Der Würgegriff von TTIP und IWF

Auf der immer wieder durch informative und interessante Beiträge mir positiv auffallenden Seite http://www.counterpunch.org – einem linksliberalen Online-Medium in den USA – wurde unlängst der US-Ökonom Michael Hudson interviewt.

Michael Hudson ist ein weithin bekannter Wirtschaftsexperte und dazu noch (emeritierter) Professor, Berater und Analyst an der Wall Street. Dass er ein Star ist, mag nicht nur damit zusammenhängen, dass er Meinungen konträr zu herrschenden Trends und Ansichten äußert, sondern auch, dass er dies so tut, dass ihm auch Nicht-Ökonomen folgen können. https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hudson

In seinem jüngsten Interview geht er besonders auf die Rolle des IWF und auf die Bedeutung des sich noch in der Schwebe befindenden Trans-Atlantischen Handelsabkommen TTIP für Europa ein. http://www.counterpunch.org/2016/02/19/the-new-global-financial-cold-war/

Was er dazu sagt, ist derart interessant (und bestätigt indirekt so manche Verschwörungstheorie), dass ich es hier wiedergeben möchte:

So geht Michael Hudson lang und breit auf die Rolle des IWF (also des Internationalen Währungsfonds) ein. Dieser sei kein Instrument der Stärkung, sondern der Schwächung anderer Länder.

So gehe der IWF immer mit denselben Mitteln vor: Er verlange von einem Land wie Griechenland oder Lettland, dass es, um Kredite vom IWF zu erhalten, eine Sparpolitik umzusetzen habe (ein Austeritäts-Programm, wie man heute auch sagt).

Dieses solle dazu führen, dass die Wirtschaft wieder Schwung gewinne und der Kredit zurückgezahlt werden könne. Das Problem hierbei sei aber, dass eben dies niemals geschehe! Vielmehr sorge die Sparpolitik mit Erhöhung der Steuern, Senkung der Abgaben etc. dazu, dass die Wirtschaftsleistung noch stärker abgewürgt würde.

(Und wenn wir uns Griechenland heute anschauen, wo man Sparrunde um Sparrunde beschlossen hat, sieht man genau das! Ich hatte mich darüber schon mal ausgelassen: https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/12/04/griechenland-als-beispiel-fuer-kuenftige-sauereien-des-staates/

Sänke also die Wirtschaftsleistung trotz oder vielmehr dank Austerität weiter, käme der IWF und schlüge vor, dass man doch Staatseigentum an Investoren verkaufen solle. Und auch das ist in Griechenland immer Gesprächsthema in den Verhandlungen– das Tafelsilber der Griechen zu veräußern.

Hier schlägt Hudson eine interessante Volte zum Trans-Atlantischen Handelsabkommen TTIP. Dieses diene (wie die Handlungen des IWF auch) einem großen Strategiewechsel: Künftig könnten dank TTIP nicht mehr Staaten, sondern Unternehmen bestimmen (indem zum Beispiel Unternehmen durch TTIP das Recht eingeräumt wird, Staaten zu verklagen).

Der große Strategiewechsel betreffe die ganze westliche Welt: Bisher habe das Modell der Progressiven Entwicklung gegolten. D.h. Regierungen hätten in Infrastruktur, Bildung etc. investiert, damit diese zu günstigen Preisen von der Bevölkerung genutzt werden könne.

Nun solle alles in private Hände gehen: Straßen, Wasserversorgung, Bildungseinrichtungen etc. Dies wäre das Zurückdrehen des Rades um 300 Jahre. Hudson nennt denn auch die neue Gesellschaft, die sich da bilde, einen Neo-Feudalismus.

In diesem würden die großen Kapitalbesitzer aus Banken, Versicherungen, Investoren etc. alles vormals öffentliche Gut besitzen und für die Nutzung Geld verlangen. Es sei somit eine neue Oligarchie der Reichen, die man bewusst anstrebe (ohne sie in bester Orwellscher Manier so zu benennen).

Wieder zurückkommend auf den IWF, merkt Hudson an, dass dieser mittlerweile eindeutig zum Instrument des US-amerikanischen Machtstrebens geworden sei. So hätte der IWF mehrmals seine eigenen Regelungen gebrochen, wenn es die amerikanische Politik gefordert habe.

Als Beispiele führt er den Kredit Russlands an die Ukraine in Höhe von 3 Mrd. Dollar an, welchen die Ukraine sich weigere, zurückzuzahlen. Dieser Kredit sei ein offizieller Kredit nach westlichen Kriterien gewesen – der IWF müsse also darauf drängen, dass die Ukraine ihn zurückzahle.

Dies tue man aber beim IWF nicht – vielmehr ermögliche man der Ukraine weitere Kredite, womit man noch dazu die Regel bräche, keine Kredite an Krieg führende Länder zu vergeben.

Im Hintergrund sieht Hudson hier die US-Regierung am Werk und vermutet, dass der IWF bewusst benutzt werde bzw. seine eigenen Regeln brechen müsse, da dies die US-Administration verlange, der es um die Loslösung der Ukraine von Russland gehe.

