Die Ursachen des Deutschenhasses Teil Eins

Vom heute großenteils vergessenen deutschen Philosophen Max Scheler (dessen Buch „Genius des Krieges“ ich vor Jahren mit Interesse gelesen hatte) wurde im Ersten Weltkrieg ein kleines, gerade mal knapp 200 Seiten großes Buch über die Ursachen des Hasses, der damals dem Deutschen Reich und den Deutschen entgegenschlug, geschrieben.

Dieses Buch hatte ich letztens gelesen und fand manches in ihm sehr erhellend und als auch für unsere Zeit noch zum Nachdenken anregend geeignet, weswegen ich es im Folgenden kurz zusammen fassen und mit eigenen Anmerkungen versehen will. Bevor es aber zur Sache geht, noch zwei kurze Worte zu Max Scheler:

Dieser, ein konvertierter Jude, war auch als Anthropologe und Soziologe bekannt geworden. Er führte ein wechselvolles Leben (war dreimal verheiratet), hatte im Ersten Weltkrieg deutsche Kriegsgefangene in der Schweiz betreut und bezeichnete sich selber als „deutschen Patrioten“.

Schon im Buch „Genius des Krieges“ war mir persönlich ein deutliches Streben nach Wahrheit aufgefallen, welches auch dazu beigetragen hatte, dieses Buch für mich lesenswert gemacht zu haben. Mehr zu Max Scheler hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Scheler

In „Die Ursachen des Deutschenhasses“ geht Scheler anno 1916 der Frage nach, worin die Gründe dafür liegen könnten, dass den Deutschen großer Hass von Seiten ihrer Kriegsgegner entgegenschlage und möchte hierzu psychologische Antworten finden, um aus ihnen pädagogische Hinweise zu ziehen, wie dem Hass am besten zu begegnen sei.

D.h. es steht in keiner Weise die Politik im Fokus seiner Betrachtung, sondern er versucht sich an einer psychologisch-philosophischen Deutung des Hasses. Nebenbei: Dass es diesen Hass auch gab, nehme ich hier als gegeben an. Die Beispiele alliierter Gräuelpropaganda (abgehackte Kinderhände, abgeschnittene Frauenbrüste und ähnliches), die später als Humbug entlarvt wurden, sind mir noch ein Begriff. https://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda_im_Ersten_Weltkrieg

Freilich: Solange man, wie in diesem angeblich erhellenden Buch über den Ersten Weltkrieg, Zeitungsmeldungen als Belege für Gräueltaten heranzieht, wird man der Wahrheit kaum näher kommen (und dies gilt nicht nur für den Ersten Weltkrieg). http://www.sehepunkte.de/2004/07/6108.html Dies soll allerdings hier nicht das Thema sein.

In den Tagebüchern des wundervollen Pamphletisten und Polterers Leon Bloy, über den ich hier schon mal geschrieben hatte – https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/11/27/das-heil-kommt-von-den-juden/ – finden sich Einträge, die seinen und den Hass anderer Franzosen auf die Deutschen dokumentieren. So schreibt er am 04. September 1914:

„Abendessen mit Brot und Käse in einem kleinen Lokal, wo man Cidre trinkt. Gelegenheit, den Seelenzustand des Volkes von Rennes zu sehen…… Die Frau des Hauses zeigt Hass auf die Deutschen. Sie sagt uns, dass die Kriegsgefangenen, die durch die Stadt kommen, sehr schwer zu schützen sind.

Sie selbst geht mit vielen anderen, ausgerüstet mit Messern und Scheren, auf den Bahnhof und hofft, einige massakrieren zu können. Wir hören das mit tiefer Freude.“
Und am 16. Januar 1915: „Es gibt keinen Krieg. Es gibt in Belgien, Frankreich und anderswo eine große Invasion von Räubern und wilden Tieren…….

