Wanderungen durch Gießen Rödgen II

Im Juli war ich aus Neugierde mal nach Gießen-Rödgen gefahren, um mir an einem Samstag das Erstaufnahmelager für Asylbewerber in der Rödgener Straße anzusehen. Darüber hatte ich folgenden Report von meinen Beobachtungen vor Ort geschrieben: https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/07/13/wanderungen-durch-giessen-roedgen/

Auch zu manchen Hintergründen zum Betreiber der Anlage, der European Homecare GmbH und zu anderen Dingen hatte ich einen Artikel verfasst. https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/07/17/nachrichten-zu-giessen-roedgen/

Da ich diesen Samstag sonst nichts vorgehabt hatte, beschloß ich, nochmal nach Gießen-Rödgen zu fahren und diesmal auch einen Blick auf die Erstaufnahmestelle in den Meisenbornweg zu werfen, wo ebenfalls tausende Asylbewerber untergebracht sein sollen.

Bei trockenem Herbstwetter fuhr ich aus Frankfurt los. War es am Anfang noch bewölkt, kam nach einer Weile die Sonne raus und als ich Gießen erreichte, herrschte ein strahlend-schönes Herbstwetter. Ich steuerte zuerst den Supermarkt vom letzten Mal in Gießen-Rödgen an.

Bei der Zufahrt (es war so gegen 12.00 Uhr mittags) sah ich schon Gruppen von Asylbewerbern sich auf den Supermarkt zu bewegen. Kaum hatte ich auf dem Parkplatz gehalten und war ausgestiegen, als zwei Jungen (wohl im Alter von 10 Jahren etwa) auf mich zustürzten und mich auf Arabisch begrüßten.

Bzw. ihre wenigen Deutsch-Kenntnisse, die sich auf ein „Guten Tag“ beschränkten, bei mir anwandten. Ich fragte, woher sie seien und sie sagten, sie seien aus Syrien. Einer hatte minimale Englischkenntnisse und sagte fortwährend: Assad bad! Assad bad! Worauf ich antwortete: Daesh more bad! (Daesh ist der arabische Name für ISIS, den Islamischen Staat).

Der Junge schien mir zuzustimmen. Ich radebrechte noch einen Moment mit ihnen herum, dann trennten sich die Wege (ich glaube, der eine Junge verarschte mich irgendwie, denn er sagte etwas zu seinem Kollegen als ich sagte, ich sei Christ – irgendwie hatte sich das Gespräch der Religion zugewandt).

Und als er was-auch-immer gesagt hatte, fing er an zu lachen, so dass ihm der Orangensaft, den er trank, aus dem Mund spritzte. Da war nur so eine Ahnung, dass der Witz auf meine Kosten ging – aber ich mag mich auch täuschen. Gleichviel – der Kontakt war bis dahin witzig gewesen. Ich schaute den Jungen böse an, der sich darauf mit seinem Kollegen vom Acker machte. Warum sie vor dem Supermarkt herumhingen, sollte ich gleich noch erfahren.

Ich betrat den Supermarkt – innen drin waren Scharen von Asylbewerbern und vielleicht 10-20 % deutsche Kunden. Ich fragte einen im Supermarkt arbeitenden Menschen, ob es mit den Asylbewerbern Probleme gebe (nachdem ich mich kurz nach Tofuwurst erkundigt hatte, um den Kundenschein zu wahren).

Nein, sagte er – man hätte einen Wachdienst für den Nachmittag und den Abend (also war es noch so, wie beim letzten Mal). Ob man öfters die Polizei rufen müsse? Es komme vor . Ob die weiblichen Angestellten belästigt würden? Nein, das sei nur selten der Fall. Zwar wirkte der Mann wegen meiner Fragen überrascht, aber auch nicht abweisend.

Ich fragte ihn, wie lange er hier schon beschäftigt sei und er sagte, seit einem Jahr. Ob es in dieser Zeit Änderungen gegeben habe? Die Zahl der Asylbewerber sei auf jeden Fall angestiegen. Was denn das größte Problem sei? Diebstahl komme immer wieder vor.

Auf die Frage, was sie dagegen tun wollten, sagte er, sie würden demnächst Alkoholflaschen mit Extra-Verschlüssen ausstatten, die nur an der Kasse entfernt werden könnten – ansonsten müsse man die Flasche zerstören.