Ziel der US-Politik sei die Schwächung Russlands; diese habe man in den neunziger Jahren schon erfolglos versucht und bediene sich nun der Ukraine als Mittel zum Zweck. Nebenziel sei die Ausplünderung des Landes d.h. der Verkauf der wertvollen Ländereien etc. an westliche Investoren, welcher aufgrund des Widerstands ukrainischer Oligarchen noch nicht richtig in Gang komme.

(Allerdings verortet Hudson hier weniger Vaterlandsliebe bei den Oligarchen als Grund, sondern vielmehr Gier – so wollten die Oligarchen erst die Preise ihrer Besitztümer hochtreiben, um sie dann mit hohem Gewinne zu verkaufen).

All dies führe dazu, dass die Welt in zwei Hälften geteilt werde: Die westliche Welt, die unter Konzernen aufgeteilt und deren Interessen und der US-amerikanischen Machpolitik zu dienen habe. Und einem Block von Ländern unter Führung Russlands und Chinas, der sich den westlichen Dominanzbestrebungen wiedersetze.

Daher seien China und Co bestrebt, mit der AIIB eine Alternative zum IWF zu errichten, ein eigenes Clearingsystem zu installieren etc.

Die USA seien in ihrer Politik nicht zimperlich: So liquidiere man unliebsame Staatsoberhäupter, wenn man sie nicht bestechen könne, oder man finanziere Terroristen, um sie zu stürzen. Al-Nusra und den IS bezeichnet Hudson als die „American Legion“ der USA.

(Die Amerikanische Legion ist eine Veteranen-Organisation ehemaliger Angehöriger der US-Streitkräfte). https://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanische_Legion

Da man Russland nicht wie Lettland in den neunziger Jahren habe zerschlagen können, gehe man nun indirekt über die Ukraine vor. Das beste Beispiel für das skrupellose Vorgehen der Politiker, die sich zu Bütteln der Banken (oder der Reichen machten), ist für Hudson der Umgang mit Griechenland:

Dort habe man angesichts der Krise von 2010 ganz bewusst die Banken gerettet und die Wirtschaft den Bach heruntergehen lassen. Hudson verweist auf die Berichte des damaligen Finanzministers Varoufakis, der erzählt hatte, wie man ihm seitens der EU erklärt habe, dass die Demokratie und der Volksentscheid der Griechen der EU nichts bedeuteten: Die Griechen müssten tun, was die EU verlange.

Eine weitere Folge der herrschenden Politik von Austerität und Zentralbanken sei es, dass die Verschuldung exponentiell ansteige. D.h. Verhältnisse wie in Griechenland und Lettland mit Massenverarmung der Bevölkerung etc. seien in den nächsten Jahren überall im Westen zu erwarten.

Die Schulden seien schon längst nicht mehr rückzahlbar: Aber man lasse das Rad sich bewusst weiterdrehen, bis man auch noch den öffentlichen Besitz und das Eigentum der Mittelschicht veräußert habe. Das sei dann der Neo-Feudalismus, den wir gerade ansteuern.

TTIP sei in diesem Zusammenhang besonders abscheulich, da es dazu führen würde, dass die europäische Bevölkerung auf breiter Front verarmen müsse. Renten würden gekürzt werden, Standards von Umwelt- und Arbeitsschutz abgeschafft und die Lebenserwartung würde drastisch sinken – im Grunde laufe es auf eine Reduktion der Bevölkerung hinaus.

Soweit das Interview mit Michael Hudson.

Was soll ich sagen: Dieser Mann ist halt kein Spinner – kein Verschwörungstheoretiker – sondern ein hoch anerkannter Ökonom aus den USA. Man schaue mal in seinen sehr viel aussagekräftigeren Englischen wiki-Eintrag: https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Hudson_%28economist%29

Was er sagt, entspricht haargenau den Ausführungen von John Perkins, der in seinem Buch „Confessions of an Economic Hitman“ schrieb, wie die USA ganz bewusst andere Länder in Schuldknechtschaft zwingen. https://en.wikipedia.org/wiki/John_Perkins_%28author%29

Es entspricht allen Ausführungen vom Saker, der nicht müde wird, darzustellen, auf welch perfide Art und Weise die US-Amerikaner in der Ukraine Politik gegen Russland betreiben. http://thesaker.is/

Es entspricht so sehr so vielen Erklärungen so vieler unabhängiger und kritischer Denker zur US-Politik und zur Welt – von Naomi Klein über Arundhati Roy, von Daniele Ganser über Seymour Hersh bis zu Gilad Atzmon und Noam Chomsky.

Alle weben sie an diesem Bild mit, dass der Öffentlichkeit vorenthalten wird und das schlicht und einfach darstellt, wie gerade unsere Welt und unsere Gesellschaft in ein Gefängnis umgestaltet werden – bewusst und auf allen Ebenen!

Selten hat es ein Ökonom so klar, so simpel und so verständlich erläutert wie Michael Hudson. Ich wünsche seinem Interview daher rege Verbreitung!

