Die Tribute des Brotes

(Vorweg: Mein ehemaliger Lateinlehrer möge mir verzeihen – der Genitiv von Brot wäre natürlich korrekterweise panis – indes heisst der Film halt die Tribute von Panem….. aber zur Sache):

Schaute letztens mal die Trilogie „Die Tribute von Panem“ (ein Nachbar hatte sie mir geliehen). Gestern war der dritte Teil dran, den ich allerdings nach 2 Dritteln ausmachte, da er mir einfach zu dumm war. Oder vielleicht war ich auch zu kritisch? Wahrscheinlich beides.

Meine Eindrücke waren jedenfalls wie folgt: Einmal schien mir der Film (der letzte Teil „Mockingjay 1“, auf den ich mich im Folgenden beziehen werde) einfach platt und ohne irgendwelchen Tiefgang zu sein. Die Figuren nicht mal mehr zwei-, sondern eindimensional in ihren Ausdrucksweisen.

So ein süsslicher Ami-Zuckerguss über allem – die Hauptfigur wird von ihrer kleinen Schwester getröstet, die Hauptfigur küsst ihren Freund, die Hauptfigur verlangt, dass ihr Partner aus den Hungerspielen gerettet wird – alle die Verhaltensweisen, die dann von der Hauptfigur gezeigt wurden waren so vorhersehbar, so ohne jede Überraschung (für mich).

Und die Gefühlsbekundungen waren so platt: Die Hauptfigur läuft durch die Ruinen ihrer Stadt. Entsetzen! Die Hauptfigur sieht, wie ein Krankenhaus zerstört wird. Noch mehr Entsetzen! Die Hauptfigur denkt nach – für fünf Sekunden, dann geht es weiter. Keine Zwischentöne, kein Schwanken, kein Tiefgang. Alles an der Oberfläche, alles ganz „in your face“, wie die Amis sagen.

Die zu erwartenden Anleihen an Videospiele waren es nicht, die mich störten: Kampfflugzeuge, die mit einem Pfeil abgeschossen werden können, Rebellen, die unter Maschinenpistolenfeuer in einem Affentempo glatte Bäume hochklettern, ohne getroffen zu werden – der übliche realitätsferne Amischrott halt, direkte Ableitung aus Videospielen.

Und dann die Geschichte: Da die Guten, dort die Bösen. Bei den Guten noch ein paar Supergute (die Heldin) und ein paar weniger Gute. Gesichtslose Mengen, die auf Knopfdruck instrumentalisiert werden können, dünne Handlungsstränge, vorhersehbare Wendungen. Ein flacher Film halt, wie es auch andere gibt.

All dies war jedenfalls irgendwo zu erwarten – was mich aber doch stutzig machte, waren drei Kleinigkeiten, die mir aufgefallen waren.

1. Die Heldin.

Es schien mir, als hätte man am Reißbrett überlegt: Wie müsste eine Heldin beschaffen sein, die Frauen gefällt? Sie müsste emotional sein (Entsetzen angesichts vom Tod), altruistisch (rettet Katze und Schwester), stark (ist die Anführerin) und doch manchmal anlehnungsbedürftig (lehnt einmal ihren Kopf an die Schulter ihres Freundes).

Und sie ist die Bestimmende. Die Männer folgen ihr – nicht umgekehrt. Der Freund ist ihr gegenüber unsicher, sie küsst ihn – nicht umgekehrt. Weibliche Schwäche oder Raffinesse oder Taktik? Fehlanzeige. Eine rundum gute, selbstbewußte, tapfere Frau. Eine Comicfigur, wie andere amerikanische Filmhelden auch.

Nichts gegen eine Heldin. Aber eine, die so stark, so selbstständig und alles überblickend ist? Die emotional und nicht rational agiert – und damit durchkommt? Irgendwas passt da nicht, scheint mir.