Das fand ich aus zwei Gründen durchaus interessant: Zum Einen bestätigte der Mann mir damit, dass Alkoholika zu den meistbegehrten Diebesgütern gehörten, zum anderen fand ich die Lösung typisch deutsch: Man verunmöglicht etwas auf technische Art und Weise. (Ob das darunterliegende Problem damit adäquat angegangen wird, ist eine andere Frage).

Ich bedankte mich für das kurze Gespräch und schlenderte zur Kasse. Dort war eine Kassiererin zugange, eine junge Frau, vom Aussehen her möglicherweise Türkin – auf jeden Fall Südländerin. Als ich meine Sachen zahlen wollte, schossen von hinten die beiden Jungs von draußen heran, die der Frau zwei Plastikflaschen präsentierten.

Was die Kassiererin allerdings mit einem freundlichen: Kein Pfand! beschied, woraufhin die beiden Jungs enttäuscht abzogen. Als ich zahlte, fragte ich sie, ob sie schon mit Asylbewerbern hier schlechte Erfahrungen gemacht habe. Sie sagte nein: Manchmal seien welche frech und einmal sei sie von einem jungen Mann belästigt worden – da sei aber schnell ein Kollege dazwischen gegangen.

Ob sich denn der Umsatz durch die Asylbewerber erhöht habe? Da seufzte sie und sagte nein, wohl nicht, denn es blieben nun Kunden aus, die nicht mehr kommen wollten – weil sich eben die Atmosphäre im Laden geändert habe. Das Umsatzplus halte sich also mit dem Verlust die Waage.

Nun war mir wie gesagt auch aufgefallen, dass im Laden die übergroße Mehrheit an Kunden aus Asylbewerbern bestand, von denen die meisten junge Männer waren. Mich störte es nicht, gleichzeitig war es irgendwie komisch. Ich zahlte und ging nach draußen.

Dort sah ich noch einmal die beiden arabischen Burschen, von denen der eine mir zuwinkte – ich winkte zurück. Sein Kumpel, also der, von dem ich vermutete, dass er mich verarscht haben könnte, schaute zur Seite. Als er in meine Richtung schaute rief ich: Und Du benimm Dich! Was er sicherlich von den Worten her nicht verstand, aber vom Tonfall her vielleicht doch.

Ich stieg in mein Auto und fuhr wie beim letzten Mal am Lager entlang. Vor der mit Stacheldraht gesicherten Anlage zogen Gruppen von Asylbewerbern entlang. Vielleicht ein Viertel waren Kinder und Frauen, die Mehrheit junge Männer. Ich fuhr zum Haupteingang des Lagers, um mich wie beim letzten Mal nach diesem und jenem zu erkundigen.

Ich hielt vor dem Haupteingang an. Interessanterweise standen dort zwei dicke Autos (ein Audi und ein Mercedes Benz) mit Männern, die arabisch aussahen. Ich ging an den beiden Autos vorbei und ging zur Tür der kleinen Wachstube, in der zwei Wachleute saßen.

Ich fragte höflich, ob man das Lager besichtigen könne (ich war zwar sicher, dass die Antwort wieder nein sein würde, doch ich wollte einfach die Reaktion der Wachleute sehen). Nein, beschied man mir kurz und trocken. An wen ich mich dazu wenden könne? An den Betreiber, der auf einem Zettel neben dem Eingang stehe.

In dem Moment kamen zwei Herren aus einem der beiden Autos und sagten durchaus höflich auf Deutsch, sie wollten ihre Verwandten besuchen, die im Lager seien und ob sie da hinein könnten. Auch ihnen wurde eher knapp beschieden, dass das nicht ginge.

Auf weitere Nachfrage wurden sie zu einem anderen Tor geschickt, wo sie draußen auf ihren Verwandten warten könnten – ins Lager dürften sie jedenfalls nicht. Ich fragte, nachdem die beiden Herren wieder in ihren dicken Schlitten gestiegen waren (der andere Wagen war auch gefahren), ob denn auch Familienangehörige nicht ins Lager dürften? Nein, war die Antwort, niemand dürfe ins Lager – die Insassen dürften hinaus, aber niemand dürfe hinein. An dieser Stelle wies ihn sein Kollege aus dem Wachhäuschen zurecht, er dürfe keinerlei Informationen weitergeben.