Und Sie, lieber Leser – verbreiten SIE das Wissen bitte weiter! Es müssen mehr Menschen erfahren, was hier vorgeht – dass Recht bewusst gebrochen und abgebaut, dass Unrecht zum Prinzip erhoben wird!

Und dass die Welt in ein Gefängnis umgestaltet wird – DASS müssen Menschen erfahren! Denn noch können wir etwas dagegen tun!

10 Kommentare zu “Der Würgegriff von TTIP und IWF

  1. Der Liste der Autoren muss ich unbedingt Ernst Wolff hinzufügen und auf sein Buch ‚Weltmacht IWF: Chronik eines Raubzugs‘ hinweisen. Absolut interessant Ken Jebsens Interview mit ihm:

    Ebenfalls interessant seine Stellungnahme in Ken Jebsens
    ‚Positionen 2‘: https://kenfm.de/positionen-2/

    Leider ist John Perkins ein, in meinen Augen, vernachlässigter Autor. Durch ihn bin ich überhaupt erst auf die Machenschaften und das System des IWF aufmerksam geworden. Auf den Beitrag des ORF mit ihm möchte ich auch immer wieder hinweisen:

    Ein Werkzeug, um Regierungen zu stürzen sind die ‚Revolutionsmacher‘ die z.B. Farbrevolutionen initiieren. Das alles rundet das Gesamtbild ab. Hier ebenfalls eine Reportage des ORF: https://www.youtube.com/watch?v=svJY8U4xvcw

  2. Wer versucht, das täglich Sichtbare nach diesem Muster Anderen zu erklären, macht sich zum VTler, Idioten, Rassisten u.s.w..
    Manchmal frage ich mich, ob die Macher meiner Dorfzeitung eigentlich wissen, wie subversiv die von ihnen vermittelten Fakten sind.
    Um dann festzustellen, daß sich kein Schwein dafür interessiert.
    Den interessantesten Lesestoff zur Stimmungslage in meiner Gegend im vergangenen Jahr bot mir übrigens ein Aufsatzwettbewerb der Weltbank.

  3. Eine meiner Basis – VTs wurde gerade bestätigt.
    Zumindest, was Europa betrifft:
    Die gegenwärtige große Wirtschaftsflaute ist gewollt.
    http://www.zerohedge.com/news/2016-03-02/striking-admission-former-bank-england-head-european-depression-was-deliberate-act
    Meine VT geht soweit, daß auch die globale wirtschaftl. Krise bewußt kreiert wurde.
    Darf ich mich jetzt freuen?

    Und noch was zum Economic Hitman.
    Kaum beachtet wird, daß die Eliten der Dritten Welt ihre Brut generell oder weit überwiegend den VSA ausbilden lassen.
    Entsprechend wird auch das hart erarbeitete Vermögen angelegt.
    Ebenso gilt das für Schwellenländer wie Rußland und China.
    Fazit: Die wissen ganz genau, welche Politik gut für sie ist.
    Ohne Hitmen.

    • Schätze, Deine VT ist recht nahe an der Wahrheit. Aber ob das ein Grund zum Freuen ist? Wobei die Wahrheit uns ja frei macht – immerhin. Wenn eines Tages mal wikileaks sämtlichen geheimen Mailverkehr zwischen USA und den Staatsmännern und wichtigen Geschäftsleuten der restlichen Welt veröffentlichen sollte – da dürften sich VTs in Masse bewahrheiten. Und Schlimmeres (s. Kindesmissbrauch etc.) wohl auch.

  4. Kürzlich war die Chefin des IMF hier zu Gast. Ihr Tenor, wie ich interpretiere: Weiter so, es kann nur besser werden.
    http://english.vietnamnet.vn/fms/government/152609/pm-assures-imf-chief-about-vietnam-s-continued-reform.html
    Zumindest öffentlich kaum etwas zur Entwicklung der Schulden. Schon jetzt werden Auslandskredite aufgenommen, um aufgelaufene Schuld zu bedienen. Sehr vorsichtig formuliert man die Probleme so:
    http://english.vietnamnet.vn/fms/government/152883/over-14-percent-of-state-budget-revenue-earmarked-for-debt-payment.html
    Jahrelanges Schlampen wurde zwar gerade wieder mal eingestanden, aber das sehe ich inzwischen als Ritual. Man entschuldigt sich auf höchster Tribüne und dann – Schwamm drüber, weiter so.
    Derzeit werden jeweils dutzende Milliarden gesucht für Straßen, Häfen, Industrie, Landwirtschaft u.s.w..
    Kein Wort, nirgendwo, zu einer möglichen weiteren schwachen Weltwirtschaft. Der Umgang mit schon erkennbaren negativen Folgen diverser Freihandelspakte inkl. TPP ist absolut lax und optimistisch.
    „Die Protokolle der Weisen“ (als PDF im Netz) lese ich als gelungene Fiktion wie „1984“ und bin inzwischen gar nicht mehr erstaunt über erstaunlich große Schnittmengen mit der Realität a la „Economic Hitman“.

    • In der Tat – da gibt es auch ein eher unbekanntes Protokoll, das sog. Rakowski-Protokoll – auch darin finden sich erstaunliche Dinge. Schönen Gruß in den Fernen Osten

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