Die Ursachen des Deutschenhasses Teil Zwei

Eine der Ursachen des Deutschenhasses hatte Scheler wie bereits erwähnt in der Arbeitsmoral der Deutschen (insbesondere, wie sie seit 1870 gewachsen sei) verordnet. Selbige Arbeitsmoral habe allerdings noch tiefere Wurzeln: Sie entspringe einer „Urmitgift germanischen Wesens“.

Dabei handele es sich um den „Sinn für die Idee des Unendlichen und Lust und Glück im Sich-Verlieren in dieser Idee“. Scheler führt Dilthey an, der bezugnehmend auf Tacitus über die Germanen schrieb: „Ihr Handeln ist nicht durch eine rationale Zwecksetzung bestimmt und begrenzt, ein Übermaß an Energie, das über den Zweck hinausgeht, ist in ihrem Tun“.

(Anmerkung: Ach, hätten wir doch heute patriotische Politiker mit einem „Übermaß an Energie“……. Na gut, die wären nicht lange ihres Lebens froh). Also weiter:

Scheler führt verschiedene deutsche Philosophen von Cusanus bis Nietzsche an, welche nach ihm Belege anführten, dass für die Deutschen „der Schritt der Vervollkommnung, nicht die Vollkommenheit“ selber das Entscheidende sei. Aus dieser Urmitgift entspringe das deutsche Arbeitsethos.

Allerdings sei dieses nur der aktuelle Ausdruck dieses urdeutschen Strebens, das sich je nach Jahrhundert unterschiedlich äußere. So habe das frühe 19. Jhdt. gezeigt, wie sich die Deutschen maßlos „im Äther des Gedankens“ verloren hätten, d.h. im Ideal. Seit der Einigung von 1871 fließe das Streben nun vornehmlich in die Wirtschaft.

Die Preußen hätten dabei das Verdienst inne, dieses „Ethos unendlicher Hingabe an die Pflicht“ vorgelebt und in ganz Deutschland (Ausnahme Österreich) verankert zu haben. Darin liege etwas Heroisches und Großartiges, welches allerdings auch ins Lächerliche umschlagen könne, wie Scheler in wunderbaren Worten (die vielleicht auch für unsere Zeit treffend erscheinen mögen) beschreibt:

„Man kann und soll sein Glück, ja sein Leben hingeben – gegebenenfalls – für seinen Staat, dessen Ehre und vor allem nach dem Worte des Evangeliums für seinen Glauben im Sinne der Märtyrer; endlich auch für sein Heil und für höchste geistige Kulturwerte – man soll es nicht für eine maximale Kartoffel- und Nähnadelproduktion hingeben. Der Märtyrer seines ökonomischen Arbeitsimpulses ist nicht erhaben, er ist komisch“.

Anmerkung: Mancher Burn-Out Geplagte könnte sich diese Worte zu Herzen nehmen. Und das andere gilt heute ebenfalls: Für einen Glauben sterben, der größer ist als man selbst – das zeigen uns die IS-Attentäter, wie das geht. Es ist ein Irrglauben, aber immerhin doch ein Glauben an ein Ideal. Aber für Gender sterben? Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Oder für die Bundesrepublik?

Umfragen zeigen deutlich, dass es hierzulande nichts mehr zu verteidigen gibt –schon gar kein Vaterland. Glaubt man dieser Umfrage, so wären es aktuell in Deutschland noch 18%, die eine Waffe dafür in die Hand nehmen würden. https://www.reddit.com/r/europe/comments/39dqfw/would_you_be_willing_to_fight_for_your_country/ Doch weiter im Text.

Noch einmal Scheler: „Mit demselben heroischen Pathos und mit derselben leidenschaftlichen Unbedingtheit, mit der stolz gelassenen Gleichgültigkeit gegen Leben, Wohl, Glück, mit der Kleists Prinz von Homburg in die Schlacht stürmt….. darf man einfach nicht Semmeln, Würste, Nähnadeln etc. produzieren“.

Das Ausland habe dies in einem „radikalen Missverständnis deutschen Wesens“ als Griff nach der Weltherrschaft ausgelegt, wobei nichts ferner von der Wahrheit läge. Daher sei es in Deutschland dringend nötig, nach dem gewonnenen Kriege (es kam wie gesagt anders) eine Diskussion über den Ausgleich zwischen Arbeit und Kontemplation, Gebet, Kultur etc. zu führen.

