Kuriosita III

Zwei scheinbar nicht miteinander zusammenhänge, kurze Meldungen – die erste: Bei mir in der Straße gibt es einen Kiosk, den ich hin und wieder aufsuche – um eine Kleinigkeit zu kaufen, ein Paket abzuholen, manchmal halte ich auch ein Schwätzchen mit dem Besitzer, der alles zu wissen scheint, was gerade am Ort geschieht. 🙂

Als ich das letzte Mal dort eintrat, um etwas zu kaufen, war der Besitzer ziemlich in Rage – ich fragte ihn, was los sei, und er erzählte mir die folgende Geschichte:

Ein junger Mann sei zum ihm ins Geschäft gekommen, um eine Flasche hochprozentigen Alkohol zu kaufen. Er habe sich den Ausweis zeigen lassen, aber nur auf das Jahr geschaut und nicht auf den Monat. Nach dem Jahr (1997) hätte er gedacht: Gut, der ist 18 Jahre alt. Und habe ihm die Flasche verkauft.

Der junge Mann sei damit abgezogen und kurz darauf mit zwei Beamten wieder erschienen, die ihm klarmachten, dass er soeben eine Flasche hochprozentigen Alkohols an einen Minderjährigen verkauft habe – und dafür sei eine Strafe von 500,- € fällig.

Alle Beteuerungen des Kioskbesitzers, dass ihm das nicht aufgefallen sei, dass doch jeder mal Fehler machen könne, Bitten um Nachsicht etc. fruchteten nichts und schon zwei Tage später war die schriftliche Aufforderung von der Stadt da, dass er 500,- € Strafe zu zahlen habe.

Wegen dieser Angelegenheit also war er so wütend. Ich hörte mir das an und konnte seine Wut nachempfinden – fragte auch mich (und ihn), ob man da rechtlich nichts tun könne, denn es erschien mir fraglich, ob ein Staat durch Verwendung eines Jugendlichen in dieser Art Geld einnehmen dürfe.

Der Kioskbesitzer seufzte und sagte, darüber habe er auch nachgedacht, aber dazu müsse er sicherlich durch mehrere Instanzen gehen, wenn er Widerspruch einlege, müsse sich einen Anwalt nehmen und das würde ihm am Ende mehr Kosten als die Strafe verursachen – also zahle er.

Etwas verdutzt und nachdenklich ging ich dann nach Hause – nach wie vor erscheint mir diese Vorgehensweise von Institutionen des Staates gemein und schäbig. Der Staat nimmt, was er kriegt, scheint es. Nur dass er die Kleinen unbarmherziger verfolgt als die Großen.
Schäbig erschien mir auch der Vorgang, den ich letztens in einem Blogartikel erwähnt hatte. Da hatte ein Mensch bei Stuttgart einen Busfahrer denunziert, da dieser ein Thor-Steinar-Shirt bei einer Fahrt von abgelehnten Asylbewerbern an den Flughafen getragen hatte.

Der Mann, dem dies aufgefallen war, ein Herr Jörg Rupp, hatte, als er das Thor-Steinar-Shirt am Busfahrer bemerkt hatte, diesen nicht etwa zur Rede gestellt, sondern ihn beim Regierungspräsidium gemeldet, was das Busunternehmen beauftragt hatte. Folge: Dem Mann wurde von seinem Unternehmen gekündigt – fristlos.

Nun könnte man es als Kurzschlussreaktion ansehen und es bleibt zu hoffen, dass ein Arbeitsgericht das Unternehmen zur Wiedereinstellung zwingt – aber es war etwas anderes, was mich daran stutzig machte:

Herr Rupp bloggte über diesen Vorgang – und bekam verständlicherweise eine Menge erzürnter Rückmeldungen, dass das eine Vorverurteilung und miese Aktion gewesen sei, eine Denunziation eines Menschen, den er gar nicht kenne und es schäbig und fragwürdig sei (natürlich bekam er auch zustimmende Meldungen, dass dem Fascho recht geschehen sei etc.).

Das Faszinierende: Herr Rupp sieht kein Fehlverhalten bei sich. Ich fragte ihn in einer Zuschrift, warum er denn einen Menschen verurteile, von dem er nichts wisse, worauf er antwortete, es gäbe einen Dresscode von Rechtsextremen und daran wäre der Busfahrer eben genau zu erkennen gewesen.