Es kann daher keine Frage des Friedens geben. Es geht einzig darum, sich zu verteidigen, indem man die Übeltäter auslöscht und sie mit allen nur möglichen Mitteln zerreißt.“ Soweit Leon Bloy. Er war in eben beidem groß: Im Hass wie in der Liebe.

Und ich erinnere mich eines kleinen Büchleins des russischen Schriftstellers Korolenko, wo dieser schilderte, wie er einst als Reisender in einer südfranzösischen Stadt einen Transport von deutschen Kriegsgefangenen an einem Bahnhof mit angesehen habe und ihm die Atmosphäre von Hass und Wut bei der Zivilbevölkerung (nicht bei den Soldaten) aufgefallen sei.

Ich entsinne mich leider nicht mehr des Titels. Aber immerhin dessen, dass bei Korolenko sich ganz plötzlich die Situation ändert, als eine Frau einem der deutschen Soldaten ihre Kinder vor die Füße wirft und schreit: „Du hast den Vater umgebracht, nun bring auch die Kinder um!“

Worauf dieser, während der ganze Bahnhof zusieht, durch Gesten klarmacht, dass er selber sechs Kinder zurückgelassen hat – woraufhin der Hass vergeht und die Atmosphäre sich in eine des Mitgefühls verwandelt. Korolenkoi (ganz Russe) schildert dies ergreifend und schön. https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Galaktionowitsch_Korolenko

In dem Zusammenhang fällt mir eine weitere, zur Seltsamkeit des Krieges passende (wenn auch keine Deutschen drin vorkommen) Szene aus dem Romanzyklus „Das rote Rad“ von Alexander Solschenizyn ein: Die Februarrevolution tobt in Sankt Petersburg, Polizisten und Offiziere werden vom Pöbel erschlagen. Drei junge Offiziere werden von einer wütenden Menge gefasst und an die Wand gestellt, um füsiliert zu werden („Umbringen die Schweine! Schießt sie tot!“).

Ein Soldat aus deren Regiment, der in der Meute steht, hat den rettenden Einfall und ruft: „Aber der hat doch ein Holzbein!“. Worauf einer der Revolutionäre vortritt und die Offiziere abtastest und ruft, dass tatsächlich einer ein Holzbein habe, wodurch sich auch hier die Atmosphäre radikal ändert: „Hat das Bein verloren, der arme Kerl…… klar, sind ja auch nur Soldaten…..“. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_rote_Rad

Wenn Einem etwas im Hinblick auf die nächsten Jahre Mut machen darf, so dass es selbst in Zeiten allgemeinen Hasses Wunder an Menschlichkeit geben kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Also weiter zu Scheler: Gehen wir also davon aus, dass dieser Hass existierte (ich zumindest zweifle nicht daran. Wobei mir gerade die Frage einfällt, ob sich schon jemand zum Beispiel mit der Behandlung alliierter Kriegsgefangener in deutschen Händen beschäftigt hat? Ich weiß es nicht – aus der Behandlung ließen sich vielleicht auch gewisse Rückschlüsse ziehen….. aber auf der anderen Seite ist Krieg zu allen und von allen in unterschiedlichen Anteilen grausam und auch das ist ein anderes Thema).

Scheler konstatiert zu Beginn des Buches, dass dieser Krieg ein weltgeschichtliches Ereignis und dass es dazu paradox sei, dass die Vernetzung der Welt durch Telegraph, Zeitungen etc., von der man ein Zusammenwachsen der Menschheit hätte erwarten können, nun der Verbreitung des Hasses diene.

Anschließend verwirft er die damals gebräuchlichen Erklärungen für den Hass: Dass er erst mit dem Krieg aufgeflammt sei, dass er daher rühre, dass man die Deutschen nur nicht genug kenne und dass Hass im Wesen des Krieges läge.