(In dem Augenblick erschien ein Pizzabote vor dem Lager, welcher nach kurzem Dialog mit dem einen Wachmann, hinein durfte – ich scherzte kurz mit dem Boten und sagte, dass ich wohl Pizzas ausliefern müsste, um hinein zu kommen, worauf er lachend sagte, dem sei wohl so).

Ich wandte mich daraufhin dem anderen Wachmann (der seinen Kollegen zurecht gewiesen hatte) wieder zu und wollte ihn noch etwas fragen, als er auf einmal aus dem Wachhäuschen geschossen kam, auf mich zustürzte und mich anblaffte: Verlassen Sie jetzt diesen Bereich! Gehen Sie!

Ich fragte ihn etwas verdutzt, warum denn, worauf er nur wiederholte: Bitte verlassen Sie diesen Bereich! Sonst hole ich die Polizei! Sein Kollege versuchte zu vermitteln, in dem er sagte, vor dem Tor sei noch nicht Privatgelände, aber das schien dem anderen egal zu sein.

Ich fragte nochmals, weshalb ich denn hier weg solle, worauf er nur mit lauter werdender Stimme wiederholte: Bitte verlassen Sie diesen Bereich! Bitte verlassen Sie diesen Bereich! Ich mag es nicht, wenn man mich anblafft und so blaffte ich zurück und schimpfte den Wachmann einen kleinen Großkotz.

Er tippte daraufhin auf seinem Handy herum, worauf wiederum sein Kollege vermittelnd dazu trat und etwas von „lass doch“ zu ihm sagte. Da er mir nochmals drohte: Ich rufe die Polizei! Wurde es mir zu blöd und ich zog von dannen, ihm noch etwas über schlechtes Benehmen nachrufend.

(Im Nachhinein denke ich, ich hätte ihn die Polizei rufen lassen sollen, aber gut – hinterher ist man immer schlauer. Weshalb dieser Wachmann so schlecht drauf bzw. so unhöflich war, kann ich nicht sagen. Sein Kollege war wie erwähnt ganz locker.).

Ich ging also wieder zu meinem Auto, stieg ein und fuhr die Strecke am Lager zurück. Weiterhin sah ich bunte Menschengruppen, vornehmlich solche mit dunkler Hautfarbe. Ein interessantes Detail: An einem Nebeneingang hielten verschiedene Autos – fast ausnahmslos dicke Markenwagen, Mercedes, Audi etc. – ich sah deutsche und holländische Kennzeichen.

Den Autos entstiegen arabisch aussehende Menschen – darunter auch die, die ich am Haupteingang gesehen hatte. Offenbar waren dies Menschen, die im Lager Familienangehörige zu besuchen hofften. Ich fuhr weiter am Lager entlang und bog in eine Nebenstraße gegenüber vom Lager ein.

Dort waren weitere Wohnblöcke, welche wie Studentenwohnheime aussahen – wahrscheinlich waren sie früher auch Wohnungen amerikanischer Militärangehöriger gewesen, denn sie sahen ganz wie die aus, die ich aus meiner Kindheit in Wiesbaden kannte.

Ich hielt vor einem der Wohnblöcke, stieg aus und ging ein paar Schritte. Auf einem Motorroller fuhr ein junger Mann an mir vorbei und bog in eine Einfahrt zu weiteren Wohnblöcken ein, die durch einen Zaun von der Straße getrennt waren. Der junge Mann parkte seinen Motorroller und ich rief ihm zu, ob ich ihn kurz sprechen könne.

Er kam zu mir an den Zaun und ich fragte ihn, ob das hier ein Studentenwohnheim sei (er sah selber wie ein Student aus). Er bejahte – die eine Hälfte hier sei ein Studentenwohnheim, die andere eine Asylbewerberunterkunft. Ich war erstaunt und sagte, das Lager sei doch jenseits der Straße und hinter Stacheldraht?

Das sei zwar richtig, sagte er, aber es gebe auch hier Unterkünfte, in denen Asylbewerber untergebracht seien – es handele sich dabei vor allem um Familien mit Kindern. Im Lager würden vor allem junge Männer untergebracht. Aus Gründen der Sicherheit seien wohl die Familien und Frauen hier untergebracht.

