Gute Zeiten für Denunzianten

Was vor 75 Jahren en vogue war (das Denunzieren anderer) ist wohl auch heute nicht gänzlich aus der Mode gekommen (zu menschlich ist die Verhaltensweise). Schon in der Bibel ist das Gebot enthalten, nicht schlecht über den anderen zu reden. Wir tun’s natürlich aus verschiedenen Gründen trotzdem und mancher sogar andauernd.

Aber Denunziation, d.h. das bewusste Anschwärzen eines anderen, auf dass diesem Menschen Konsequenzen drohen – das ist leider
a) in Zeiten des Internets und der damit verbundenen Anonymität viel einfacher geworden und
b) werden wir an manchen Stellen medial bewusst angehalten, uns zu empören – wer sich aber empört, agiert u. U. ohne Verstand
c) betrifft diese Empörung grade aktuelle Dogmen – zum Beispiel zu den Themen Homophobie, Rassismus, Gender, Hass allgemein etc.

Ein paar simple Beispiele der jüngsten Zeit:

In den USA schreibt eine Feministin einen kritischen Artikel zu – aus ihrer Sicht – bestimmten negativen Auswirkungen des Feminismus an amerikanischen Universitäten. So sind aus ihrer Sicht die Studentinnen unselbstständiger geworden und würden angehalten, keine Verantwortung mehr für bestimmte Handlungen zu übernehmen. http://chronicle.com/article/Sexual-Paranoia-Strikes/190351/

Bzw. würde reflexartig Männern Sexismus o.ä. vorgeworfen und würde das Klima an vielen Unis dadurch vergiftet. Dazu mag man stehen, wie man will – den Beweis für ihre These haben ungewollt ihre Gegner geliefert, die sie wegen Körperverletzung anzeigten, da sie hasserfüllte Thesen vertrete, welche ihren Lesern auf den Magen schlage. Das ist kein Scherz. Die, die die Anzeige gemacht haben, bleiben anonym. Wer will, mag es beim Danisch nachlesen. http://www.danisch.de/blog/2015/05/30/wehe-dem-und-wehe-der-die-sich-erdreisten-gender-zu-kritisieren/

Oder: Ein Familienvater fragte eine Kolumnistin im Westfalenblatt, ob er seine beiden Töchter auf die Hochzeit seines schwulen Bruders mitnehmen solle (er wollte das nicht). Die Kolumnistin vom Westfalenblatt riet davon ab. Ein vermeintlicher Wahrheitsfreund stellte das auf Twitter online – und löste einen Empörungssturm aus.

Ergebnis: Das Westfalenblatt entschuldigte sich, die Kolumnistin wurde gefeuert. Hm. Gab es da nicht irgendwo mal so einen Satz von der Meinungsfreiheit? Oder dass Freiheit die Freiheit des Andersdenkenden sein müsse? Hier galt dies jedenfalls nicht. Sondern das Alte: Steinigt sie! Pfui! Die Schwulenhasserin! http://www.focus.de/panorama/welt/guter-rat-am-sonntag-zeitung-raet-kinder-sollten-homosexueller-hochzeit-fernbleiben_id_4691588.html

Oder: Wie ich schon mal schrieb, wurde bzw. wird in Berlin von anonymen Blogbetreibern gegen einen Politikprofessor vorgegangen. Dieser vertrete „chauvinistische und eurozentristische“ Ansichten und würde auch „faschistische Autoren“ wie Carl Schmitt benutzen.

Eine Einladung zur offenen Auseinandersetzung, die der Professor seinen Kritikern anbot, wurde nicht angenommen. Anonym pöbelt es sich eben leichter. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/humboldt-universitaet-berlin-studenten-bloggen-gegen-herfried-muenkler-a-1032545.html

Oder: Eine Bloggerin schrieb auf ihrem Blog, weshalb sie der Netzfeminismus anekele (d.h. die Kampagnen, die dieser führe – Aufschrei etc.). Für diesen Blog bekam sie viel Lob, auch ein Like von einem Ring nationaler Frauen, einer rechten Gruppierung. Die Social Media Koodinatorin von Tagesschau.de fühlte sich daraufhin bemüßigt, zu twittern, dass die Bloggerin von Rechtsradikalen empfohlen werde.

Nun wurde die Bloggerin von hunderten Personen und Institutionen verlinkt und gelikt, aber es war dieses EINE Lob, was sie in den Ruch rechter Kreise brachte – und Morddrohungen von der Antifa nach sich zog. Weil jemand anders das, was er für die Wahrheit hielt (und was bestenfalls eine Verdrehung derselben war), allen kundgetan hatte. Anschwärzen. 1. Sachliche Auseinandersetzung. 0. http://blogs.faz.net/deus/2015/05/30/ein-tag-von-der-empoerung-der-ard-redakteurin-zur-morddrohung-der-antifa-2612/

Oder: Ein Collegeprofessor in den USA berichtet davon, dass er sich nicht mehr traut, bestimmte Autoren durchzunehmen, da sie die Studenten „triggern“ könnten, also emotionales Unwohlsein oder gar Traumata auslösen könnten. Und da eine Anzeige eines Studenten gegen eine Lehrkraft dessen Ende bedeuten könne, gehe man den Weg des geringsten Widerstandes – und Mark Twain u. a. verschwinden.