Das Ausland suche nach dem Deutschland Schillers, Hegels, Beethovens etc. und könne es nicht finden. Allerdings sei dieses Deutschland auch nicht mehr da, es habe sich verwandelt. Doch wäre es ein weiteres (und dazu gefährliches) Missverständnis des Auslandes, dass das Preußentum diesem Deutschland quasi „aufgepfropft“ worden sei.

„Die übrigens sicher ehrlich gemeinte Forderung, dass die Vernichtung des sogenannten preußischen Militarismus auch eine erlösende Liebestat für die Wiederherstellung der …. deutschen Seele sei, ergibt sich hieraus von selbst.“ Scheler wendet sich scharf gegen diese – aus seiner Sicht – Missdeutung des preußischen Einflusses.

Dieser sei für die Schaffung eines starken ökonomischen und politischen Wirkraums notwendig gewesen, doch müssten die erwähnten Fehlverhältnisse eben ausgeglichen werden. Ebenso scharf wendet sich Scheler in diesem Zusammenhang gegen Sozialdemokraten und Alldeutsche.

Den ersten wirft er eine „verantwortlichkeitsfeindliche Kritik um der Kritik willen“ vor, den zweiten „törichtes Machtgerede und groteskes, unchristliches Kraftgeprotze“. Beides habe Deutschland bereits vor dem Kriege hassenswürdig gemacht.

Es sei notwendig, „deutschen Geist und Hoheit“ ohne imperialistische Attitüde im Ausland zu verbreiten. Hierzu fordert Scheler auch eine Umgestaltung des Universitätswesens sowie die Scheu vor der Öffentlichkeit (die oft die Besten hemme und die „Marktschreier“ nicht plage) abzulegen.

Als interessanten Nebenaspekt führt Scheler an, wie im Ausland auch ein falsches Bild zu den Juden in Deutschland herrsche. Dort (im Ausland) denke man, dass in Deutschland ein zu großer jüdischer Einfluss bestehe. Dem wiederspricht Scheler für Heer und Verwaltung, doch stimmt er zu, dass in Handel, Wissenschaft und Kultur die Gaben des „hochbegabten Volkes“ stark zum Tragen kämen.

An dieser Stelle wünscht sich Scheler für die Zukunft eine stärkere Öffnung aller Bereiche für die Juden bzw. eine andere „Verteilung der Juden über das Ganze der deutschen Arbeit“, denn die meisten Juden seien echte Patrioten.

Anmerkung: Ach, wäre es doch so gekommen….. Nebenbei: Im Ersten Weltkrieg kämpften in der deutschen Armee 100.000 jüdische Deutsche, von denen 12.000 fielen (Angaben aus „Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkrieges“). Offenbar lebten vor Beginn des Ersten Weltkrieges ca. 610.000 Juden im Reich. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Deutschland#Kaiserreich_und_Weimarer_Republik_.281871.E2.80.931933.29

Für Frankreich fand ich mal in einem Buch, dessen Titel ich mich gerade nicht mehr entsinne, die Angaben, dass 45.000 französische Juden am Ersten Weltkrieg teilgenommen hätten, von denen 1.350 gefallen seien. Dies bei einer Gesamtzahl von 200.000 in Frankreich lebenden Juden.

Man kann hier noch etwas tiefer blicken: In Deutschland lebten zu Beginn des Ersten Weltkrieges 67 Mill Menschen, von denen 14 Mill Männer zum Krieg einberufen worden waren. In Frankreich lebten 33 Mill Menschen, von denen knapp 7 Mill zum Kriegsdienst bestimmt worden waren. http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs

D.h. in beiden Ländern wurden etwas über 20% der Bevölkerung mobilisiert. Es fielen ca. 2 Mill deutsche Soldaten und ca. 1,25 Mill Franzosen. D.h. dass die Franzosen anteilsmäßig einen höheren Blutzoll zu entrichten hatten.

Von den Juden wurden wie erwähnt von 610.000 in Deutschland 100.000 mobilisiert, was fast dem Anteil bei den Deutschen entspricht. In Frankreich waren es anteilsmäßig sogar etwas mehr, d.h. 45.000 von 200.000 Juden.

Deutsche Juden fielen 12.000. Französische Juden allerdings nur 1.350. Woher dieses Ungleichgewicht bei den Gefallenenzahlen kommt, ob französische Juden vor allem in der Etappe eingesetzt worden waren, weil man ihnen nicht traute oder ob sie sich vom Fronteinsatz freikauften etc., kann hier nicht geklärt werden.