Dem hält er entgegen, dass der Hass auf die Deutschen bereits vor dem Krieg überall groß geworden sei, dass es zwar richtig sei, dass dem ein falsches Bild zugrunde liege und dieses den Hass fördere (allerdings nicht die wesentlichste Ursache sei) und dass schlussendlich der Hass auch deswegen in Europa so groß sei, da es ein pazifierter Kontinent sei. Scheler schreibt:

„Ein Krieg zwischen Pazifisten – er wäre der Idee nach der unritterlichste, furchtbarste, der hasserfüllteste und grausamste Krieg, der sich denken lässt….. Der gegenwärtige Krieg ist darum der furchtbarste und unsittlichste Krieg, den die Geschichte kennt, da er im großen und ganzen gesehen ein Krieg der stark pazifierten, unkriegerischen und hochkapitalisierten Völker Europas ist – ein Krieg der Völker selbst, nicht nur ihrer Heere, Dynastien und Regierungen – nicht auch ein Krieg vorwiegender Standesheere, sondern vorwiegender innerlich demokratisierter Volksheere.

Je kriegerischer das Ethos irgendwelcher Gruppen, desto weniger bedürfen sie des Hasses als Antrieb, um sich im Kriege gut zu schlagen. Den typischen Bourgois kann man sich dabei fast definieren als einen Mann, der hassen muss, um Krieg zu führen“. (Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt und auf unsere Zeit überträgt….. doch weiter).

Auch dass der Hass auf den politischen Spannungen zwischen Mittelmächten und Entente herrühre, lässt Scheler nicht gelten; vielmehr komme dies nur zusätzlich zu den Hauptursachen dazu, denen er sich später zuwendet.

Scheler stellt desweiteren fest, dass die Hassgefühle der Russen uns gegenüber geringer seien als im Westen und lässt die Kurve des Hasses „weitersteigen in der Richtung Serbien, Italien, Frankreich, England (das nur zu stolz und zu selbstbeherrscht ist, seinen Hass so unbeherrscht und wütend zu äußern wie Frankreich), Belgien“.

Außerdem sei der Hass kein Frontphänomen, sondern steige vielmehr mit der Entfernung zu „Front und Frontgeist“ an. (Dies ließe sich mühelos auf die Sicht mancher heute auf Asylbewerber oder Gegner des Asylzustroms übertragen). Die Intelligenz, die in Zeitungsartikeln und Aufrufen den Hass anstachele und sich auf Volkes Stimme berufe, sei selber der Hauptsitz und Ursprung dieses Hasses (ob Ilja Ehrenburg diese Worte im siebten Kreis der Hölle vernimmt? Wohl eher nicht).

Scheler selbst lehnt den Hass als den Kampfgeist befeuerndes Mittel strikt ab, da er „ohnmachtgeboren“ sei und den Siegeswillen eher schwäche. Anschließend wendet er sich den Hintergründen des Hasses zu:

Das „Hasskapital“ der europäischen Seele sei gleichsam im Krieg flüssig gemacht worden; sein Anwachsen vor dem Krieg hinge mit dem Schwächer werden echter christlicher Werte und dem Anstieg von Neid, Konkurrenzdenken etc. zusammen und einem Denken, was alles aus dem Geldgewinn bemesse.

Der Hass sei außerdem faktisch wie symbolisch ein Hass „der Peripherie gegen die Mitte“, gegen die Moral, gegen das Herz Europas. Scheler weist daraufhin, dass für Jahrhunderte das (Heilige Römische) Reich keine politisch mächtige, wohl aber eine moralische Institution gewesen sei und dass Deutsche in allen europäischen Ländern wesentlich an Strukturen wie Gesetzgebung, Recht und Verwaltung mitgewirkt hätten.

Der Hass sei vor allem ein Phänomen des Bürgertums der europäischen Länder (und nicht der Arbeiterschaft) und wüte gegen die in Deutschland anders gearteten Grundsätze hinsichtlich eines ökonomischen Individualismus und des kapitalistischen Geistes.