(Diese Aussage fand ich unter dem Aspekt der Vorwürfe des hessischen Landesfrauenrats, dass es in Gießen-Rödgen zu systematischen Vergewaltigungen von Frauen und Kindern innerhalb der Erstaufnahmeeinrichtung komme, durchaus interessant. S. diesen erst im Netz veröffentlichten und dann wieder zurückgezogenen Brief des hessischen Frauenrates an die frauenpolitischen Sprecherinnen im Hessischen Landtag über die Zustände in Gießen Rödgen. http://gatesofvienna.net/wp-content/uploads/2015/09/Brief_an_Frauenpolische_Sprecherinnen_Ltg._18.08.2015.pdf
Ich werde dem später nochmal nachgehen).

Ich fragte ihn, wie er die Situation hier empfinde? Es sei schon mittlerweile anders hier als früher, sagte er, aber er habe sich daran gewöhnt. Allerdings würden Studentinnen, die im Wohnheim wohnten, abends nicht mehr alleine ausgehen, da sie auf der Straße von Asylbewerbern angemacht würden. Man hätte schon Freundinnen von ihm verfolgt, nach ihnen gepfiffen oder mit kleinen Steinen nach ihnen geworfen. Schlimmeres sei aber noch nicht passiert.

Allerdings sei abends öfters die Polizei hier unterwegs. Bei ihnen selbst sei es aber ruhig und es gebe auch keine Lärmbelästigung durch die Asylbewerber im nächsten Wohnblock.

Ich fragte ihn, was er studiere und er sagte: Jura. Wir unterhielten uns noch einen Moment über dies und das und ich stellte erfreut fest, dass der junge Mann aus Westerburg kam, wo ich meinen Bundeswehrdienst abgeleistet hatte. Wir schnackten noch kurz über den kalten Westerwald und dann gingen wir unserer Wege.

Beim Gehen schaute ich mir etwas genauer das Gebäude an, in dem die Asylbewerber untergebracht sein sollten und stellte fest, dass es sauber und ordentlich aussah bzw. auch die Umgebung desselben. Die galt auch für die direkte Umgebung des großen Lagers – ich sah keine Dreck- oder Abfallhaufen.

Wohl lagen vereinzelt Flaschen oder Tüten im Gras, aber dies war kein durchgehendes Bild.

Ich beschloss, noch in den Meisenbornweg zu fahren, wo eine weitere große Einrichtung in Gießen liegt. Nach kurzer Fahrt erreichte ich mein Ziel. Diese Erstaufnahmeeinrichtung, in einem kleinen Industriegebiet gelegen, war ebenfalls von Zäunen mit Stacheldraht umgeben.

Ich hielt etwas abseits des Haupteingangs, vor dem Trauben von junger Männern standen, an. Neben dem Lager war eine Industriehalle, vor der zwei Männer saßen. Ich dachte erst, dies würde ein Industriebetrieb sein, doch als ich vor der Halle ein Schild mit arabischer Inschrift sah, wurde mir klar, dass dieses Gebäude auch zum Asylkomplex gehören müsse.

Ich fragte einen Mann, was dieses Gebäude sei – er verstand kein Deutsch, aber auf Englisch konnte er mir mitteilen, dass dies ein Gebäude sei, das vom DRK betrieben würde und in dem es Kaffee und Essen für die Asylbewerber gebe. Der Mann sah südeuropäisch aus und hatte nur noch wenige Zähne im Mund.

Auf meine Frage, wo er herkomme, sagte er, aus Albanien. Ich fragte ihn, ob noch viele Albaner hier seien und er sagte, nein – er und seine Familie seien die letzten hier. Er sei seit 3 Monaten hier, vorher sei er in Dortmund gewesen. Da er ziemlich müde aussah, fragte ich ihn, wie es ihm gehe und er sagte, es sei hart, unter so vielen Menschen zu sein.

Er hoffe, er könne hier bleiben und Arbeit finden. Er arbeite als Maler und Lackierer und könne auch Dächer reparieren. Einer seiner Söhne kam während unseres Gesprächs dazu, ein aufgeweckt wirkender Junge, der kurz um uns herumturnte.
Ich schilderte dem Mann, dass es ein Problem sei, dass so viele Menschen nach Deutschland kämen und er stimmte dem zu – irgendwann müssten die Deutschen Stop sagen, das sei ihm auch klar. Er hoffe halt, dass er irgendwie hier bleiben könne. Illegal wolle er wegen seiner Familie nicht werden. Ansonsten müsse er zurück nach Albanien und da sei es halt schlecht.

