Die kalte Dusche

In der Zeitung „Die Welt“ wurde kürzlich der Vorsitzende der Deutschen Bädergesellschaft, Herr Reinhold Schmitt, zum Thema Flüchtlinge in Schwimmbädern interviewt. http://www.welt.de/vermischtes/article153746231/Das-wahre-Problem-mit-den-Fluechtlingen-im-Schwimmbad.html

Hintergrund war ein Vorfall in Köln, bei dem Asylbewerber ein Mädchen sexuell belästigt hatten. Der Vorsitzende der Deutschen Bädergesellschaft, welche den Verband der über 6.000 deutschen Schwimmbäder darstellt – hier die Homepage – http://www.baederportal.com/startseite/ – nahm in einem größeren Rahmen zu diesem Vorfall Stellung.

Bei dem genannten Vorfall hatten sechs Asylbewerber an einer Rutsche einen Stau verursacht und einer der Männer hatte ein zwölfjähriges Mädchen am Busen berührt. http://www.n-tv.de/panorama/Migrant-soll-Kind-sexuell-belaestigt-haben-article17162166.html

Da Herr Schmitt auch Vorsitzender des Kölner Bädervereins ist, ging er auch daher wohl gesondert auf Köln und die Lage vor Ort ein.

Nachdem er im Weltartikel klargestellt hatte, dass es zu keiner Zunahme von Fällen sexueller Belästigung durch Asylbewerber in Köln gekommen sei, ging er auf die aus seiner Sicht dringenderen Probleme, die sich durch die „neuen Bürger“ (so nannte er sie) ergeben täten.

Einschub: Sind es jetzt schon „neue Bürger“? Mit allen Rechten und Pflichten? Eigentlich sieht das Asylrecht nur einen Gaststatus vor – aber da auch aus Gastarbeitern irgendwann Ausländer und schließlich Migranten wurden – warum nicht? Heute scheint alles schneller zu gehen als früher. Doch weiter.

Die Probleme lägen vor allem darin, dass die neuen Badegäste des Deutschen nicht mächtig seien, nichts von der deutschen oder europäischen Badekultur wüssten und oft nicht schwimmen könnten. Das Badepersonal sei daher öfter mit diesen Neubürgern in Rettungsaktionen verwickelt.

Außerdem leiste man Aufklärungsarbeit in Form von Comics und Broschüren (die man in acht verschiedenen Sprachen anbiete), sensibilisiere bzw. schule das Badepersonal und habe ein Auge auf den reibungslosen Ablauf im Bad.

Die Frage, ob zusätzliches Sicherheitspersonal eingestellt werden müsse, verneinte er. Dieses komme nur im Sommer vor, sei also eine wetterabhängige Entscheidung. Auf Köln bezogen stellte er fest, dass man eine Statistik des Zeitraumes von Januar 2015 bis März 2016 erstellt habe.

Innerhalb dieser Zeit sei es zu sieben „Sexualdelikten“ gekommen. Somit sei der eine Vorfall mit den sechs Asylbewerbern kein besonderes Vorkommnis. Zusammenfassend könne nicht festgestllt werden, dass es durch die 13.000 „neuen Bürger“ zu mehr Problemen im Badebereich gekommen sei.

In den Bädern herrsche kein rechtsfreier Raum, es werde eingegriffen, wo dies notwendig sei und außerdem baue jeder Mist – Deutsche wie Ausländer wie Asylbewerber. Dass man eine Gruppe unter Generalverdacht stelle (womit er sich auf ein Bäderverbot für Asylbewerber bezog, welches die Stadt Bornheim mit Vorfällen von Flüchtlingen dort erst ausgesprochen und dann wieder zurück gezogen hatte) gehöre sich nicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/bornheim-maennliche-fluechtlinge-erhalten-schwimmbad-verbot-a-1072150.html

Nun stimme ich der Aussage unbedingt zu, dass ein Generalverdacht unsinnig ist. Gleichzeitig hätte mich aber interessiert gehabt, ob es denn eine bundesweite Statistik von Sexualdelikten für alle Schwimmbäder Deutschlands gibt. Außerdem waren mir ein paar Ungereimtheiten im Artikel aufgefallen.

Schlussendlich hätte mich auch interessiert, wie gravierend das Problem wirklich ist. Denn im Netz finden sich durchaus Zusammenstellungen von Vorfällen, die nicht gut aussehen, so wie hier: https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=z12D0zt-V4iI.kXGfjpzjOS1Q In dieser Aufstellung (etwas herunterscrollen) finden sich immerhin 67 sexuelle Übergriffe von Asylbewerbern in deutschen Schwimmbädern.

Ich rief daher bei der Deutschen Bädergesellschaft an und wurde mit einem Herrn Heuser, offenbar dem Pressesprecher des Hauses, verbunden. Ich fragte diesen, ob es eine Statistik gebe, in der Sexualdelikte oder Vorfälle sexueller Belästigung bundesweit oder für ein Bundesland erfasst würden (und bezog mich dabei natürlich auf den Welt-Artikel mit Herrn Schmitt).