(Und auch dies wäre mal eine interessante Untersuchung: Die jüdischen Teilnehmer- und Verlustzahlen in den kriegführenden Ländern des Ersten Weltkrieges. Plus der Vermögensverteilung in den jeweiligen Ländern). Doch zurück zum Thema:

Kleinere Nebenaspekte im Hassaufbau vor dem Ersten Weltkrieg sind für Scheler die deutschen Katholiken, welche es versäumt hätten, mäßigend auf das protestantische Arbeitsethos einzuwirken und Österreich, von dem man es versäumt hätte, zu lernen.

Scheler lässt einen deutschen Politiker die Misere in eine Formel gießen: „Die österreichischen Völker müssen etwas schneller gehen lernen und wir etwas langsamer“. (Hat sich daran heute etwas geändert)? 🙂 Anschließend wendet sich Scheler weiteren Missverständnissen des Auslandes gegenüber Deutschland zu:

Notwendige, nicht schuldhafte Missverständnisse

In diesem Kapitel geht Scheler auf weitere Ursachen für die herrschenden Missverständnisse zu den Deutschen (und zwischen den Völkern allgemein ein). Jedes Volk habe sein ureigenes Wertesystem und sein jeweils eigenes Ethos, dem es zu folgen sich verpflichtet habe.

So sei es zum Beispiel einfach, festzustellen, dass „Ehre und Ruhm für den Franzosen einen völlig anderen Stellenwert in der national-gültigen Werteskala besitzt als bei uns Deutschen oder Engländern oder Russen“. Jedes Volk beurteile nun ein anderes Volk nach seinem eigenen Wertesystem, was eine Grundursache für Missverständnisse sei.

Hinzu kämen die individuellen, d.h. in den jeweiligen Sprachen so unterschiedlichen und quasi unübersetzbaren „ethischen und ästhetischen….. Werteinheiten“, die für die Völker eine „unübersteigbare Grenze des vollen Verstehens“ bildeten. Anmerkung: Also je unterschiedlicher die Kultur, desto größer muss das Missverständnis ausfallen. Oder das Misstrauen? Warum denke ich an gewisse aktuelle Vorkommnisse? Doch weiter.

Scheler führt im Folgenden eine Reihe von Beispielen an: So neigten die Deutschen (ohne jedes Recht) dazu, „das, was die Franzosen Ehre, Gloire, nennen, für äffische Eitelkeit zu halten, ihre Rhetorik für künstlichen Schwulst; sie (d.h. die Franzosen) neigen (ohne jedes Recht) dazu, das, was wir die deutsche Treue nennen, für dumpfe Gewohnheits- und Schicksalsgebundenheit anzusehen, unsere durchaus positiv geschätzte sogenannte „Schlichtheit“ im Verhalten und im Vortrag für Trockenheit, Nüchternheit, ja, im lebendigen Verhalten als eine Art geistiger Untergeordnetheit und Dienerhaftigkeit aufzufassen“.

Oder England: In Deutschland habe man das Zugeständnis des Einmarsches in Belgien seitens des deutschen Kanzlers als „edle, freie Offenheit“ angesehen. In England hätte man dieses Zugeständnis als „unverschämten Zynismus“ empfunden. Scheler dreht das Beispiel hier um, indem er darüber nachsinnt, wie man wohl in Deutschland reagiert hätte, wäre England in Belgien einmarschiert:

Hätte dann England „den Völkerrechtsbruch nach englischer Tradition geleugnet und juristisch zu rechtfertigen versucht…… wir hätten gesagt: Seht diese Hypokrisie, seht dieser cant!“. Kurz, aus solchen unterschiedlichen Ethosformen müssten notwendig Missverständnisse entstehen.

Anmerkung: „Cant“ ist ein meines Wissens von Scheler geprägter Begriff und bezeichnet eine spezifisch englische Form der Scheinheiligkeit. Hier mehr dazu: https://books.google.de/books?id=0R5zozcLookC&pg=PA253&lpg=PA253&dq=cant+scheler&source=bl&ots=RrafK_AvP7&sig=ETXsygp4myA6EwQBxz-GQ0Tthmo&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjVubf5gd7KAhWBoiwKHSo-DEwQ6AEIHDAA#v=onepage&q=cant%20scheler&f=false

Ein besonderes Missverständnis bildet nach Scheler außerdem die Sichtweise des angeblichen „deutschen Militarismus“. Während Frankreich bezogen auf seine Bevölkerung deutlich mehr Militärausgaben als Deutschland vor dem Kriege gehabt habe, sei das im Ausland gezeichnete Bild schon damals allgemein das eines Militärstaates mit dem Willen zur Welteroberung gewesen.

