Allein in der Botschaft

Der Netzaktivist und Gründer von Wikileaks Julian Assange befindet sich als (wirklich politisch Verfolgter und) Asylant seit Juni 2012 in der Botschaft von Ecuador in London. Dort gab er unlängst dem russischen Sender RT ein interessantes Interview, welches leider auf Englisch zu sehen ist. http://www.informationclearinghouse.info/article42807.htm

Was er zu verschiedenen Themen wie dem US Imperium oder der US-Politik zu sagen hatte war durchaus nachdenkenswert (und erklärt wohl auch, weshalb es nur auf einem „russischen Propagandasender“ – das ZDF über RT – und nicht im deutschen Fernsehen gesendet wurde). Die wichtigsten Punkte will ich hier kurz zusammenfassen:

In Min 03.00 erklärt Herr Assange, wie seine Enthüllungsplattform vor allem von großen Zeitungen und Akademikern zensiert würde (das Schweigen im deutschen Blätterwald spricht da wohl für sich).

Min 05.30 folgt der spannende Hinweis, dass bereits 2006 der US Botschafter in Syrien sich mit der Regierung in Washington über Strategien des Systemwechsels ausgetauscht habe (fünf Jahre vor Beginn des Bürgerkrieges also). Wikileaks habe Dokumente, welche zeigten, wie man überlegt habe, die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten zu intensivieren, indem man Lügen über Konflikte zwischen beiden Gruppen verbreiten helfen wolle, mit dem Ziel, die syrische Regierung zu schwächen. Spannend. Wie gesagt – fünf Jahre vor Beginn des Bürgerkrieges.

Wem fiele da nicht der ehemalige US General Wesley Clark und seine Aussage ein, dass die US Regierung bereits 2001 eine Liste von sieben Ländern erstellt hatte, die sie destabilisieren wollten. Syrien war darunter. https://www.youtube.com/watch?v=9RC1Mepk_Sw Doch zurück zu Assange.

Min 08.45 folgt der Hinweis, dass auch Israel an einem schwachen Syrien interessiert ist. Auch dies dürfte langfristige Pläne hervorgebracht haben – der Yinon-Plan ist bei uns kaum jemandem bekannt. Aber er existiert (er wurde in den achtziger Jahren verfasst) und besagt, dass Israel sein Territorium vergrößern sollte – auch auf Kosten Syriens. http://www.globalresearch.ca/greater-israel-the-zionist-plan-for-the-middle-east/5324815

Unter diesem Blickwinkel ergeben auch die Flüchtlinge nach Deutschland ein anderes Bild…. Aber zurück zu Assange.

Ab Min 10.00 lässt er sich mehrere Minuten über das Zusammenspiel zwischen US-Politik, Unternehmen, Institutionen und Militär aus. Was schon kluge Geister wie Naomi Klein oder Arundhati Roy sagten, verkündet auch Assange: Dass die USA ein Imperium seien (was auch anhand ihrer zahlreichen Militärstützpunkte sichtbar würde – dem kann man als Beobachter nur beipflichten): http://www.survival-scout.at/2012/us-basen.jpg

Und dass sie alle Institutionen für sich nutzen, d.h. zur Ausdehnung ihres Einflusses und zur Sicherung ihrer Interessen. Dafür würden sie sich der UN bedienen, des IWF, sowieso des Militärs, doch auch US-Unternehmen wie Google und andere würden hier helfen und Hilfsorganisationen wie USAid auch – alle würden eng zusammenarbeiten bzw. wäre dies von der US-Regierung geschickt gesteuert.

Nun hat John Perkins in seinen Büchern genau dasselbe gesagt – und auch dieser Mann wirkt auf mich glaubwürdig, wenn auch Wiki….pedia in dem Falle ihn kritisch sieht. Was umgekehrt irgendwie für ihn spricht. https://de.wikipedia.org/wiki/John_Perkins_%28Autor%29

Min 16.00 kommt der interessante Hinweis, dass Präsident Obama auf der Basis des Espionage Act von 1917 (also des Gesetzes gegen Spionage) mehr Aufdecker (Whistleblower) verurteilt habe, als alle US-Präsidenten vor ihm.