Herr Heuser verneinte. Eine solche Statistik würde, wenn überhaupt, so nur bäderweise erhoben. München habe seines Wissens nach eine solche Statistik erstellt. Ich sagte (dass ich Blogger bin, hatte ich erwähnt), dass doch hier Transparenz wünschenswert sei, da das Thema Flüchtlinge ja den Menschen unter den Nägeln brennen würde.

Herr Heuser verneinte erneut bzw. sagte, dass dies gar nicht seine Ansicht sei. Außerdem habe ja auch München gezeigt, dass man eine Statistik erstellen könne, in der sich zeige, dass es in einer großen Stadt wie München keine Vorfälle dieser Art gegeben habe.

Da ich nebenbei guggelte fand ich diese Meldung, in der es genau um einen solchen Vorfall, in dem zwei vierzehnjährige Mädchen begrabscht worden waren, ging. http://www.sueddeutsche.de/muenchen/sexuelle-belaestigung-im-michaelibad-was-die-baeder-gegen-zudringliche-gaeste-tun-1.2849160

Herr Heuser reagierte auf meinen Einwand, dass es ja offenbar auch in München so etwas gegeben habe, kurz angebunden und verwies darauf, dass ich auch Herrn Schmitt selber sprechen könne. Nochmal betonte er, dass die Statistik von Köln die einzige sei und ja deutlich gezeigt habe, dass von einem besonderen Problem nicht gesprochen werden könne.

Ich wandte ein, dass, wenn man dies statistisch auswerten würde, es sehr wohl ein Problem zeigen würde, doch sagte Herr Heuser hierzu, dass er nicht dieser Ansicht sei und ich möge mich doch bitte an Herrn Schmitt wenden. Da mir Heuser den Eindruck machte, das Gespräch lieber beenden zu wollen, kam ich diesem unausgesprochenen Wunsch nach.

Nun kamen mir im Nachhinein zwei Überlegungen:

Erstens: Wenn es in Köln in einem Zeitraum von 15 Monaten sieben Sexualdelikte in Schwimmbädern gab und einer davon von Asylbewerbern begangen worden war. Und wenn gleichzeitig in Köln 1 Mill Menschen wohnen und 13.000 Asylbewerber. So heißt das (statistisch gesehen), dass ein Asylbewerber eine dreizehnmal höhere Wahrscheinlichkeit hat, eine sexuelle Belästigung (oder genauer: Ein Sexualdelikt) in einem Schwimmbad zu begehen, als ein Deutscher.

(Was interessanterweise auch etwa mit den Vergewaltigungswahrscheinlichkeiten von Asylbewerbern übereinstimmt, die ich mal in einem anderen Artikel erhoben hatte). https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/11/18/vergewaltigungen-von-asylbewerbern/

Und auch hier sähe das Bild noch schlechter aus, wenn man den Migrantenanteil von Köln oder der Menschen mit Migrationshintergrund heraus rechnen würde. Was hier nicht geschah.

Zweitens: In der Statistik zu Köln wurden sieben Sexualdelikte erfasst. Ich zitiere dazu Herrn Schmitt aus dem Welt-Artikel:

Wir haben seit Januar 2015 bis Mitte März 2016 sieben Fälle, in denen das Thema Geschlecht oder Sexualität eine Rolle gespielt hat. Aber dabei handelte es sich noch nicht um sexuelle Belästigung von Badegästen im eigentlichen Sinne. Es ging zum Beispiel darum, dass ein Mitarbeiter einen onanierenden Badegast auf der Toilette ohne Gästebeteiligung erwischt hatte. In einem anderen Fall wollten zwei Herren einvernehmlichen Geschlechtsverkehr praktizieren oder es gab unerlaubte Filmaufnahmen eines weiblichen Badegastes in der Umkleide. So was gab es leider immer schon. Solche Leute werden des Hauses verwiesen und bekommen Hausverbot. ZITAT ENDE.

D.h. zu einer sexuellen Belästigung, welche als Fall gravierender als ein einsamer, onanierender Badegast auf der Toilette oder die zwei Herren sind, die einvernehmlichen Geschlechtsverkehr ausüben wollten, kam es nur einmal. Eben, als Asylbewerber beteiligt waren.

Hier ist denn auch der Pferdefuß des Ganzen: Man tut auf der einen Seite alles, um aufzuklären, erstellt Broschüren, schult das Badepersonal etc. und bittet auf der anderen Seite um Verständnis um die Flüchtlinge, die sich hier nun mal noch nicht zu benehmen wüssten wie wir.