Scheler schreibt, dass besonders dies ihn und die meisten seiner Freunde, ja, gleichsam alle Deutsche, verwundert habe: So sei offenbar die Vorstellung in Frankreich und anderswo die gewesen, dass der deutsche Kaiser morgens als allererstes militärische Landkarten studiere (was Unsinn sei).

Des Rätsels Lösung liege allerdings nicht allein in einer subjektiven Täuschung des Auslandes (wenngleich Pressehetze u. a. ihren Beitrag zur Angst und Hysterie geleistet hätten), sondern ähnlich wie bei der Arbeit läge ein jeweils unterschiedliches Ethos vor, was die wahre Grundlage des sich-nicht-Verstehens sei, vor. Scheler schreibt:

„Dieses Rätsels Lösung liegt im notwendigen unabwendbaren Missverständnis, dem Völker eines vorwiegenden Zweckmilitarismus gegenüber einem Volke des vorwiegenden Gesinnungsmilitarismus mit Notwendigkeit verfallen müssen“.

Der deutsche Militarismus (der seinen Ursprung im preußischen Ideal des Standesheeres habe) diene nicht dem Zwecke der Eroberung, sondern sei „der freie Ausdruck, die natürliche Lebensform des spontanen Ethos und Grundwillen unseres Volkes“.

Deutschland habe anders als England oder Frankreich keine größeren kolonialen Verpflichtungen oder Bestrebungen, doch gefalle es den Deutschen, ein Heer zu unterhalten. Der deutsche Militarismus gleiche „mehr einem Kunstwerk als einem Werkzeug“.

Anmerkung: Auch hier wäre es interessant, die Kolonialkriege von Engländern und Franzosen den deutschen diesbzgl. Unternehmungen gegenüberzustellen. Oder die militärischen Ausgaben vor dem Ersten Weltkrieg. Das hat aber bestimmt schon jemand gemacht.

Kurz: Die Deutschen setzten im Militär „die Ehre dem Nutzen“ voraus und das Heer sei Ausdruck dieses Willens, der sich über viele Jahrhunderte in Deutschland gebildet habe. Scheler führt Friedrich den Großen an, der in seinen Briefen während seiner Feldzüge nie Ruhmsucht oder Besitzgier, wohl aber beständig die Ehre angeführt habe. (Was mir als alleiniges Argument etwas schwach erscheint).

Ausdruck des Gesinnungsmilitarismus sei auch die Tatsache, dass der Offizier in Deutschland vor dem Kriege als soziales Vorbild geachtet gewesen sei. Doch habe das Ausland nicht verstanden, dass dem keine Eroberungsgelüste zugrunde gelegen hätten, sondern die Deutschen sich schlicht im Ausdruck des Militärischen gefallen hätten.

Gerade der deutsche Gesinnungsmilitarismus sei im Gegenteil ein Garant gegen alle Eroberungsgelüste und sei zusammen mit der größten Friedfertigkeit vor dem Kriege verknüpft gewesen (Anmerkung: Auch hier lohnte wohl mal der vorurteilslose Blick auf die diplomatischen Winkelzüge der späteren Kriegsgegner prä bello. Ob Christopher Clarke das getan hat?).

Das Gesicht des deutschen Gesinnungsmilitarismus habe also dem Ausland fürchterlich erscheinen müssen, wo es hingegen von größter Friedfertigkeit des politischen Willens begleitet gewesen sei. Scheler: „Bestünde die Welt aus lauter Gesinnungsmilitaristen, so wäre der Krieg genauso unmöglich, als wenn die Welt aus lauter Pazifisten bestünde“.

Ein weiteres notwendiges Missverständnis verortet Scheler in den Unterschieden zur Freiheitsidee: So könne das Ausland nicht verstehen, dass für Deutsche die Freiheit „ihren ersten Ort überhaupt nicht im politischen Menschen, ….. auch nicht in der politischen und öffentlichen Sphäre“ habe.

Die Freiheit bestünde für die Deutschen „ganz wo anders: Im Denken und Schauen, im Gemüte, ferner in der streng sachlichen Facharbeit, in Gewissen und Religion, in Familie und Heim“. (Anmerkung: Es klingt irgendwie auch hier seltsam aktuell).

