Auge um Auge, Zahn um Zahn

Im Prozess um den 94jährigen, in Auschwitz als „Buchhalter“ eingesetzten Oskar Gröning hat das Landgericht Lüneburg eine vierjährige Haftstrafe ausgesprochen. Dem Vizepräsidenten des Auschwitz-Komitees genügt das noch nicht – lebenslänglich wäre besser gewesen, findet jener. http://web.de/magazine/panorama/oskar-groening-auschwitz-komitee-vizepraesident-lebenslaenglich-angemessen-30767684

Es genügt also nicht, den steinalten Mann ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu ziehen und ihn der BEIHILFE des Mordes (nicht des Mordes selber – damit hatte er in seiner Funktion gar nichts zu tun) zu bezichtigen und deswegen zu verurteilen – mehr als 70 Jahre, nachdem die Tat begangen wurde – nein, das Urteil ist zu milde ausgefallen.

Ein Mann, der ein kleines Rädchen im Getriebe war, keine Befehle zum Massenmord unterzeichnet noch ihn anderweitig angeordnet und ausgeführt hätte, wird daher verurteilt, weil er an diesem Ort gearbeitet hat. Weil er für die Verwaltung der Wertgegenstände (sprich: Des Beuteguts der Nazis) der Opfer zuständig war. https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Gr%C3%B6ning

Und auch wenn man, wie Gröning, lediglich Vermögensgegenstände verwaltet hat, so hat man dadurch einen „zumindest untergeordneten Beitrag“ zum Massenmord geleistet.

Alles findet im Rahmen und im Namen des Rechts statt: Mord unterliegt seit 1979 keiner Verjährungsfrist mehr. Völkermord sowieso nicht. https://de.wikipedia.org/wiki/Verfolgungsverj%C3%A4hrung

Und so schleppt man sie dann vor Gericht – Greise, manchmal im Rollstuhl, manchmal auf Bahren liegend, manchmal noch Herr ihrer Sinne. Und spricht….. Recht?

Ist es rechtens, jemanden für ein Verbrechen, was vor einem Menschenalter begangen wurde, zu verurteilen – sei es auch noch so monströs? Welche Vorstellung von Menschlichkeit und von Vergebung steckt dahinter? Welche Vorstellung von der Würde des Alters? Wie menschlich ist das, Greise bis zur Erschöpfung im Gerichtssaal ausharren zu lassen?

Mir gefällt das nicht. Dies ist in meinen Augen ein Zerrbild von „Gerechtigkeit“. Es sieht mehr nach Rache, als nach Recht aus.

Aber immerhin: Eines Tages stehen auch die, die da jetzt „Recht“ sprechen vor ihrem Richter. Bleibt abzuwarten, wie ihr Fall dann aufgenommen wird. Wozu hat ihre „Rechtsprechung“ beigetragen? Wirklich zur Gerechtigkeit?

Am liebsten würde ich Ihnen zurufen: Ihr! Die Ihr da Recht zu sprechen meint! Wie möchtet IHR im Alter behandelt werden? Was wird dann mit EURER Würde des Alters sein?

Nein – da ist etwas grundfalsch an diesen Schauspielen. Es werden gottseidank nicht mehr viele dieser Art folgen.

6 Kommentare zu “Auge um Auge, Zahn um Zahn

  1. Der Zyniker in mir meint:
    Einen 94 Jährigen zu 4 Jahren zu verurteilen, ist doch quasi lebenslänglich. Und Beihilfe zum Mord wegen seiner Arbeit in der Vermögenverwertung der Opfer, klingt auch fast so, als ob ohne ihn keine Tötungen stattgefunden hätten.
    IIRC wurde er in den 80ern schonmal deswegen freigesprochen, und erst seit einer Gesetzesänderung im letzten Jahrzehnt konnte ihm erneut der Prozess gemacht werden.
    Man sollte in Zukunft am Besten gar nichts mehr machen, es könnte ja sein, dass in einigen Jahren die Taten dem Machthaber nicht mehr ins Konzept passen. Erinnert mich an Orwell.
    PS: Es gibt keine Gerechtigkeit, nur Rechtsprechung, welche gemeinhin verwechselt werden. Gerecht ist, dass der Stärkere mehr hat als der Schwächere. (cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Kallikles). Eine weites Thema.

  2. Stärke ist, zu seinen Schwächen zu stehen. Und dann erst kann Gerechtigkeit anfangen. Aber das ist meine persönliche Meinung.
    Bisher hat das in meinem Umfeld gut geklappt. Da könnt ich wieder was über Dunbar-Anzahl erzählen, aber mal ehrlich, jeder weiß doch intuitiv, dass je höher etwas gebaut wird, es auch umso tiefer krachen kann, und, Beispiel Architektur, es braucht Querverstrebungen. Die wir grade alle abreißen. Gerade die westliche Welt baut seit > 100 Jahren ganz schön hoch, und nu können wir den Rest miterleben. Die anderen wollen auch hoch bauen. China stoppte seine Expansion, weil mit damaligen MItteln ein größeres Reich nicht verwaltbar war….
    War jetzt etwas OT, aber ging mir grad so im Kopf herum.

  3. Es wundert mich nicht (mehr) wirklich, daß solch ein Urteil erst nach dem Tode des SS-Manns Günter Grass verkündet wird. Man stelle sich vor: G. Grass – ausgezeichnet nicht nur durch seine freiwillige SS-Mitgliedschaft, sondern auch durch viele andere Preise – hätte sich vor Gericht verantworten müssen.

  4. Pingback: Die Monster sind unter uns II | nachrichtenaushinterland

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