Der ewige Nazi

Der Schriftsteller Akif Pirincci (Felidae – schönes Buch) hat auf der PEGIDA-Veranstaltung in Dresden gesprochen. Da er sich dort einer ähnlichen Wortwahl wie auf seinen Facebook-Posts bediente (Moslemmüll , Invasoren etc. – gefällt mir persönlich nicht), ist er nicht nur dort angeeckt, sondern auch im nationalen Blätterwald zerrissen worden.

Laut Spiegel redete er „vulgär und voller Hass“. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/akif-pirincci-rede-bei-pegida-in-dresden-abgebrochen-a-1058589.html Immerhin druckt der Spiegel auch den vollen Wortlaut des Zitats ab, weswegen nun gegen Herrn Pirincci wegen Volksverhetzung ermittelt wird. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-10/akif-pirincci-pegida-demonstration-fremdenfeindlichkeit-ermittlungen-staatsanwaltschaft-dresden

Er hatte nämlich in seiner Rede wortwörtlich gesagt: „Die KZs sind ja leider außer Betrieb“. Was sich allerdings auf Deutsche bezog, nicht auf Ausländer. Denn es seien die Deutschen, denen von ihren eigenen Politikern die Ausreise nahegelegt würde, wenn sie mit der Zuwanderung hierher nicht einverstanden seien. Und für sie (die Deutschen) gäbe es auch Alternativen, aber die KZs seien ja leider außer Betrieb.

Wer will, kann sich den vollen Wortlaut auch nochmal hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=RBYJmhTs-xQ&feature=youtu.be&t=1h36m52s Das ist sowieso IMMER das erste, was man machen sollte, wenn Kontroverses gesagt wurde – die QUELLEN anschauen! Den ganzen Wortlaut prüfen! Ob dies auch immer für Journalisten gilt? Eine gute Frage.

Jedenfalls kann man den Witz (denn ein solcher sollte es wohl sein) für geschmacklos halten, für unangebracht etc. – man kann ihn auch als psychologisches Experiment betrachten. Und zwar als Hinweis auf das Tabuthema „Nazi“ bzw. den effektiven Einsatz der Nazikeule. Was ist damit gemeint?

Zerlegen wir das Problem in seine Einzelteile: Herr Pirinccis Zitat findet sich wortwörtlich hier:
https://twitter.com/der_rosenkranz/status/656206800337915906/photo/1?ref_src=twsrctfw

Dort legt er seine Meinung dar, dass die Herrschenden keinen Respekt mehr vor dem Volk haben, da sie ihm die Ausreise nahelegen, wenn ihnen die Politik nicht passt (alles wiederholt sich: In den Siebzigern brüllte man den linken Studenten hierzulande auch mal ein „dann geht doch nach drüben! Wenn es Euch hier nicht gefällt!“ entgegen).

Mit Drüben war die DDR gemeint. Dass der Skandal hier zunächst mal bei dem CDU-Politiker lag, der den eigenen Landsleuten die Ausreise nahlegte, wird verdeckt durch die folgende „Entgleisung“. „Es gäbe natürlich auch andere Alternativen (außer die Ausreise zu empfehlen – mein Einschub), aber die KZs sind leider derzeit außer Betrieb“.

Was also als Witz aussagen soll, dass die Herrschenden imstande wären, für das Volk Konzentrationslager einzurichten. Nun leben Sarkasmus und Ironie von der Übertreibung und Zuspitzung – doch hier kommt der Nazi-Faktor zum Tragen, der dazu führt, dass das Denken aussetzt und einhellige Empörung einsetzt – immer!

Den Witz mag man wie erwähnt für dumm, unpassend oder was auch immer halten – viel interessanter ist die einhellige Reaktion der Empörten: Das Zentralkomitee von Auschwitz ist entsetzt und die Zeitungen überbieten sich in „Schande!“ Rufen.

Und dies, weil jemand einen unpassenden Witz gemacht hat. Hätte Herr Pirincci gesagt: „Schade, dass der GULAG nicht mehr existiert – sonst könnte man das Volk nach Sibirien zu Herrn Putin schicken“. So hätte er im Grunde genau dasselbe gesagt – und doch wäre es sicherlich niemals zu diesem „Aufständchen der Anständigen“ gekommen.

Denn sobald irgendein Verwenden von Dingen oder Begriffen oder Symbolen der Nazi-Vergangenheit geschieht, gerät der Zusammenhang in den Hintergrund – spielt der Zusammenhang, der sonst immer das entscheidende zur Erklärung jedweden Vorfalles ist, keine Rolle mehr.