Dies und die Tatsache missachtend, dass die Deutschen „das sozial- und gefühlsdemokratischste Volk der Erde“ seien, in dem man die Verschiedenheit der Individualität achte und ebenso den Aufstieg durch Bildung, mache das Missverständnis unvermeidlich, die Deutschen als „serviles Volk“ und „gutmütige Herde“ zu sehen.

Dabei (und hier spart Scheler nicht mit Kritik) seien die anderen mit ihrer Bewertung auf einem Auge blind, denn der Engländer vergäße „seine geistige und gemüthafte Unfreiheit, seine Insularität, Borniertheit, seinen Dilettantismus und seine die Welt zu seinen Inselsitten verengende Maulwurfsperspektive in allen Dingen der geistigen Kultur und Wissenschaft“.

Der Franzose schließlich vergäße bei seiner Bewertung Deutschlands „seinen altererbten Konventionalismus und Aberglauben an den absoluten, allmächtigen Staat auch bis ins Menschliche hinein“.

Kurz, es sei auch hier aufgrund der psychologischen Unterschiede der Völker kaum möglich, Tugenden und Vorteile der einen gegen Tugenden und Vorteile der anderen zu vergleichen. Scheler konstatiert schlussendlich: „Solange Deutsche Deutsche bleiben, wird niemals der Geist des westlichen Demokratismus und Parlamentarismus bei uns herrschen und niemals werden seine Abarten von Freiheitsidee die unseren sein können……

Immer wird für uns der evangelische Satz gelten: Die Wahrheit (und das Gutsein) wird euch frei machen – nie der umgekehrte: Die Freiheit wird euch zur Wahrheit und zum Guten führen“. Anmerkung: Nun, es kam anders. Und kann freilich eines Tages wieder anders kommen.

Abwendbare Missverständnisse als Ursachen

Gegen Ende seines Buches wendet sich Scheler den politischen Einflüssen des Hassaufbaus zu. Die Polenpolitik und die Behandlung des Elsass seien gleichermaßen post bello einer kritischen Revision zu unterziehen. Außerdem hätten drei weitere, vermeidbare Punkte am Hassaufbau mitgewirkt:

Zum einen sei das Bild des Deutschen Handelskaufmanns im Ausland oft und berechtigterweise schlecht ausgefallen. Dieser sei, anders als zum Beispiel englische Kaufleute, oft als kleinlich, schlecht im Benehmen, schwerfällig, bisweilen sogar hochmütig und verschlossen aufgefallen.

Solches Auftreten resultiere auch aus den deutschen Vorurteilen gegen den Handelsstand, welche innerhalb Deutschlands abgebaut werden müssten. Ein weiterer Aspekt im Hassaufbau sei die sozialdemokratische Kritik an den Zuständen im Kaiserreich gewesen.

Das Ausland habe sich oft auf die scharfe, bisweilen ätzende Kritik der Sozialdemokraten an Zuständen im Reich gestürzt, obgleich „diese Kritik dem Lebensstande der deutschen Arbeiter-Massen und der sozial-politischen Sorge des Staates für sie im Vergleich mit dem Lebenszustand der Arbeiterklassen und der Sozialpolitik anderer Länder und deren Kritik an den inneren Zuständen nicht im entferntesten angemessen war“.

Anmerkung: Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass tatsächlich die Lebensbedingungen der Arbeiter in Deutschland vor dem Krieg besser gewesen seien als die der Arbeiter in Frankreich etc. bzw. dass die deutschen Sozialleistungen schon damals die aller anderen Länder übertroffen hätten. Allerdings flankiert von einer Politik, die in der Sozialdemokratie ein Übel sah.

Scheler legt auch hier den Finger auf die Wunde: Da den Sozialdemokraten der Griff zur Macht verwehrt gewesen bzw. sie als „vaterlandslose Gesellen“ angesehen worden wären, sei die Bitterkeit dieser gewachsen und habe sich erst mit Kriegsausbruch wieder zum Positiven gewendet.

Anmerkung: Wer mehr über die diversen Aktionen deutscher Regierungen im Kaiserreich gegen die Sozialdemokratie lesen will: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistengesetz

Eine weitere „hassnährende“ Wirkung schreibt Scheler den Alldeutschen zu. Diese hätten ein Zerrbild von Deutschland entworfen, was das Ausland mit der Realität verwechselt habe.