Während unseres Gesprächs kam eine ältere Deutsche hinzu und fragte, wo man denn die Kleiderspenden hinbringen könne – der Albaner meinte, die könne man beim Roten Kreuz abgeben und die Dame zog daraufhin ab. Wir redeten noch einen Moment miteinander, dann trennten wir uns, wobei ich ihm alles Gute wünschte und mich anschließend dem Haupteingang zuwandte.

In der Nähe des Haupteinganges waren fünf Dixieklos aufgestellt. Neben einem lag Müll auf dem Gehweg – auf der anderen Straßenseite hatte jemand Tüten mit Kleiderspenden auf einem kleinen Rasenstück abgestellt. Als ein Asylbewerber begann, diese Tüten zu durchwühlen, gesellten sich ihm schnell andere hinzu.

Ich schaute mir kurz die Dixieklos von innen an – bei allen war der Klositz vollgepinkelt, so dass an ein Sitzen nicht zu denken war. Ich verrichtete also mein Geschäft im Stehen und ging dann auf den Haupteingang zu. Dort sagte ich nochmal mein Sprüchlein auf, ob man das Lager besichtigen könne.

Man begegnete mir anders als in Rödgen sehr höflich und sagte, das ginge zwar nicht, gab mir aber eine Adresse mit einer Telefonnummer vom Regierungspräsidium Gießen, an die ich mich wenden solle. Ich fragte außerdem, wie viele Menschen hier untergebracht seien und man sagte mir, man wisse es nicht- in ganz Gießen seien es wohl 24.000 Asylbewerber.

Doch etwas verdutzt wegen dieser Zahl (hatte im Netz noch eine Meldung vom September gefunden, dass in ganz Gießen 10.000 Asylbewerber seien – doch möglicherweise bezieht sich dies nur auf die Erstaufnahmeeinrichtungen und es gibt auch ständige Einrichtungen? Dem werde ich nochmal an anderer Stelle nachgehen – http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/erstmals-ueber-10000-fluechtlinge-im-erstaufnahmelager-in-giessen_16013346.htm )
bedankte ich mich und zog von dannen bzw. ging wieder auf die Halle vom DRK zu.

Ich betrat diese – innen drin waren Bänke und Tische für hunderte von Menschen aufgestellt. Vielleicht 30 – 40 Asylbewerber hockten da und tranken Kaffee oder Tee. Am anderen Ende der Halle sah ich Gestalten mit Jacken des DRK – dorthin ging ich also, wobei mir einer der Männer an einem Tisch zulächelte. Ich lächelte zurück.

Die DRK Bediensteten bestanden aus fünf Frauen und einem Mann. Ich fragte höflich, ob mir jemand Auskunft zum Einsatz des DRK geben könne, worauf die Damen ihren Vorgesetzten riefen – dieser war ein älterer Mann von geschätzt Ende Fünfzig.

Ich stellte mich vor und sagte, dass ich Blogger sei und ob er mir ein paar Fragen zu seinem Einsatz beantworten könne. Ob das so etwas wie ein Journalist sei, wurde ich gefragt und ich sagte ja. Der Mann sagte, er könne mir Fragen beantworten und so fing ich (unter der Beobachtung der meisten Damen) an.

Wie denn die Arbeit hier sei, fragte ich zunächst und er sagte, es sei schon hart. Er sei jetzt seit drei Monaten hier und habe im Oktober gerade mal drei Tage frei gehabt – sonst sei er sieben Tage die Woche hier. Er sei festangestellt beim DRK, die anderen seien alles Ehrenamtliche (bei der Bemerkung meldeten sich zwei Schülerinnen und warfen ein, sie seien auch Ehrenamtliche, was ich mit einem Lachen und einem „Gut“ quittierte).

Die Arbeit sei also hart, aber es habe sich vieles gebessert. Noch vor vier Wochen hätten die Asylbewerber in Zelten direkt neben der Straße gehockt, das hätten sie verändern können, auch sei die Müllsituation viel besser (tatsächlich hatte ich zwar wie erwähnt vor dem Eingang Müll gesehen, aber das war nur eine Kleinigkeit gewesen – ein paar Milchbeutel und leere Flaschen).

Früher sei die ganze Straße mit Müll voll gewesen, doch seitdem sie den Zucker nicht mehr in kleinen Tüten ausgeben würden, sei auch das besser geworden. Wie lange er die Arbeit hier machen wolle? Solange dies hier weitergehe. Ich sagte lachend: Und wenn das noch Jahre ist?

