustig gemacht hat, bekam von einem Muslim eine Anzeige wegen Volksverhetzung und Beleidigung des Islam an den Hals und beschimpfte Herrn Nuhr wegen seiner Äußerungen als „Hassprediger“.

Ein Ermittlungsverfahren gegen Nuhr wurde aufgenommen, jedoch eingestellt, da diesem keine Volksverhetzung nachgewiesen konnte, vielmehr (anders als bei Jan B) eine Satire vorgelegen habe. http://www.focus.de/kultur/kino_tv/urteil-in-stuttgart-urteil-muslim-darf-dieter-nuhr-einen-hassprediger-nennen_id_4692644.html

Das Urteil setzte aber auch fest, dass der Muslim, der auch Plakate mit dem Konterfei von Herrn Nuhr angefertigt hatte, diesen weiterhin als „Hassprediger“ bezeichnen darf. Wer sich eine dieser „Hasspredigten“ mal anschauen will, wird im Internet schnell fündig: https://www.youtube.com/watch?v=tWAVRHd_2Z

An Herrn Nuhr lässt sich schön die Doppelmoral (hier scharf verurteilen – Rechte, dort lau verurteilen – Muslime), als auch die Gefährlichkeit der Entwicklung nachvollziehen. Denn Menschen, denen ihr „Glaube“ so wichtig ist, dass sie für Witze über diesen bereit sind, andere zu töten – oder für diese Tat irgendwo Verständnis aufbringen – haben etwas Fundamentales nicht verstanden:

Nämlich, dass es kein Glaube rechtfertigt, für diesen Andere zu töten. Dass das vollkommener Schwachsinn ist! Und dass echter Glaube auch in Gelassenheit besteht – und nicht dem hysterischen Niederschreien und Angreifen des Anderen. Ich frage mich mittlerweile ernstlich, wie weit diese Entwicklung (Zuwanderung kulturfremder Schichten, hie Toleranz, da Hysterie) gesteuert ist…. Denn sie ist nicht gut.

Die Einen üben sich in größtmöglicher Toleranz, die Anderen betonen „Darüber macht man keine Witze!“. Wo ist das Verbindende? Wie könnte man es erreichen, dass beide Seiten verstehen, dass sie (ich vermute bewusst) gegeneinander aufgehetzt werden?

Der sinnlose Konsumismus ist genauso gefährlich wie das hirnlose „Mein Glaube wird nicht beleidigt!“ – und in der Kombination kommt nichts Gutes daraus.  Wie den Leuten begreiflich machen, dass sie nur Schachfiguren sind? Das weiß ich leider noch nicht. Wie es ihnen vermitteln, dass es Unsinn ist, für Meinungen zu töten? Auch das weiß ich leider noch nicht.

Ich werde mir darüber in einem Folgeartikel nochmal Gedanken machen. Denn wenn es uns nicht bald gelingt, dafür Lösungen zu finden, wird das Problem, was Herr Thiel gerade hat, ein geringes gegen das sein, was uns erwartet. Nämlich, dass Menschen sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, um das, was sie ihre Meinung oder ihren Glauben nennen, zu verteidigen.

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