In einer Art Pawlowschen Reaktion wird auf den Verkünder der schlechten Nachricht bzw. den Sünder wider den guten Geschmack eingeprügelt. Virtuos und mit einer gewissen Lust. So geschah es bei Eva Herrmann, die einen Begriff aus der Nazizeit verwendete, welcher aus dem Zusammenhang gerissen und ihr um die Augen gehauen wurde – in Form einer öffentlichen Inquisition. https://www.youtube.com/watch?v=v5a02uRbaqQ

So geschehen bei Lutz Bachmann, der ein lächerliches Hitlerfoto von sich machte, was dann als Nachweis rechtsradikaler Gesinnung galt. Merke: Humor existiert in Sachen Nazis nicht. http://www.focus.de/politik/deutschland/medienbericht-pegida-chef-bachmann-tritt-zurueck_id_4421532.html Überhaupt PEGIDA – steckt denn der Latenznazi in uns allen? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-ueber-pegida-der-latenznazi-a-1008971.html Doch zurück zum Thema:

So geschehen bei Martin Hohmann, der eine Nähe von Kommunismus und Nationalsozialismus wahrgenommen haben wollte – warum nicht? Aber wegen der Einzigartigkeit der Verbrechen – ein Skandal? http://www.dasgelbeforum.net/30434/messages/231616.htm

Es ist erstaunlich aber wahr – beim Umgang mit der braunen Vergangenheit setzt regelmäßig das Denken aus und das Empört-Sein ein. Wie krank bzw. blind dieses Verhalten letztendlich ist, wird an Einzelbeispielen deutlich: Eine Rektorin sagt auf einer Sportfeier „Sieg Heil!“. Skandal! Die muss sich entschuldigen! Schrill! https://derhonigmannsagt.wordpress.com/2014/03/05/rektorin-wunscht-bei-schulsport-sieg-heil/

Ein ZDF-Moderator trägt ein braunes Hemd während der Ansage – und das ZDF entschuldigt sich dafür! http://www.focus.de/kultur/kino_tv/morgenmagazin-hooligan-koeln-demonstration-zdf-blamiert-sich-mit-entschuldigung-fuer-braunes-hemd_id_4234661.html

In Berlin macht eine Sparkasse eine Reklame, die an eine Fahne aus der Nazi-Zeit erinnern kann – und hängt das natürlich schnell wieder ab (und entschuldigt sich ebenfalls dafür). https://pbs.twimg.com/media/B1wD2RxIMAAnZTw.jpg:orig

Für was? Was ist das für ein Erwachsen-Sein, das sich wegen solcher Sachen entschuldigt? Was ist das für eine Angst vor einem Buhmann, der nur in der Einbildung existiert? Die Hexenhysterie ist noch nicht solange aus den Köpfen heraus, scheint es… bzw. wird sie auch bewusst eingesetzt:

Da spricht der ehemalige AfD-Vorsitzende Lucke von einer „Entartung der Demokratie“ – und peng: Ist das nicht ein Begriff der Nazi-Zeit?! Nein – da sprach man von entarteter Kunst. Und selbst wenn: Man sprach in der Nazizeit auch von Tieren und Kindern und Autobahnen und Eisenbahnen – sollte man also die Sprache abschaffen? https://www.youtube.com/watch?v=EhvRZg7GNXU

Man kann in diesem youtube-Beitrag auch auf die „Zwischentöne“ horchen – das ist sehr interessant… wer wirkt wie auf den Betrachter? Und der Beitrag ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie jemandem das Wort im Munde herumgedreht wird, wie jemand medial fertig gemacht werden soll. Ab Minute 07.00 findet man jedenfalls die entsprechende Nazi-Szene.

Oder wie wäre es damit: In der Nähe eines Denkmals für ermordete Juden müssen Arbeiten an den Gasleitungen stattfinden und die Stadt ändert das Schild, damit dort nicht steht: Vorsicht – Gasarbeiten. Wen will damit schützen? Triggerwarnung – vor was? https://derhonigmannsagt.wordpress.com/2014/01/06/gutmensch-pack-pest/ (Dass der Beitragsschreiber dort Gutmenschen u.a. als „Pack“ bezeichnet, wie es ein deutscher Politiker in einem anderen Zusammenhang kürzlich mit Demonstranten in einer sächsischen Kleinstadt tat, gefällt mir natürlich nicht und ich distanziere mich davon).

Und das fällt mir hier wie an allen anderen Stellen auf: Es wird gar nicht reflektiert, WAS gesagt oder getan wurde und wird und in welchem Zusammenhang es gesagt oder getan wurde und wird, sondern es wird automatisch reagiert – ohne Nachdenken.