Er lächelte und sagte, er sei fast 60 Jahre alt und sei aus seinem letzten Job gekündigt worden und hätte (da bin ich nicht mehr über Zeitangabe sicher) vier Jahre oder vier Monate ohne Job verbracht und sei nur froh, dass er etwas gefunden habe, denn überall sonst habe er immer nur gehört: Zu alt!

Von daher wolle er die Arbeit machen, solange es gehe. Dies konnte ich innerlich sehr gut nachempfinden. Ich fragte ihn, was genau seine Tätigkeit umfasse und er sagte, er müsse im Grunde schauen, dass der Laden laufe – dass alle Ehrenamtlichen gut eingeteilt seien und dass jeder wisse, was er zu tun habe.

Was er denn beruflich bisher gemacht hatte, wollte ich wissen und er sagte, er habe Schlosser gelernt und auch als solcher gearbeitet, habe aber die letzten 20 Jahre als Versicherungsvertreter gearbeitet, bis er gekündigt worden sei – heute fände man aber keine festangestellte Position mehr als Vertreter und für alles andere sei er zu alt, da sei er wie gesagt froh, dass er diese Stelle gefunden habe.

Wie lange sein Vertrag gelte? Erst mal drei Monate – danach müsse man weitersehen. Sein Telefon klingelte und ich wandte mich zwei jungen Leuten zu, die dort standen. Der junge Mann, vielleicht 18, war ein albanischer Asylbewerber, der dort an der Theke aushalf (ob er der Sohn des älteren Albaners war, den ich draußen gesehen hatte? Wahrscheinlich).

Das Mädchen war jünger und eine deutsche Schülerin. Ich fragte sie, ob sie ein paar Fragen beantworten wolle und sie sagte ja. Sie fragte mich, ob ich Journalist sei und ich sagte ja (nun ja – eigentlich ja nur Blogger, aber die sind heute ja hier und da die besseren Journalisten. Interessant, dieses innere Gefühl der befriedigten Eitelkeit bei mir – als dieses Mädchen es offenbar toll fand, dass ein Journalist sie befragte).

Ich fragte sie, wie lange sie schon hier sei und sie sagte, seit drei Wochen. Warum sie das tue? Sie wolle helfen. Was sie hier schon positives und negatives erlebt habe? Eigentlich nur positives – alle seien hilfsbereit und höflich und es gefalle ihr sehr gut. Einmal habe sie ein Mann angemacht, da sei aber ein Kollege dazu gekommen und habe sie weg geführt.

Das Mädchen machte mir tatsächlich den Eindruck, dass sie aus einem guten Willen (und Glauben) hier helfen wollte. Ich fragte sie noch, was sie später mal machen wolle und sie sagte, irgendwas als Sozialarbeiter oder Lehrer. Das gefiel mir (zugegebenermaßen).

Wie denn ihre Freunde das fänden, dass sie hier mithelfe? Manche fänden es gut, manche schlecht. Die es schlecht fänden hätten Angst, dass sie mal vergewaltigt werden könne – da gäbe es halt Gerüchte. Ich sagte ihr, dass es sicherlich schon Fälle von Vergewaltigung in Gießen durch Asylbewerber gegeben habe.

Sie sagte, das könne wohl so sein, doch sie fühle sich sicher, auch wenn sie abends unterwegs wäre. Ich riet ihr scherzhaft, sie solle mal abends allein in Gießen Rödgen am Lager entlang spazieren – da könne es ihr wohl passieren, dass sie richtig belästigt würde, was sie einen Moment verdutzt innehalten ließ.

Nachdem ich noch ein paar Kleinigkeiten über dies und das gefragt hatte, bedankte ich mich für das Gespräch und verließ die Halle (der Leiter war zwischendurch nochmal aufgetaucht, aber schnell wieder verschwunden). Ich ging in der goldenen Herbstsonne zu meinem Auto und ließ die Eindrücke des Tages nachwirken…..

Summa summarum: In diesem kurzen Ausschnitt hat sich für mich das Gute in diesem ganzen Asyl-Unsinn (der Unsinn dahingehend, dass man es ablehnt, zu sagen, wann das Boot voll ist) insofern kristallisiert, dass sich die guten Eigenschaften der Deutschen hier deutlich zeigen:

Etwas organisieren – strukturieren – helfen – geben – sich engagieren etc. Ich fand durchaus die Atmosphäre in dieser Halle angenehm, die Menschen nett (auch die Asylbewerber), ich erlebte außer dem einen Wachmann niemanden, der aus dem Rahmen fiel und sah auch keine Müllberge oder ähnliches.