Dies würde nicht nur von ihm, sondern auch von anderen so gemacht. Wen wundert’s. Wer Angst um seinen Job hat – der wird vorsichtig sein müssen. Was auf der Strecke bleibt: Die Freiheit der Lehre. Und die des Wortes.
http://www.vox.com/2015/6/3/8706323/college-professor-afraid

Oder der Fall dieses Busfahrers in Berlin, der ein paar ausländische Jungs aus dem Bus schmiss und daraufhin von einem Schüler, der das beobachtet hatte, als „Faschist“ angezeigt wurde. Oder die neuen Möglichkeiten, jemanden wegen rassistischen Benehmens anzuzeigen: http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=336396 Anonym natürlich.

In Felix Austria hat man sogar für solche Beschwerden eine Hotline eingerichtet. https://buergerstimme.com/Design2/2015/02/zum-wohle-der-migranten/

Kurz: Wenn ich verkünde, dass es richtig ist, jemanden anzuschwärzen, sofern er abweichende Meinungen zu diesem oder jenem vertritt und dies auch noch als Zivilcourage bemäntele – dann wird es das eben auch öfter und öfter geben. Dabei sieht keiner von denen, die da gerne nicht nur „den ersten Stein werfen“, sondern noch viele, viele hinterher, wie sehr sie denen gleichen, die früher Hexen angezeigt haben.

Bestimmt haben viele Menschen auch damals gemeint, das Beste für die Gemeinschaft zu tun: Hexen waren gefährlich! Hexen gehörten bekämpft! Hexen gehörten bestraft! Die Gemeinschaft musste vor ihnen geschützt werden!
Heute sind es halt Rassisten, Nazis usw. vor denen die Gemeinschaft geschützt werden muss. Ob da noch mancher von den Steinewerfern mal in den Spiegel blickt?

Die Themen sind austauschbar. Ob die junge Frau in den USA, die ein „Fuck you“ vor einem Heldenfriedhof in die Kamera wirft und dafür ihren Job verliert – http://www.theguardian.com/technology/2015/feb/21/internet-shaming-lindsey-stone-jon-ronson – oder die beiden IT Nerds, die irgendwelche Frauenwitze reissen und deswegen auf Twitter angefeindet werden (und wieder Jobverlust – s. selber Artikel).

Die Frau, die twittert „Fliege nach Afrika. Hab aber kein AIDS. Bin weiss“ und wegen dieses dummen Spruchs den (genau) Job verliert. Homepages wie die, gegen den Berliner Professor (s.o.) oder solche in den USA, die Rassisten aufdecken wollen. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/twitter-us-rassisten-am-internet-pranger-a-1013920.html

Und durch letztere zum Beispiel auch eine Teenagerin an den Pranger gestellt wurde, die einen blöden Spruch gemacht hatte. Folgen: Jobverlust, soziale Ächtung. Die Familie auf Tauchstation. Ist das Gerechtigkeit? Ist das Demokratie?

Hier geht es nur selten um Gerechtigkeit oder die bessere Welt. Sondern darum, grade herrschende Dogmen zu verteidigen. Heute ist’s der Rassismus, der bekämpft werden muss – gestern waren es die Hexen. Und morgen? Die Ziele sind dieselben:

Die Abweichler zu ächten. Diese werden zwar nicht mehr verbrannt, wie noch vor 300 Jahren – aber sozial geächtet, künftig gemieden etc. Man lese mal den Guardian Artikel, wie sich diese Frau gefühlt hat, die von allen auf einmal gemieden wurde und von der tausende Einträge im Netz sagten: Das ist die Vaterlands-Verräterin!

Über den Begriff „Vaterlandsverräterin“ lachen wir Deutsche vielleicht. Und wie wäre es, wenn da im Netz DEIN Name stünde und tausendmal: Das ist der Rassist! Das ist der Nazi! Welche Deiner Freunde würden zu Dir halten? Welche sich abwenden?
Der scharlachrote Buchstabe ist nicht mehr an der Kleidung angebracht – er ist im Netz. Und da bleibt er – solange das Netz besteht.

Mutet es da wunder, dass in einer Umfrage von Allensbach 41% der Befragten sagten, man müsse aufpassen, was man wo und zu wem sage – in Deutschland! In einer Demokratie! Die aufgeführten Beispiele haben eines wohl gezeigt – wirkliche Gedanken- und Redefreiheit herrscht bei uns nicht. http://www.rolandtichy.de/tichys-einblick/meinungsfreiheit-in-deutschland-zwei-faelle-in-zwei-wochen/

„The long night is coming. And the Dead come with it”. (Jon Snow, Game of Thrones). Wir sind allerdings schon die Toten. Denn wer nicht mehr fühlt, was er dem anderen antut durch sein Wirken, sein „Steinewerfen“– der hat ein Stück Menschlichkeit verloren. Und das Leben ist dadurch wieder ein Stück flacher und kälter geworden.

Wie ein weiser Mann einst sagte: Wer da unter Euch ohne Sünde ist – der werfe den ersten Stein!

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