Dabei hätten sie eine „wagnerhafte Helden-Romantik“ gepflegt, Bismarcks Gestalt überhöht und verzerrt, sich „wissenschaftlich ganz unreifer und unentscheidbarer Rassetheorien“ bedient und das Industriekapital habe sie sich zum Aushängeschild seiner materiellen Interessen gemacht.

Mit dem Geiste des altpreußischen Konservatismus habe aber das Alldeutschtum gar nichts zu tun. Das Ausland habe nun die Alldeutschen kolossal überschätzt und hier sei ein weiteres der Völkermissverständnisse entstanden:

Die Alldeutschen redeten wohl immer von Macht, doch hätte das Ausland nicht gesehen (oder nicht sehen wollen), dass kein Volk, dass wirklich Macht anstrebt, dauernd von Macht redet. Scheler: „Man sehe nur auf England! Immer will es und immer handelt es „Macht“, und immer redet es vom Recht“.

Anmerkung: In dem Zusammenhang fällt mir eine lustige, vielleicht treffende und ähnlich klingende Formel für den Nahen Osten ein. Mir sagte mal ein kluger Israeli, den ich auf das Kriegsgeschrei der Araber („Tötet Israel!“ etc.) angesprochen hatte, lächelnd: Die Araber reden immer vom Krieg und wollen den Frieden. Wir Israelis reden immer vom Frieden und machen den Krieg.

Es bleibt auch hier das alte Bibelwort: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. S. meien Überlegungen oben zu Untersuchungen der militärischen Kampagnen der späteren Kriegsgegner vor dem großen Krieg. Doch weiter.

Unser Verhalten zum Hasse der Welt

Wie nun dem Hass der ganzen Welt am besten zu begegne sei, fragt Scheler sich und seine Leser am Ende seines Buches. Es gebe vier Strategien, die alle ihre Anhänger in Deutschland hätten:

Die erste Gruppe sei die der Wiederhasser, die auf den Hass mit Hass reagiere. Darunter seien vor allem die Englandhasser zu finden, die sich von England verraten fühlten und daher die Insel mit großer Inbrunst hassten, was aber auch aus einer Ohnmacht resultiere, da England als Insel nicht attackiert werden könne.

Dieser Hass sei abzulehnen und die Wurzeln dieses Hasses aufzuarbeiten. Dann gäbe es die, die den Hass stoisch hinnähmen bzw. ihr Herz davor verschließen würden. Scheler schreibt, dass ihm diese Haltung noch die sympathischste sei, doch bestehe die Gefahr der dauernden Verhärtung des Herzens.

Zudem sei diese gemachte Fühllosigkeit dem deutschen Wesen eigentlich fremd bzw. der deutschen Seele künstlich, die sich durch jene „wunderbare Kraft des großen, weltweiten Verstehens“ auszeichne. Daher sei es angebrachter, den Schmerz über diesen Hass zu fühlen und sich keine „enge Römerpose“ aufzusetzen.

„Das hohe, deutsche Gut eines weichen, milden, selbst für das Verstehen dieses Hasses noch aufgeschlossenen Herzens“ gelte es zu bewahren. Gefährlich sei die Gruppe der Mithasser. Dies seien Deutsche, die sich am Hass auf Deutschland beteiligten.

Ihre Gruppe sei zum Glück nur klein, aber in jedem Falle abzulehnen, da das „unwürdige Schauspiel des Selbsthasses“ in der Selbstaufgabe ende. Leider sei die deutsche Seele nie ganz frei von einer Tendenz zur Selbstzerfleischung gewesen (welche zum Beispiel Nietzsche in seinen letzten Schriften gepflegt hätte).

Anmerkung: Wohl wahr – die Ausfälle Nietzsches gegen seine Landsleute sind mir noch gewahr, ebenso wie mein Eindruck, dass dort viel verletzter Stolz und Eitelkeit eine Rolle spielten. Nietzsche wäre so gerne anerkannt gewesen – und wurde es nie.
Doch weiter:

Jedenfalls sei dieses Verhalten, deren sich manche in Deutschland („auch Herr Liebknecht und seine Genossen gehören dazu“) befleißigten, zu bekämpfen. Es wirke zudem seltsam auf das Ausland, dem zuzusehen.