Es herrsche hier mithin ein Missverständnis: Man kreide Deutschland den herrschsüchtigen Imperialismus eines militaristischen Zentralstaates an und neide ihm den wirtschaftlichen Erfolg – dabei sei alles, Imperialismus, Zentralstaat wie Kapitalismus, den Deutschen eigentlich wesensfremd und nicht als Eigenprodukt entstanden. Frankreich zum Beispiel sei viel zentralistischer als Deutschland.

Vielmehr sei Deutschland viel stärker und länger als seine Gegner von der christlichen Kooperations- und Gegenseitigkeitsidee geprägt gewesen und der Gedanke einer Bundesstaatsverfassung echt deutsch. Scheler nennt denn auch den Hass das Anzeichen einer „seelischen Kryptorevolution“ der bürgerlichen Kreise.

Als Vision erscheint ihm das Zusammengehen von radikal-konservativen Elementen mit der Arbeiterschaft – dass sich quasi das Älteste und das Jüngste zu einer moralischen Macht zusammenschlössen. (Wir wissen heute, dass es dazu nicht kam).

Zur Qualität und zu den Trägern des Hasses

Im nächsten Kapitel wendet sich Scheler der Qualität des Hasses und seinen Trägern zu. Der Hass sei in Russland am schwächsten, in Frankreich am hysterischsten und in England am ruhigsten, doch müsse man psychologische Unterschiede beachten:

Der Franzose verwende seinen Hass quasi zur Selbst-Deklamation und äußere ihn rasch und direkt, während der Engländer immer ruhiger werde, je stärker der Affekt sei. „Dort eher wildes Augenblicksfeuer, hier stetes Wachstum einer sich immer tiefer in die Seele einsenkenden Kraft“.

Der Engländer sei „eigensinnig zäh und konstant in seinem Hass“, weswegen eine Verständigung mit ihm nur schwer möglich sei (wenn er auch gleichzeitig ein kluger Kaufmann bleibe, der seine Chancen und Risiken abzuschätzen wisse). Anmerkung von mir: Ich weiß nicht, warum mir dabei Winston Churchill einfällt……

Italiener und Russen richteten ihren Hass vor allem gegen die in ihren Ländern lebenden Deutschen, welche oftmals zur erfolgreichen Kaufmannschaft gehörten (Anmerkung: Ich erinnere mich gut, im schon erwähnten Romanzyklus „Das rote Rad“ von Solschenizyn auch gelesen zu haben, dass es in russischen Städten zu Kriegsbeginn und auch im Verlaufe des Krieges zu spontanen Plünderungen von deutschen Läden kam. Solschenizyn hatte sich die Mühe gemacht und dazu Mengen an Zeitungsberichten ausgewertet. Es täte mich auch hier interessieren, ob ähnliche Fälle aus dem Deutschland des Ersten Weltkrieges berichtet werden können – also Plünderungen ausländischer Läden o. ä. Mir ist nichts bekannt, freilich mag es darüber Untersuchungen geben). Doch weiter.

Bei den Italienern komme als hassverstärkendes Element das Bewusstsein des Verrats hinzu (Italien gehörte ursprünglich dem Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn an und wechselte kurz nach Kriegsbeginn die Seiten, da die Alliierten im Falle des Sieges den Italienern österreichisches Gebiet versprochen hatten). https://de.wikipedia.org/wiki/Dreibund

„Niemand hasst man mehr als den, den man beleidigte und ungerecht behandelte“, schreibt Scheler. Noch einmal betont Scheler, dass der Hass ein MIttelstandsphänomen sei. Arbeiterschaft und Aristokratie bzw. sozialistische und hochkonservative Kreise seien frei von ihm.

„Es ist (bezogen auf Frankreich) der republikanische, auf den Ideen von 1789 fußende Nationalismus …. (und) der positivistische Nationalgedanke, in dem sich die allgemeinfranzösische Revancheleidenschaft mit dem politischen Hasse gegen unsere monarchisch-militärischen Institutionen….“ verbinde.