Wie auch in der Oderflut zeigt sich hier exemplarisch das große Organisationstalent der Deutschen – ohne dieses wäre das reine Chaos sicher schon da. So aber läuft alles in geordneten Bahnen.

Die große Gefahr, die ich sehe, besteht darin, dass niemand sagen möchte, wann es genug ist. Wann das Boot voll ist, die Möglichkeiten alle ausgeschöpft, die Grenze überschritten ist.

Denn dieser Moment muss mathematisch unweigerlich ja kommen. Ob nun bei 2 – 4 – 6 Millionen Asylbewerbern – wer weiß? Ich weiß es nicht. Aber das eine wurde mir klar: Hilfe brauchen diese Menschen und es ist gut und richtig, zu helfen. Es sind Menschen – keine Monster.

Aber: Es müssen Grenzen gesetzt werden. In den Lagern – und vor allem in der Politik. Es müsste viel schneller abgeschoben werden bzw. sollten Klagen gegen das Asylverfahren nicht mehr zugelassen werden. Sonst wird die Zahl immer weiter ansteigen.

Je länger dies von der Politik hinausgezögert wird, desto größer werden die Konflikte am Ende sein. So wie die Asylbewerber keine Monster sind, sind sie schließlich auch keine Engel. Auch unter ihnen sind Verbrecher, Gewalttäter, Menschen, die nicht hierher passen und die wir schleunigst ausweisen sollten.

In dem Zusammenhang: Der Mann beim DRK sagte mir im Vertrauen, er habe von den Dingen gehört, die in Gießen Rödgen im Lager passieren sollten – Vergewaltigungen, Erpressung etc. Das sei schlimm und da müsse man etwas tun.

Dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Je länger im Kleinen wie im Großen nichts getan wird bzw. man die Dinge einfach laufen lässt, desto schlimmer muss die Lage leider werden. Was als Positives bleibt, ist, dass Hilfsbereitschaft per se eine schöne Eigenschaft ist – und das ist mir in Gießen nochmal klargeworden.

Diese Menschen, die dort arbeiten, machten mir tatsächlich einen engagierten und hilfsbereiten Eindruck. Doch wie gesagt: Auch das größte Engagement kommt irgendwann an seine Grenzen. Kluge Menschen wie der grüne Bürgermeister von Tübingen haben dies schon erkannt: http://www.focus.de/politik/videos/kritik-an-merkels-fluechtlingspolitik-es-tut-mir-leid-wir-schaffen-das-nicht-tuebingens-ob-spricht-klare-worte_id_5029767.html

Dass allerdings gerade dieser wegen seiner ehrlichen und offenen Worte sich nun evt. einem Parteiausschlussverfahren gegenübersehen könnte, lässt nicht unbedingt darauf hoffen, dass ein klarer Sinn bald in der Politik einziehen könnte. http://www.n-tv.de/politik/Gruene-Jugend-will-OB-aus-der-Partei-werfen-article16253891.html

Aber dennoch: Hoffen wir, dass die Grenzen demnächst deutlicher (und dies an vielen Stellen) gesetzt werden. Sonst dürfte es trotz aller lobenswerten Hilfsbereitschaft sehr bald ungemütlicher werden.

(In einem Folgeartikel werde ich nochmal auf politische und anderweitige Dinge zu Gießen Rödgen einzugehen versuchen).

7 Kommentare zu “Wanderungen durch Gießen Rödgen II

  1. Erfreulich unaufregend.
    So gar nicht zeitgemäß, dieser Bericht.
    Spannend bleibt, wie es weitergeht.
    Dazu, mehrfach mit Prognosen für die nächsten 60 bis 80 Jahre, er spricht von „wenigen Generationen“, hier ein fast einstündiger Vortrag von Thilo Sarrazin:

    Persönlich denke ich, nach etlichen Jahren Dritte Welt, es wird Zeit, sein Menschenbild anzupassen. Man will sich doch wenigstens auf Augenhöhe begegnen.
    Was auch immer das bedeuten mag.

  2. Pingback: Interview mit einem Statistiker | nachrichtenaushinterland

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