Anmerkung: Es war ein gewisser Weg bis hin zu „Deutschland Du mieses Stück Scheiße“ oder „Deutschland verrecke“. Es hat mich immer erstaunt, solche Worte zu hören oder zu lesen. Was soll man von jemandem halten, der das Eigene zerstören will? Eine solche Haltung erschien mir immer irgendwie krankhaft. Aber weiter:

Die letzte Reaktion bestehe im Missverständnis auf deutscher Seite, man müsse nur genügend „aufklären“, dann würde sich der Hass in Nichts auflösen. Dem tritt Scheler scharf entgegen. Die Aufklärung an sich sei richtig, könne aber nicht alle Ursachen des Hasses, wie er sie in seinem Buch dargestellt hätte, beseitigen.

Diese Ursachen lägen in den Völkern selbst bzw. in deren verschiedenen Wertesystemen. Menschen, die sich dieser Art von Aufklärung verschrieben hätten, seien „Gutmeinende, nicht gut, weil dazu viel zu selbstgefällige Naturen, aber ganz schlechte Musikanten, dazu harte, halbe, dürre Herzen – so dürre, dass selbst ihre Irrtümer noch in diesen ihren Herzensmängeln wurzeln“.

Anmerkung: Interessant. Vom Gutmeinenden zum Gutmenschen ist es nur ein kleiner Schritt, scheint mir.

Scheler plädiert dafür, sich keiner dieser Haltungen anzuschließen, stattdessen sei folgendes angebracht: „Selbstbeherrschung unserer eigenen Hassaffekte, unbedingte Festhaltung nicht nur des unerschöpflichen, deutschen Wesens, ja, das feste, glückliche, stolze, aber nicht hochmütige Gläubigsein an die Unendlichkeit und Hoheit dieses deutschen Wesens, aber nüchtern kühle Selbstkritik aller deutschen Erscheinungsformen in den letzten Friedensjahren auf allen Gebieten. Das sei unsere alles umspannende Grundhaltung!“

Und er schließt sein Buch mit den Worten: „Suchen und heischen wir nicht und nirgends nach Liebe, sondern lassen wir den Hass der Welt sich langsam selbst verschlingen an der Anschauung der Werke, die wir in der kommenden Friedenszeit hervorbringen und die ganz ohne solches Heischen den Hass und Neid der Welt nach Regel Goethes entwaffnen müssen: Gegen große Vorzüge sich zu erhalten, gibt es nur ein Mittel – die Liebe.

Im übrigen aber lernen wir wie in so vielem Leide unserer Geschichte auch in dem Hasse, der uns jetzt traf und den als nicht schwer und tief von uns empfunden auszugeben uns nicht ansteht, gläubig und fromm in altem deutschen Sinne einen Hammerschlag das höchsten Herrn erkennen, dadurch er das verborgene idealische Bildwerk unseres tiefsten Wesens, dadurch er die deutsche Seele herausbildnern will aus dem Chaos einer sündenvollen Menschengeschichte und aus der Marmorhärte unserer Zeit“.

Anmerkung: Nun…. Auch hier kam es anders, wie wir heute wissen.

Was haben uns die Worte Schelers heute noch zu sagen? Sind es seltsame Worte aus einer Zeit und von Idealen, die wir längst überwunden haben? Oder bringen seine Worte noch etwas in uns zum Klingen?

Wie es auch sei – man mag die ein oder andere Minute darüber nachsinnen, was wir alles im Laufe der Zeit verloren haben. Wir haben nicht nur schlechte Dinge abgelegt – wir haben auch gute Dinge mit den schlechten zusammen weggeschmissen.

Ob es in 30 Jahren noch ein Deutschland oder ein deutsches Volk gibt, kann im Moment nicht gesagt werden. Es ist möglich, dass sich alles auflöst und ein Flickenteppich von Regionen entsteht, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft sich misstrauisch gegenüberstehen.

Es kann auch sein, dass demnächst derartige „Hammerschläge“ des Schicksals anstehen, dass danach rein gar nichts mehr da ist – kein Deutschland und auch keine Bevölkerung.

Vielleicht gibt es auch eine Renaissance, in welcher die Menschen verstehen, dass das Alte zu pflegen nicht bedeutet, Neuem gegenüber verschlossen zu sein und in dem eine bessere Balance zwischen Schutz und Offenheit gewählt wird oder in der eine Gleichsetzung Heimatliebe = Fremdenhass nicht mehr existiert.

Was aber auch geschehen mag: Solange es Menschen gibt, die durch deutsche Gedanken, Verhaltensweisen oder Ausdrücke berührt sein können, wird es auch einen deutschen Geist und ein deutsches Wesen geben. Das ist wohl etwas, auf das man bauen kann.

