Die Vertreibung und der Hass

Die Familie meiner Großmutter mütterlicherseits stammt aus dem Sudetenland. Von dort wurden sie 1945 vertrieben und mussten innerhalb von 24 h ihre angestammte Heimat verlassen. Meine Großmutter hat deswegen zeit ihres Lebens die Tschechen gehasst.

Wann immer das Gespräch auf die Tschechen und die Vertreibung kam, fing sie irgendwann an zu weinen. Ihre Brüder, meine Großonkel, nahmen es leichter. Die Vertreibung war auch für sie ein Einschnitt, aber wie meine Großmutter auch bauten sie sich im Wirtschaftswunderland schnell eine neue Existenz auf.

Aber dennoch hat sie der Gedanke an die alte Heimat nie ganz losgelassen. Nach 1989 besuchten sie ihr Dittersbach noch einmal. Auch meine Eltern sind einmal dorthin gereist – und fanden es anrührend und auch traurig, denn der Ort war heruntergekommen und nicht mehr so, wie er mal gewesen war.

Meine Großmutter traf dort den Bürgermeister der Gemeinde, mit dem sie als junges Mädchen in der deutschen Verwaltung gearbeitet hatte. Er bedauerte die Gräuel der Vertreibung – er führte meine Großmutter auf die Straße und deutete auf den Wald, der oberhalb der Gemeinde liegt und sagte:

Der Wald da oben hat nicht genug Bäume, um all meine Landsleute aufzuhängen, die sich an den Deutschen vergangen haben! Ich weiß nicht, ob das meine Großmutter getröstet hat – meine Eltern haben mir die Geschichte erzählt.

Und meine Großmutter erzählte von der Bombardierung Dresdens, die sie nicht persönlich miterlebt hatte, doch habe der Himmel am 13. Februar in Dittersbach aus der Richtung der siebzig Kilometer entfernten Elbestadt her geleuchtet und da hätten sie gewusst: Dresden brennt!

Einer meiner Großonkel war 2001 in seinem Heimatort – dort schrieb er ein kleines Gedicht, das ich hier wiedergeben möchte. Es zeigt die Trauer und die Verbundenheit, die er zu seiner alten Heimat empfunden hat.

Heimatgedicht

Kein Hass ist hier vorhanden und keine Revanchegelüste – einfach nur stille Trauer und Dankbarkeit, noch einmal die alte Heimat wiedergesehen zu haben.

Das ist sowieso etwas, dessen ich mich nicht entsinnen kann: Aufrufe der Vertriebenen zum Hass? Demonstrationen, bei denen „Tschechei verrecke!“ gerufen wird? Ich kann mich solcher Szenen nicht entsinnen.

Was ich aber schon wahrgenommen habe, sind junge Menschen, die „Deutschland verrecke“ und ähnliches gebrüllt haben. Die ihren Neid und ihren Hass auf etwas projizieren, dem sie selbst angehören.

Ich erinnere mich, mal zwei Anhalter mitgenommen zu haben – ein junges Pärchen, sahen wie Punks aus. Wir kamen ins Gerede und der junge Mann (vielleicht 18-20) sagte mir, er hasse die Nazis und müsse sie daher heute bekämpfen. Ich fragte ihn, warum er die Nazis hasse.

Er sagte, die hätten seinen Großvater im Krieg getötet. Darauf sagte ich, dass die Amerikaner meine Großtante getötet hätten – ob ich nun die Amerikaner hassen solle? Darauf meinte er nur, das sei nicht dasselbe. Und darauf schwiegen wir……

Die Geschichte stammte von meiner Großmutter väterlicherseits: Erst kurz vor ihrem Tod erzählte sie etwas, das ihr das ganze Leben auf der Seele gelegen hatte. Sie berichtete, wie ihre Lieblingsschwester Käthe 1943 bei einem Bombenangriff der Amerikaner auf Darmstadt ums Leben gekommen war.

Von Käthe hatte meine Großmutter immer wieder erzählt: Wie gutherzig sie gewesen sei, dass sie den zu deportierenden Juden heimlich nachts Essen gebracht hätte und anderes.

Nun wussten meine Eltern bereits, dass Tante Käthe bei dem großen Bombenangriff auf Darmstadt ums Leben gekommen war – aber sie hatten nicht die Umstände ihres Todes gewusst. Offenbar war meine Großtante mit ihren beiden Kindern in einem Luftschutzkeller gewesen, in dem die Luft immer schlechter geworden war. Zwei junge Leute riefen schließlich dazu auf, den Keller zu verlassen, da man sonst ersticken würde.

Draußen waren allerdings immer noch Detonationen zu hören und die Leute und meine Großtante sagten, dass sie drinbleiben wollten. Was sie nicht wussten, war, dass zu diesem Zeitpunkt der Bombenangriff schon vorbei war und dass die Detonationen von einem Munitionszug der Wehrmacht stammten, der im Bahnhof in Flammen geraten war.

Die beiden jungen Leute stürmten schließlich hinaus – und überlebten. Meine Großtante und ihre Kinder erstickten mit den anderen im Luftschutzkeller. Das erzählte meine Großmutter wie gesagt erst kurz vor ihrem Tode. Wer gedenkt solcher Dinge, solcher Geschichten?

Eines Tages dürften manche Aspekte der deutschen Geschichte neu geschrieben werden. Bis dies der Fall ist, kann man sich anschauen, welches Gedenken mit welchen Worten hervorgehoben wird. Je schriller, je künstlicher, desto falscher.

Das echte Gedenken ist still und vergebend. Auch dies ist etwas, was wir anerkennen dürfen. Und zu fliehen ist nicht schön.

Der Hass, der hier im Moment auf allen (!) Seiten fleißig geschürt wird, ist auch der Ohnmacht geschuldet. Sich nicht im Hass zu verrennen, wird schwer genug werden – aber es ist möglich.

Meine Großonkel haben nicht gehasst. Selbst meine Großmutter hat die Tschechen am Ende nicht mehr gehasst. Auch wir können „nicht hassen“. Selbst die nicht, die unser Land gerade bewusst zerstören.

5 Kommentare zu “Die Vertreibung und der Hass

  1. Danke für den Beitrag. Auch ich habe mich in den letzten Jahren gefragt, wieviel Traumata in unserem Land in der Eltern – und Großelterngeneration verdrängt worden sind und nie betrauert werden konnten/durften… manche sind verbittert, andere haben eine erstaunliche Größe bewiesen, indem sie eben nie in Hass verfallen sind.
    Trozdem, da ist noch viel im Argen. Die Alten sind schweigend gestorben… und wir jüngeren nahmen vieles einfach als gegeben hin.
    Ganz generell nochmal vielen Dank für diesen hochwertigen und nachdenklichen und von Schubladendenken freien Blog!

    • Übrigens – noch als Reaktion: Ich stimme zu, da ist vieles leider nie aufgearbeitet worden – bzw. auch immer mehr in eine bestimmte Ecke gestellt worden. Ich frage mich heute auch, wieviele unserer Probleme der Tatsache geschuldet sind, dass eine Aufarbeitung nie stattgefunden hat – jedenfalls nicht an von Dir angesprochenen Stellen.

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