Unrecht und Widerstand

Im Januar 1945 wurde Helmut James Graf von Moltke, Sproß des bekannten Adelsgeschlechtes, Jurist und Kritiker des Hitler-Regimes von eben diesem in Gestalt des Richters des Volksgerichtshofes Freisler zum Tode durch Erhängen verurteilt. Mit ihm wurde auch der Jesuitenpater Alfred Delp mit der Todesstrafe belangt.

Moltke hatte den Kreisauer Kreis gegründet: Ein Gesprächskreis von Menschen, die über eine Gesellschaftsordnung nachdachten bzw. diese planten, wie sie nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft (von dem sie überzeugt waren) aussehen sollte.

Moltke wurde auch dadurch berühmt, dass er Freisler während des Verfahrens die Verlogenheit der NS-Justiz vorwarf. Delp sagte dem Gefängnispfarrer, der ihn im Februar 1945 zur Hinrichtungsstätte begleitete die schönen Worte: In ein paar Augenblicken weiß ich mehr als Sie.

Wer mehr dazu lesen will, kann hier fündig werden: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreisauer_Kreis oder https://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_James_Graf_von_Moltke oder https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Delp

Nun kann ich zu Moltke und dem Kreisauer Kreis nicht viel sagen, da ich mich mit dem Thema historisch kaum befasst habe. Aber ein paar mich nachdenklich stimmende Sachen habe ich einem interessanten Artikel entnehmen können, der mir letztens unter die Augen kam. http://www.jesuiten.org/slides-startseite/maertyrer.html

Diese Gedanken möchte ich nun gerne etwas weiter ausführen: Beide, Moltke wie Delp, werden heute zu Recht als Märtyrer angesehen, die sich in dunkler Zeit dem Unrecht widersetzten bzw. für ihre Überzeugungen von dem, was rechtens und richtig ist, die Strafe des Systems auf sich nahmen und in den Tod gingen.

Die Kraft, die sie beide aus ihren Überzeugungen zogen, wurde schon am Zitat von Alfred Delp deutlich. Auch in den Briefen Moltkes an seine Frau und seine Söhne, die er aus der Zelle im Bewusstsein des nahenden Todes schrieb, kann man manches schöne und Mut machende Element herausnehmen.

So hatte Freisler erfolglos versucht, Moltke eine Verschwörung nachzuweisen bzw. waren auch die Bemühungen, Moltke und Delp Verbindungen zu den Attentätern des 20. Juli 1944 nachzuweisen, ins Leere gelaufen. Hierzu schreibt Moltke:

Da „bekam Freisler Tobsuchtsanfall Nr. 1. […] Er hieb auf den Tisch, lief so rot an wie seine Robe und tobte: ‚So etwas verbitte ich mir, so etwas höre ich mir gar nicht an.‘ […] Da ich ohnehin wusste, was rauskam, war mir das alles ganz gleich: Ich sah ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte, und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln.“

Da die Anklagepunkte Verschwörung gegen die Staatsgewalt etc. nach und nach fallen müssen, werden am Ende Moltke seine kirchlichen Kontakte zum Verhängnis. Das Verfahren wird zu einer Art psychologischen Zweikampf zwischen Macht und Überzeugung:

„Ich weiß nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog – ein geistiger zwischen Freisler und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen -, bei dem wir uns beide durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der Einzige, der weiß, warum er mich umbringen muss.“

Da ihm sonst nichts nachgewiesen kann, werden Kontakte mit Jesuiten zum todeswürdigen Vergehen, was Moltke wie folgt kommentiert: „Das Dramatische an der Verhandlung war letzten Endes Folgendes: In der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorwürfe als unhaltbar, und sie wurden auch fallen gelassen. Nichts davon blieb.