Denn Menschen haben ihre Aufgaben auf dieser Welt – und Völker auch. Selbstaufgabe aber gehört nach der bescheidenen Meinung des Schreibers dieser Zeilen nicht dazu.

7 Kommentare zu “Die Ursachen des Deutschenhasses Teil Zwei

  1. Wenn ich damals Deutschland als Ausländer betrachtet hätte, wäre mir der Eindruck entstanden, dass wie einst Friedrich der Grosse das Kunstwerk, welches sein Vater ihm hinterlassen hatte, zum Werkzeug schmiedete, jetzt der Kaiser Wilhelm II., nachdem er sein eigener Kanzler geworden war, Gleiches beabsichtigte. Der Eindruck musste sich bei dessen Herumschwadronieren, Säbelgerassel und Panthersprüngen förmlich aufdrängen, und zwar auch bei jemandem der das Geschehen nicht durch eine von Hass getönte Brille betrachtete.

    Der Militarismus als Ausdruck des deutschen Wesens – „Oh Ekel, Ekel, Ekel“

    • Ja, da spielten wohl einige Komplexe bei Wilhelm II. mit hinein….. dennoch erscheint mir der persönlich sich nicht kriegerisch Gebende, der den Krieg will, schlimmer als der sich kriegerisch Gebärdende, der den Krieg womöglich gar nicht will.

  2. Warum gibt eigentlich keinen Britenhass, Franzosenhass,Amerikanerhaß, Russenhaß, Belgierhaß Holländerhaß u.s.w.?
    Die haben doch im Vergleich mit Deutschland sehr viel mehr Dreck am Stecken.
    Mir kommen die ständigen Selbstbezichtigungen gewisser Deutscher wie bei einer Frau vor, nach einem Ehekrach. Denn die Frauen suchen auch immer zuerst die Schuld bei sich. Jede noch so kleine Sache wird dann in unendlichem Schuldwahn aufgebauscht. Derweil hatte der Ehemann die maßgebliche Schuld. Das die Frau aber nicht erkennen, in deren maßloser Schuldneurose.

    Kurz also, die Deutschen verhalten sich wie Frauen. Der Charakter der Deutschen ist zu weiblich.

    • Danke Rüdiger – oh ja, Klemperer habe ich mit (soweit man bei dem Thema davon sprechen kann) Genuß gelesen! Eine wahrlich menschliche Schilderung. Wenn Du Klemperer schätzen gelernt hast, würde ich Dir auch Benedikt Kautsky empfehlen – sein Buch über seine sieben Jahre in deutschen KZs ist lesenswert. Kein Hass herrscht dort vor, sondern das Bedürfnis nach Schlichtheit in der Darstellung und Menschlichkeit – und Wahrheit.

  3. Danke für den Hinweis.
    Hier mal der Bericht einer Frau:
    http://www.amazon.de/Als-Gefangene-bei-Stalin-Hitler/dp/3548363326
    Das mit dem Hass will mir nicht so recht eingehen. In der Kindheit, 60er und 70er, habe ich vielen Leuten zugehört, die beide Kriege erlebt hatten. Hass auf ganze Völker erinnere ich da nicht. Nur die Polen kamen „schlecht weg“ – aber purer Hass war da auch nicht.
    Und im Zusammenhang mit WK l wird ja gelegentlich das Fußballspiel oder Weihnachtfeiern britischer und deutscher Soldaten zwischen den Gräben erwähnt.
    Anfangs ging man anscheinend eher im Geist ritterlicher Fairness miteinander um. Dazu passt dann auch, daß z.B. Briten sich ergebende Deutsche korrekt behandelten – bis auf die Bedienung von Maschinengewehren, die wurden niedergemacht. Maschinelles Töten ist halt nicht mehr ritterlich.
    Beim sog. Holocaust wird ja auch nicht die reine Zahl der Toten betont, da gibt es wohl schlimmere oder ähnlich schlimme Taten Anderer.
    Abgehoben wird auf „industrielle Tötung“ als Alleinstellungsmerkmal.

    • Tja, der Hass…. das Buch dieser Frau war nebenbei ein Lieblingsbuch meines Vaters. Der Hass will mir auch nicht eingehen – aber dass er geschürt werden kann – das war wohl damals so und wird auch heute wieder so sein. Irgendwann. Demnächst. Bald?

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