Zu den unmittelbaren Ursachen des Hasses

Scheler konstatiert, dass das Maß des Hasses alle in Deutschland verwundert habe, auch wenn man gewusst habe, dass man gehasst werde und „dass wir nüchterne Pedanten für die Russen, gefährliche Emporkömmlinge … für die Engländer, schwerfällige und eroberungsgierige Barbaren …. für die Franzosen sind“).

Doch die Einheit und die Universalität des Hasses sei das eigentlich Verwunderliche, wo doch die Begründungen in Form der Werturteile über die Deutschen von Volk zu Volk so unterschiedlich seien. Ja, die Begründungen könnten sich sogar wiedersprechen, doch der Hass bleibe gleich.

Scheler zählt als Beispiele auf, dass man vor dem Kriege den Deutschen einen grenzenlosen Individualismus (in dem jeder eine eigene Meinung vertrete) nachgesagt und sie als „Volk der Hyperkritik“ gegen sich selbst bezeichnet habe. Und auf einmal gälten sie „als hyperzentralisierter Bienenstaat, ein Volk serviler Gesinnung und unselbstständigen Denkens“.

Oder dies: Deutsche gälten in Frankreich als ohne Verstand und als in den Wissenschaften „mystisch, nebulös, verworren“, während man in Russland sie als zu rational und bar jeglicher mystischer Inspiration ansehe. Kurz, Scheler bemängelt die Widersprüchlichkeit in den Urteilen. Daher sei es so wichtig, zu den Grundursachen vorzudringen, die den Gegnern wahrscheinlich gar nicht wirklich bewusst wären.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Hauptursache Nummer Eins sei etwas, was in den Begründungen der ausländischen Presse kaum vorkomme und dies sei der beängstigende Erfolg der Deutschen. Während jede Nation ihren eigenen Traum vom Paradies geträumt habe, Engländer von Sport am Wochenende und Franzosen vom „Rentnerdasein nach 20-30jähriger Arbeit“ (wie seltsam aktuell das klingt), wäre der deutsche „Erzengel“ erschienen, um sie aus diesem Paradies zu vertreiben.

Dieser wäre mit „einer von außen gesehen furcht-, ja schreckenerregenden Stetigkeit, Genauigkeit und Pünktlichkeit“ an alle Arbeit herangegangen und habe unbegreiflicherweise dies aus purer Freude und Versunkenheit in die Arbeit getan. Dies habe alle bedrohten Völker in eine Abwehrhaltung gegenüber Deutschland gebracht (und Scheler bringt das lustige Beispiel eines deutschen Botschafters in Rom, der vor dem Kriege einen klugen Franzosen dort gefragt habe, weshalb die Deutschen allseits so gehasst würden, worauf dieser gesagt hätte: Ils travaillent trop (sie arbeiten zu viel).

Der Unterschied läge darin, dass die anderen europäischen Völker Zweckarbeiter stellen täten, während die Deutschen Liebesarbeiter seien. Zudem verstünden die anderen Völker nicht, dass die Deutschen ihre Arbeit nicht aus strategischen Gründen verfolgten, sondern einfach die „Arbeit an sich“ liebten.

So vermute man im Ausland düstere Absichten (Welteroberung und Dominanz), wo keine seien bzw. nur bei einer Minderheit wie den Alldeutschen. https://de.wikipedia.org/wiki/Alldeutscher_Verband

Was die Gründe für den Neid und die Furcht vor den Deutschen angeht, billigt Scheler es den anderen zu, dass sie Grund hätten, sich (aus ihrer Sicht) bedroht zu fühlen (Anmerkung: Seltsam – dieses Verständnis mit anderen scheint mir wirklich ein Grundzug deutschen Wesens zu sein – man will die anderen verstehen und versteht sich selbst nicht…..s. Asylproblematik).

Nun vertritt Scheler die Ansicht, dass der Hass zwar ein Unrecht sei, es aber Dinge in der Art gäbe, wie die Deutschen arbeiteten, die man kritisch sehen (und verändern) müsse. Die Freude an der Arbeit sei etwas spezifisch Deutsches und lobenswert, doch sei diese Freude im Maschinenzeitalter über ihre natürliche Grenze gegangen.