Und erwähnt dabei nicht den vollkommen logischen Schluss, dass solche Vorkommnisse (in einer neuen Qualität und Quantität) hierzulande passieren müssen! Denn Einzelne aus Kulturen mit einem vollkommen anderen Frauenbild als dem unseren MÜSSEN in Einzelfällen so reagieren! Da führt leider kein Weg dran vorbei und das haben die Vorfälle an Sylvester in Köln auch deutlich gezeigt.

Als ob Menschen dadurch, dass sie eine Landesgrenze überqueren, ihre bisherige Prägung abwerfen würden. Das genaue Gegenteil wird bei vielen der Fall sein: Angesichts der Fremdheit der Umgebung, werden sie noch stärker an dem festhalten, was sie kennen. Den eigenen Bräuchen und Sitten! Und die sind nicht alle gut bzw. passen nicht überall zu den unseren.

Und es ist meiner Ansicht nach ein Unterschied, ob man durch einen Spanner in der Umkleide fotografiert wird, oder ob eine Gruppe von Männern einen bedrängt, betatscht, anfasst und begrabscht!

Das ist NICHT der Masse  der Asylbewerber anzulasten – keinesfalls! Aber solange stereotyp ein Abwiegeln und Beschwichtigen geschieht, solange wie bei einer Schallplatte mit Sprung vor Rechtsextremismus auf der einen Seite gewarnt und auf der anderen Seite immer um Verständnis gebeten wird:

Solange werden wirklicher Groll und wirklicher Hass wachsen. Traurigerweise! Wie die ganze Chose ausgeht – das ist noch offen.

Um aber dem Bädervorsitzenden Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen: Was wäre geschehen, wenn Herr Schmitt zum Beispiel Folgendes gesagt hätte: „Wir wissen, dass diese Menschen aus gänzlich anderen Kulturen kommen und dass sie andere, sogar zum Teil rückständige Ansichten zu Frauen und Sexualität haben. Mit der Masse von ihnen gibt es glücklicherweise kein Problem, wenn auch der Betreuungsaufwand größer ist.

Die wenigen, die sich aber wirklich daneben benehmen, bekommen lebenslanges Badverbot. Bei sexueller Belästigung machen wir uns auch dafür stark, dass der derjenige sofort des Landes verwiesen wird! Schließlich sind diese Menschen bei uns Gäste – keine Bürger. Und die eigenen Bürger gehen natürlich vor“.

Hätte Herr Schmitt solche oder ähnliche Worte gesagt, hätte sich ein Empörungssturm von selbsternannten Moralaposteln, Medien und einer Menge Mitläufer erhoben und sich auf ihn gestürzt. Dass da ein Nazi und Rassist an der Spitze der Deutschen Bädergesellschaft steht, wäre noch die harmloseste von den abstrusen Behauptungen gewesen.

Die Bädergesellschaft hätte sich von ihm distanzieren und er ein Dementi aufsetzen und möglicherweise sogar seinen Hut nehmen müssen. In den Augen mancher Beobachter wären er und eventuell auch die Bädergesellschaft künftig als Hort rechten oder sogar rechtsextremen Gedankenguts gebrandmarkt gewesen.

Wer das für übertrieben hält, möge sich vor Augen halten, dass wir mittlerweile in einer Gesellschaft leben, in der vom Konsens abweichende Meinungen sehr schnell in eine bestimmte Ecke gestellt und sanktioniert werden. Ein Bäcker, der sich auf Facebook über den „Tod der deutschen Rasse“ äußert (Vorsicht: Rasse ist ein Naziwort!), kann da schon mal in den Ruin getrieben werden. http://www.danisch.de/blog/2016/03/25/tod-eines-backers/

Oder es kann ein Busfahrer wegen eines Thor-Steinar-T-Shirts entlassen werden (Thor Steinar ist eine Modemarke, wie sie auch – aber nicht nur – Rechte tragen). http://joergrupp.de/bin-ich-verantwortlich-fuer-die-entlassung-eines-busfahrers/

Usw. usf. Das Traurige dabei ist, dass die Werte, die man uns in der Schule gelehrt hat – Meinungsfreiheit, Zivilcourage etc. – hier gerade im Zeichen einer Hysteriesierung der Gesellschaft den Bach herunter gehen. Denn entweder es herrscht Meinungsfreiheit oder eben nicht. Man kann nicht bestimmte Meinungen unterbinden bzw. sanktionieren und glauben, man habe dann immer noch Meinungsfreiheit.

Bleibt zu hoffen, dass eines Tages manchen Teilnehmern ein Auge aufgeht und sie merken, dass das „Empört Euch! Kauft nicht bei diesem Bäcker!“ von einem „Deutsche! Kauft nicht bei Juden!“ nicht so weit entfernt ist….. bis das soweit ist, wird aber noch einiges an Wasser den Rhein hinunter geflossen sein.

Die kalte Dusche kommt aber irgendwann.

Ein Kommentar zu “Die kalte Dusche

  1. Pingback: Kleinigkeiten | nachrichtenaushinterland

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s