Der hat: KZ – Autobahn – Führer – Familie – entartet – was auch immer gesagt- also verdammt ihn! Kreuzigt ihn! Pfui! Ja, es hat etwas von einem archaischen Ritual – und ist gleichzeitig höchst lächerlich – denn der Buhmann existiert nur im Kopf. https://www.youtube.com/watch?v=RDYpCr9FUmM

Es ist kein Unterschied zu dem Monty-Python-Sketch, wo wir darüber lachen, dass jemand gesteinigt werden soll, weil er „Jehova“ gesagt hat – genau dasselbe findet statt, wenn jemand „KZ“ oder „Jude“ sagt. Eine automatische Reaktion, ein „das darf man doch nicht!“, ein „Pfui, wie kann man nur!“.

Das ist eine offensichtlich anerzogene Reaktion, denn der Skandal existiert nur darum, weil es ein Tabu gibt, welches nicht als solches benannt wird. Das Tabu besteht in allem, was mit der Nazi-Zeit in Zusammenhang gebracht werden kann. Symbole, Ausdrücke, Gesten – was auch immer.

A propos: In Frankreich gibt es den Quenelle – einen Ausdruck des Protests der Unterprivilegierten gegen das Establishment – und was hat man in der medialen Wahrnehmung daraus gemacht? Einen umgekehrten Nazigruß…..

Abschlussbeispiel: Wer war nicht alles schon Hitler? Milosevic war Hitler – Saddam Hussein war Hitler – Assad war Hitler – Gaddafi war (glaube ich) auch schon mal Hitler – und Putin war immerhin wie Hitler – und wer war es, der die anderen als Hitler bezeichnete?

Kurz gesagt: Man könnte das nächste Mal, wenn jemand etwas scheinbar Skandalöses sagt, weil er einen Begriff aus dieser dunklen Zeit verwendet, mal genauer hinschauen und –hören. Denn dass man wie ein Hund, den man abgerichtet hat, reagiert, quasi auf Knopfdruck „Pfui!“ sagt – das sollte einem selbst-bewussten und erwachsenen Menschen nicht gefallen.

Stattdessen könnte man sich auch mal fragen: Wem nützt es denn, dass ich so reagiere, wie ich reagiere? Und wer setzt denn dieses Mittel wann ein – jemanden zu beschuldigen, er sei ein böser Mensch, weil er diesen oder jenen Begriff benutzt habe? Hinschauen hilft.

Ansonsten wird er hier wohl noch eine ganze Weile herum spuken – der ewige Nazi, der uns verfolgt, solange wir eben hysterisch – und nicht nachdenklich reagieren…..

5 Kommentare zu “Der ewige Nazi

  1. Die Regierung ist des Volkes überdrüssig. Statt sich ein neues zu wählen, beschimpft und vertreibt sie es. So kommt es mir jedenfalls vor.

    Ich habe mir vor einiger Zeit Pirinccis Buch „Deutschland von Sinnen“ gekauft, um zu sehen, wes Geistes Kind der bekannte Autor tatsächlich ist. Tatsächlich konnte ich feststellen, daß Pirincci in seinen geschriebenen Texten ausgesprochen klar differenziert und seine rüde, beleidigende Sprache einfach nur ein Stilmittel ist. Dazu muß man aber halt wissen, daß Herr Pirincci nun mal Romancier ist und dazu neigt deutlich, übertrieben und extrem überspitzt zu formulieren. Seinen stellenweise groben, plakativen Humor muß man nicht mögen, aber man könnte ihn begreifen, wenn man nicht ein Denkverbot in Form eines Tabus im Kopf hätte. (Daß Pirincci auch die feinen Töne beherrscht, weiß man aus seinen anderen Büchern.)

    Jedenfalls habe ich mich mit seinem Buch königlich amüsiert. Sogar gleich zweimal, als mir klar wurde, daß die geifernden Kritiker die Texte offensichtlich nicht, oder nur in Auszügen gelesen haben.

    Pirincci hält den Leuten nicht einfach einen Spiegel vor – er schmeißt ihn ihnen gleich ins Gesicht. Da reagieren Leute, die nicht gewohnt sind selbstkritisch ihre eigenen Gedanken und Handlungen zu hinterfragen, natürlich recht unwirsch drauf. Und natürlich ist dann derjenige Schuld, der den Spiegel geworfen hat. Daß die Journalisten da nur ihre eigene Fratze auf sich selbst zufliegen sehen, bemerken viele ja gar nicht mehr. 😀

  2. Pingback: Wir haben Einiges verloren | nachrichtenaushinterland

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