Und tatsächlich findet man selbst auf Wikipedia den Hinweis, dass unter der Obama-Regierung der Espionage Act nun auch gegen US-Bedienstete angewandt werde, welche Geheimnisse des Staates (oder was man dafür hält) nicht an feindliche Mächte, sondern an die Medien weitergegeben haben. https://en.wikipedia.org/wiki/Espionage_Act_of_1917

So würde laut Assange der Widerstand gegen die USA gebrochen.
Min 16.50 sagt Assange, dass Israel von den USA beschützt würde – und zwar immer. Nur die USA hätten die Möglichkeit, Israel zu beeinflussen, um Frieden zu schließen.

In Min 18.50 folgt die Bemerkung, dass die USA ihre Gegner durch ihre Politik enger zusammenrücken lassen würden. Denkt man an die bei uns medial kaum beachtete Shanghai Coorporation Organisation, muss man dem wohl zustimmen. https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_f%C3%BCr_Zusammenarbeit

Um 21.30 wendet sich Assange der britischen Politik zu. Befragt, ob er Jeremy Corbijn, dem USA- und israelkritischen neuen Mann bei Labour Chancen einräume, Premierminister zu werden, sagt Assange, dass die USA ihn im Falle eines Wahlsieges, falls er bei seiner Politik bleibe, „destabilisieren“ würden. Oder schlimmeres.

Bei Min 23.45 bringt Assange eine interessante Nebeninformation: So habe der US-Geheimdienst NSA in Großbritannien 6000 Beschäftigte vorzuweisen. Dass es so viele sind, wusste ich nicht. Assange geht auch wiederholt vorher auf die besonderen Beziehungen zwischen den USA und GB ein und dass ein britischer Premierminister nicht gegen die USA eingestellt sein könne.

Bei 24.30 erwähnt Assange den Fall Manning: Chelsey Manning (vorher Bradley Manning), der US-Soldat, der militärische und diplomatische Dokumente an Wikileaks weitergegeben hatte, war von einem US Gericht zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Unter dem Material, was er weitergegeben hatte, waren Beweise für US-amerikanische Kriegsverbrechen in Afghanistan und im Irak gewesen. https://en.wikipedia.org/wiki/Chelsea_Manning

Dass Chelsea Manning länger als jeder Soldat verurteilt wurde, der in Abu Ghraib Gefangene folterte, sagt laut Assange auch etwas aus.

Schließlich zu sich und zu Edward Snowden befragt, sagt er, dass letzterer wohl nie in die Vereinigten Staaten zurückkehren könne. Er selbst glaube auch nicht, dass er die ecuadorianische Botschaft bald verlassen könne – doch er hoffe auf seinen Prozess.

Soweit diese interessanten Aussagen von Julian Assange, die sich leider so nicht in unserer Presse finden lassen. Ist denn guter Journalismus ganz verschwunden? Kritiker zu fragen und kritisches Befragen der Verantwortlichen?

P.S.: Dass es auch anders gehen könnte – dass es auch heute noch das geben könnte, was man so „Journalismus“ nennt, zeigt dieser kurze Film. http://www.informationclearinghouse.info/article42871.htm

Wir sehen, wie ein Politiker von einem guten Journalisten in die Enge getrieben wird – leider auch nur auf Englisch. Ob wir so etwas eines Tages bei uns sehen dürften? Ein Politiker, der einem Journalisten am Ende vorwirft, dass die BBC einer „versteckten Agenda“ folgt und die britische Öffentlichkeit in die Irre führt – weil er sich mit anderen Argumenten offenbar nicht mehr zu helfen weiß.

Auf die Fragen des Journalisten kommt vorher nur inhaltsleeres Blabla (der Journalist möchte wissen, ob es eine Untersuchung über die von den Saudis mit britischen Waffen begangenen Kriegsverbrechen im Jemen gibt) – nur lässt der Journalist eben nicht locker und legt nach. Sehr amüsant anzuschauen (vor allem das Gesicht des Politikers).

2 Kommentare zu “Allein in der Botschaft

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