Sondern das, wovor das dritte Reich solche Angst hatte […], ist letzten Endes nur folgendes: ein Privatmann, nämlich Dein Wirt (Anm: Bezeichnung Moltkes für sich selbst), von dem feststeht, dass er mit zwei Geistlichen beider Konfessionen, mit einem Jesuitenprovinzial und mit einigen Bischöfen, ohne die Absicht, irgendetwas Konkretes zu tun, und das ist festgestellt, Dinge besprochen hat, ‚die zur ausschließlichen Zuständigkeit des Führers gehören‘.“

Wundervoll der Humor, den Moltke in seinem letzten Brief zeigt, als sein Todesurteil verkündet worden war: „Wir sind nach dieser Verhandlung aus dem GoerdelerMist (Anm.: die Planungen um das Attentat auf Hitler) raus, wir sind aus jeder praktischen Handlung raus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben. […]

Aber dass ich als Märtyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein“.

Man mag zu Moltke und seinen Ansichten stehen wie man will – mir verlangt diese Haltung Respekt ab. Oder wie es Ernst Wiechert in „Das einfache Leben“ so schön schrieb: Wenn da ein Gericht sein wird, von dem die Bücher sagen, dann werden sich die Richter vor Dir erheben und sie werden sich verneigen vor Dir.

Womit nun nicht die Lumpenbaggage um Freisler gemeint ist. Interessant auch, die Bilder von den Bütteln des Gerichts, welche um Moltke stehen und betreten zu Boden schauen. Ahnten sie, dass hier Unrecht gesprochen wurde? Vermuteten sie nicht selbst das baldige Ende dieses Regimes? Aber ihre Pflicht taten sie.

Was mich zu meinen Gedanken führt: Ein System oder ein Regime, das sich seinem Ende nähert, wird wild und bösartig um sich schlagen und vermeintliche und echte Feinde und Kritiker zu vernichten suchen (mit den Mitteln , die dann gerade gesellschaftlich en vogue sind). Das kann man sich als Grundregel für alle Systeme merken.

Und das Andere ist auch frappierend: Eine Zeit erkennt nicht ihre Märtyrer, sondern bekämpft sie. Auch das ist ein wiederkehrendes Element. Sicher schwante vielen Deutschen im Januar 1945, das hier etwas falsch und ungerecht lief, aber einen Aufstand der Anständigen gab es nicht.

Wäre der Fall Moltke drei Jahre früher geschehen, wäre wahrscheinlich der Tenor allgemein gewesen, wie dieser Mann das nur tun konnte – den Führer kritisieren! Die Politik in Zweifel ziehen! Unerhört! Pharisäer des Systems erkannt man oft an ihren lautstarken und moralgetränkten Bekundungen.

Und last but not least: Jede Zeit hat ihre eigene Narrheit und Blindheit. Anscheinend geht es der Mehrheit der Menschen so, dass sie erst, wenn ein System an seinen inneren Widersprüchen zerbrochen ist, erkennen, dass sie Narren gefolgt sind. Dass sie sich haben belügen und betrügen lassen.

Und – am schlimmsten – dass sie diejenigen, die sie darauf hinweisen wollten, DASS hier etwas schief und aus dem Ruder lief, ans Messer geliefert haben. Sie denunzierten, verurteilten, aus der Gemeinde der Rechtgläubigen ausgestoßen haben.

Kann der  Mensch dazu lernen? Manchmal hege ich Zweifel. Denn in diesem interessanten Artikel eines Jesuiten aus dem Jahre 2016 stehen auch die mich nachdenklich stimmenden folgenden Worte:

Zurzeit wird in deutschen Städten das Kreuz wieder schwarz-rot-gold angemalt. Deutsche Christen marschieren gegen Flüchtlinge auf. Weihnachtslieder werden zur Verteidigung des Abendlandes gesungen. Sogar Hooligans und Neonazis singen mit.

Wie gesagt: Jede Zeit hat ihre eigene Narrheit und Blindheit. Die offenbar so lange existiert, bis die inneren Widersprüche im System zu dessen Auflösung führen. Und während das System untergeht, reißt es viele andere mit sich. Darunter auch die Warnenden und die Mahner.

Ob diese dann in zwanzig Jahren zu Märtyrern geworden sind – das wird die Zukunft zeigen.

3 Kommentare zu “Unrecht und Widerstand

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