Wegen der rapiden Industrialisierung wäre Deutschland in der Lage, über den nationalen Bedarf bzw. über „allen sinnvollen Zweck hinaus“ zu produzieren. Die Deutschen hätten gleichsam mit ihrer Einstellung zur Arbeit einen Zukunftsweg beschritten, dem letztendlich ganz Europa folgen müsse – nur verurteile man jetzt noch die Deutschen dafür (Anmerkung von mir: Das scheinen mir geradezu prophetische Gedanken zu sein).

Nun könnten die Deutschen nichts für ihren Charakter und sei der Hass der anderen wie gesagt ungerecht. Doch als Selbstkritik führt Scheler verschiedene Punkte an:

So sei das Maß der Arbeit ungesund (zu lange Arbeitszeiten) bzw. der Ruf nach Mehrarbeit allgemein zu schnell da (wo doch die Deutschen schon im Schnitt zwei h länger als ihre Nachbarn arbeiteten). Ausgleich in Form von Naturgenuss, Reisen, Kultur etc. sei wichtig.

Nur die Nordamerikaner seien ähnlich schnell in ihrem Arbeitstempo, wobei dies nicht wie bei den Deutschen „aus dem … Pflichtgedanken, sondern aus jenem des individuellen Emporstrebens…“ geschehe. Zudem fehle den deutschen Produkten im Gegensatz zu den englischen eine nationale Eigenart und sie seien zu einseitig an der Praktikabilität und dem Kundenbedarf ausgerichtet, was man im Ausland als Zeichen serviler Gesinnung werte.

Es fehle, da auch wirtschaftliche Produkte letztendlich Ausdruck eines Gesamtideals seien, mithin an einer Strukturidentität ähnlich des englischen „Gentlemanideals und der englischen Warenform“. Der Biedermeierstil sei der letzte gesamtnationale Stil gewesen und es fehle ein gesellschaftliches Gesamtvorbild für Stil und Ausdruck. (Das lässt sich wohl auf heute übertragen, auch wenn der Biedermerkel, in dem wir uns gerade befinden, sich durch einen gewissen politischen Stil auszeichnet, welcher aber hier nicht näher erörtert werden soll). 🙂

Kurz, es fehle stark an Formen, die man als typisch deutsch erkennen könne und von einem Mann oder einer Ware werde im Ausland gesagt, sie „müsse wohl deutsch sein, da sie nicht englisch, nicht französisch usw. sei“. Diese Formlosigkeit der Deutschen sei aber ebenfalls ein starker Charakterzug derselben.

Der Vorteil der Deutschen sei, dass sie alles (geistig) umgreifen könnten (und hier wäre Schillers Traum vom „Tag der Deutschen“ zu verstehen, der „die Ernte der ganzen Zeit“ sein solle). Auf der anderen Seite könne die Formlosigkeit im Ausdruck und das Unwissen um das eigene Erbe sich auch als Unsicherheit (hinter arroganter Miene) äußern.

„Vom deutschen politischen Nationalismus vor dem Kriege aber urteilt ein feiner Beobachter und Diplomat ……. er habe einem jungen Hunde geglichen, der noch nicht weiß, wann er bellen soll und wann nicht“.

Zu den weiteren Gründen für den Deutschenhass folgt nächste Woche Teil Zwei.

Kurzer Nachtrag: Ein Leser des Artikels, der mich freundlicherweise angerufen hatte, machte zwei interessante Anmerkungen, die ich hier so wiedergeben möchte:

Zum einen sei der Hass auf die Deutschen auch in allen westslawischen Völkern, bei Polen, Tschechen, Slowaken etc. groß gewesen, was auch damit zusammengehangen habe, dass die Deutschen die wirtschaftlich erfolgreicheren in diesen Ländern gewesen seien.