Meine Antwort an ihn, dass er dann klüger als ich sei, denn ich traute mir nicht zu, den Charakter eines Menschen aufgrund seiner Kleidung zu beurteilen und sähe da keinen Unterschied zu jemanden, der einen Menschen aufgrund seiner Hautfarbe beurteile, wurde nicht mehr veröffentlicht. Wer will, kann dem Faden hier folgen (ich hatte Herrn Rupp am 02.09. angeschrieben). http://joergrupp.de/bin-ich-verantwortlich-fuer-die-entlassung-eines-busfahrers/

DAS scheint mir ein sehr gefährliches Phänomen der nächsten Jahre zu sein: Menschen, die so gefangen in ihren Gedanken von „das ist richtig, das ist falsch“ sind, dass sie nicht erkennen, dass sie anderen, die sie als „böse“ erkannt haben, Freiheiten aberkennen.

Und da genügt die Vermutung, nicht die Gewissheit (die sie vermeinen, zu haben). Ein falsches Kleidungsstück…… eine Bemerkung „diese Neger regen mich auf!“ …. Ein T-Shirt von den Böhsen Onkelz….. es könnten tausend Sachen sein. Hinweise auf böse Gedanken, böse Gesinnungen.

Eine Straftat muss nicht mehr vorliegen, es genügt ein falsches Kleidungsstück, ein Satz, eine Bemerkung – warum nicht irgendwann ein Blick? Oder ein verächtlich wirkender Gruß? Herr Rupp selber scheint sich durch die Rückmeldungen noch bestätigt zu fühlen, dass er das Richtige tat – je stärker der Gegenwind, desto starrer wirkt auf mich sein Festhalten an „ich habe trotzdem recht!“.

Und das halte ich für sehr bedenklich: Menschen, die bereit sind, andere zu denunzieren, da sie sich im Recht glauben, sind auch bereit, diese Menschen wegsperren, umerziehen oder anderes zu lassen.

Alles natürlich zum Wohle und zum Schutze der Gesellschaft – schon klar. Seltsam, wie die Menschen immer wieder dieselben Fehler machen….. denn jede Gesellschaft hielt ja ihre Verdammungsrituale in der Zeit, als sie angewendet wurden, für richtig.

Es war richtig, die Hexen zu verdammen. Es war richtig, die Schwulen zu verdammen. Es war richtig, die Juden zu verdammen, die Deutschen, die Polen, die Frauen, die Geisteskranken, die Kulaken, die Kommunisten, die Rechtsextremen etc. Immer, immer war es richtig.

Falsch wurde es erst hinterher – Jahre oder Jahrzehnte später. Das Ritual der Verdammung wurde indes beibehalten – auf neue Gruppen angewandt, war es immer dasselbe.

Es wird sich wohl erst ändern, wenn unser Bewusstsein sich ändert. Wenn wir die anderen nicht als Feinde/Monster/zu bekämpfende Gegner etc. ansehen, sondern als Menschen. Wenn wir mit ihnen reden und versuchen, über den Dialog zu einer Lösung zu gelangen.

Nicht den Dolch in den Rücken eines Wehrlosen stoßen. Nicht die Fremden höher als die eigenen Landsleute stellen. Nicht unsere Untat als Tugend bemänteln und nicht unsere Selbstgerechtigkeit als Rechtschaffenheit.

Dann mag es eines Tages einen Staat geben, der nicht mehr auf Beutefang bei den Schwachen geht. Und Menschen, die nicht mehr andere denunzieren, weil ihnen an denen etwas gefährlich oder böse erscheint. Es ist zumindest möglich, denn der Mensch kann sich überwinden.

Darin liegt keine Gewissheit, wohl aber eine Hoffnung.

Ein Kommentar zu “Kuriosita III

  1. Hm – diese Form von Diskriminierung, wie sie ein Herr Rupp betreibt ist bei den Grünen institutionalisiert. Das ist nichts anderes als der Rassismus und die verschiedenen Formen von Diskriminierung, die von den Grünen mit Vehemenz verfolgt und verdammt werden … so lange es um Gruppen geht, die von den Grünen gefördert werden.

    Dummerweise fordern die Grünen die Deutungshoheit darüber, was nun Sexismus, Rassismus und Diskriminierung ist – die Presse hilft und unterstützt dabei. Auch bei den anderen Parteien finden sich solche Denunzianten wie Herr Rupp. Aber bei den Grünen sind diese besonders häufig, besonders selbstgerecht, arrogant, ignorant und inkompetent.

    Was den anderen Fall angeht … Recht haben und Recht bekommen sind zwei unterschiedliche Sachen. Außerdem wird Perfektion verlangt, keine Gnade bei allzumenschlichen Fehlern. In anderen Ländern wird so etwas wesentlich entspannter gehandhabt. Auch hier eine Form von Denunziation … allerdings provoziert (vermutlich ein Testkäufer). Zu Straftaten anstiften geht nämlich unter Umständen nach hinten los. Dazu bräuchte es allerdings mehr Informationen über die Umstände.

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