Aufgrund ihres Erfolges wären Heiraten Deutscher mit polnischen, tschechischen usw. Frauen ein Element gewesen, was den Neid und Hass weiter angestachelt habe. (Ein interessanter Aspekt – wahrscheinlich gibt es hierzu keine soziologische Untersuchung, aber es ist durchaus denkbar, dass, so wie sich ein Hass gegenüber den Juden aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen in vielen Ostländern zeigte, selbiges auf die Deutschen zutraf. Sollte ich jemals eine Untersuchung hierzu finden, werde ich darüber schreiben).

In dem Zusammenhang fällt mir noch ein, dass mein Urgroßvater als Sudetendeutscher auch mit einer Tschechin verheiratet gewesen war….

Der zweite Punkt, den der Leser anmerkte, war, dass er bezweifelte, dass die Franzosen tatsächlich derart hasserfüllt gewesen seien, wie Scheler schrieb, da er aus persönlichen Begegnungen mit Franzosen wüsste, wie lobenswert sich man über die Deutschen als Besater im Zweiten Weltkrieg geäußtert habe. (Mir fällt in dem Zusammenhang die französische Historikerin Annie Lacroix-Riz ein, die in ihren Büchern auch die – aus ihrer Sicht maßvolle – Okkupationspolitik der Deutschen in Frankreich und die – nach ihrer Darstellung gut funktionierende – Kooperation zwischen französischer und deutscher Industrie behandelt). https://www.youtube.com/watch?v=D4H19hK4DfA

Doch zurück zum Leser: Dieser meinte abschließend, wenn der Hass tatsächlich im Ersten Weltkrieg so groß gewesen sei, so sei dies nur geschehen, da die Öffentlichkeit von den Medien entsprechend angestachelt worden sei (ein Punkt, den ja auch Scheler in seinem Buch aufgreift, wo er der „Intelligenz“ vorwirft, den Hass bewusst zu schüren).

Dem würde ich zustimmen – Auswertungen der damaligen Zeitungsartikel UND Untersuchungen über die Eigentümer bzw. Finanziers der französischen u.a. Zeitungen dürften da sehr erhellend sein – wenn es sie denn gibt.

 

10 Kommentare zu “Die Ursachen des Deutschenhasses Teil Eins

  1. Interessant.
    Aber: Ich würde 70/71 nicht vergessen. Z.B. Fontane als Kriegsberichter. Mehr:
    https://de.wikisource.org/wiki/Deutsch-Franz%C3%B6sischer_Krieg#Reportagen
    Zum WK I fällt mir noch ein:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Streit_um_den_Sergeanten_Grischa
    http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6784
    Was die letzten Zeilen mit dem „jungen Hund“ angeht, kann ich jetzt keine Quellen bringen, aber so richtig „scharf auf Weltmacht/geltung“ wurde gerade der deutsche Bürger wohl erst nach dem ersten Kriegsjahr. Vorher war man eher keine Konkurrenz bezgl. Kolonien u.ä..
    Vielleicht interessant:
    http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_docs.cfm?section_id=11

    • Danke für die interessanten Ergänzungen, Rüdiger. Fontane war mir bekannt (Bloy schrieb auch über 70/71, aber Deine anderen Links nicht. Werde ich mir mal zu Gemüte führen.

  2. Die Grundursache ist wohl der Neid.
    Die Engländer sagten seit Ende der 1880er Jahre, dass ein Krieg gegen Deutschland unausweichlich sei. Die explodierende Volkswirtschaft kombiniert mit gewaltigen wissenschaftlichen Fortschritten war für sie beängstigend.
    Frankreich litt unter dem verlorenen Krieg – Hass aus Selbstmitleid. Verglichen mit den Verbrechen Napoleons (!), war der Krieg 70/71 ein Theaterdonner.
    Über die Italiener, die jahrhundertelang Profiteure des Heiligen römischen Reiches waren, gilt ihre simple Selbstsucht.
    Jeder, der Italiener an ihren maßlosen Schwächen (Verlogenheit und Korruption) erinnert – und sei es durch anderes Verhalten – wird gehaßt: am meisten derjenige, der das Gegenteil verkörpert, Pflichtbewußtsein.

    Die jetzt intensivierte Selbstzerstörung Deutschlands wird gerade in diesen Ländern (auch in Griechenland) zu den massivsten Zerstörungen führen in der absehbaren Finanzkatastrophe. Ursache ist das dann fehlende deutsche Kapital.

    Deutschland als Feinbild kann diesmal nicht in einen weiteren Krieg gegen Deutschland umgemünzt werden. Dadurch werden die zerstörerischen Kräfte zurückgelenkt – dieser Prozeß ist nicht mehr aufzuhalten.

    Europa wird nicht mehr regierungsfähig bleiben ohne eine wegbrechende bürgerliche Zivilgesellschaft. Die Demokratie
    hat auch durch die Zwangseuropäisierung bereits eindeutige Formen des Totalitarismus angenommen. Gesetze werden durch die Politik fortwährend gebrochen.- das zeigt den desolaten Zustand, der sich schon bald in Unruhen und Bürgerkriegen zeigen wird.

    Nur durch die Rückkehr zu einer Solidaritätsgemeinschaft werden die europäischen Völker je für sich und gemeinsam als selbstständiger Kontinent überleben können.

    Durch das komplette Versagen der sogenannten Eliten und auch Akademiker sind die jetzigen Gesellschaftformen obsolet geworden. Vor einigen Jahren sagte ein Mitglied des Bundestages sinngemäß: so, jetzt haben wir die Mehrheit, der Wahlausgang ist nicht mehr wichtig.
    Eine dieser Ursachen ist, dass fast die komplette Riege all jener, die in dieser „Republik“ etwas zu sagen hat, z.B. in Freimaurerbünden etc vernetzt ist. Der nichtvernetzte Teil ist aber davon abhängig und schweigt.

    Die Alternative 3.Weltkrieg zur Erhalt der Machtbasis wird dazu führen, dass sich die Völker von diesen Verbrechern nicht mehr lenken läßt. Die Eliten haben sich zu Tode gesiegt.

    Und damit fällt die Grundlage ihres Erfolges – der gesääte Hass – fort.

    P.S.Danke für den interessanten Beitrag, ich kannte den Autor bislang nicht.

  3. „wenn der Hass tatsächlich im Ersten Weltkrieg so groß gewesen sei, so sei dies nur geschehen, da die Öffentlichkeit von den Medien entsprechend angestachelt worden sei“

    Zusatz: Weltkarikatur Völkerverhetzung
    Hier sind viele Karikaturen mit Begleittext aus dem 1. Weltkrieg zu finden die zur Aufstachelung der Völker (England, Frankreich, Deutschland) gegeneinander führten.

    http://kunstmuseum-hamburg.de/weltkarikatur-voelkerverhetzung/

    Buchdownload unten.

  4. Ich empfehle allen Geschichtsinteressierten das Buch von Prof. Dr. Dr. Charles Kingsley „The Roman and the Teuton“ aus dem Jahr 1864 durchzublättern. Wenn man wenigstens die ersten Kapitel liest, wird einem vielleicht vieles Klarer, worin die Größe und Stärke, aber auch die Schwächen der Teutonen/Germanen lagen. Undenkbar, dass heute ein britischer Professor in hellen Tönen davon spricht, dass die Vorfahren der Briten und Amerikaner Angeln und Sachsen waren. Und dann muss man nur noch wissen, dass die Römischen Kaiser seinerzeit eine Maxime hatte, um sich die „Barbaren“ vom Leibe zu halten:

    „To destroy the German by the German was so old a method of the Roman policy“

    Nichts schien für die Römischen Kaiser gefährlicher, als ein vereintes Germanenreich. Ich schätze, als die Deutschen ihr Kaiserreich ausriefen, 1500 Jahre später, wurden schlafende Hunde (und Hass) geweckt.

    https://archive.org/details/a589105200kinguoft

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