Die Verschwörungstheorie dazu wäre wie folgt: Mädchen und Frauen von heute sollen unrealistische Heldinnenfiguren gezeigt werden. Die Hauptfigur in den Tributen, so eine persische Generalsfurie im 300 Sequel, Underworld und auch Game of Thrones haben Frauenfiguren, die mit Männern kämpfen – und siegen.

Was in der dargestellten Art und Weise natürlich Quatsch ist, denn Frauen sind körperlich schwächer als Männer. Sie sind Männern in punkto Kraft, Ausdauer, Kampffähigkeit etc. unterlegen. Diese Frauenfiguren als Kämpferinnen darzustellen (ist, glaube ich, auch im neuen Mad Max der Fall) entbehrt also einer realen Grundlage.

In diesen Tributen Filmen ist das aber normal. Realistisch wäre aufgrund der Kampffähigkeiten, dass die Frauen direkt von den Männern abgemurkst werden. Oder sich weiblicher Listen bedienen, um zu siegen. Doch keins von beidem – die Frauen kämpfen wie Männer und sterben wie Männer.

Die Botschaft: „Ich bin eine Frau und kann kämpfen wie ein Mann“ scheint mir also immer wieder als Sujet aufzutauchen. Kann mich aber nicht entsinnen, dass es dies früher so gegeben hätte. Dies war also der erste Punkt, der mir bezogen auf die Tribute auffiel.

2. Filme mich

Im Film gibt es eine Sequenz, in der die Hauptfigur für eine Propaganda-Aktion der Rebellen gefilmt wird. Dabei soll sie kampfeswütige, inspirierende Parolen von sich geben, die die Menschen zum Aufstand gegen die Regierung aufstacheln sollen. Man filmt es, aber es gelingt nicht – bzw. gelingt es der Hauptfigur nicht, die geforderte Schauspielleistung zu erbringen (das arme Wesen ist einfach zu natürlich bzw. kann einfach nicht schauspielern).

Nur in echter Gefahr kann sie echt sprechen! Ergo begibt man sich in die Gefahr, es gibt Tote durch eine widerwärtige Aktion der Regierung – und die Hauptfigur ist dank dieser Toten entsetzt. Und jetzt kommt’s – als sie da entsetzt vor den Trümmern eines bombardierten Krankenhauses steht (kurz nachdem sie mit Pfeil und Bogen zwei Flugzeuge abgeschossen hat), hält ihr Team die Kamera auf sie. Und fragt: Katleen, möchtest DU etwas sagen dazu?

Da fiel mir die Kinnlade aus zwei Gründen herunter. Einmal, weil die Hauptperson es sofort akzeptierte, ihre Rolle zu spielen – also ihr Entsetzen und ihre Wut in die Kamera zu schleudern. Anstatt den Filmern zu sagen: Ey, leckt mich am Arsch! Ich will nicht gefilmt werden, wenn ich traurig bin!

Was für mich die menschlichere Reaktion gewesen wäre. Und früher habe ich das noch gesehen, dass Leute sagten: Mensch, nimm doch die Kamera weg. Das gehört sich nicht! Und hier – das genaue Gegenteil.

Der andere Grund für die heruntergefallene Kinnlade war die Verschwörungstheorie, die sich daraus bildete: Zeige den Leuten, dass es normal ist, gefilmt zu werden. Dass es in Ordnung ist, gefilmt zu werden. Auch und gerade in intimen Momenten der Trauer und Wut.

Es ist technisch möglich – also wird es gemacht. Es war aber die Selbstverständlichkeit darin, die mich stutzig gemacht hatte. Ob ich der einzige bin, dem dies so ging?

Ah – ein kurzer Nachtrag: Als die Hauptfigur später nochmal eine Propagandaschau machen soll, weigert sie sich. Immerhin.

3. Welt der Zukunft

Was mir schlussendlich auffiel, war, wie kalt die Welt der Zukunft wirkte – und zwar auf beiden Seiten. Die Regierung mit ihrem prächtig-pompösen Bauten war innerlich leer – von Comicfiguren und gesichtslosen Polizisten erfüllt. Bunt und schrill die Klamotten und das Verhalten unecht und gekünstelt.

Die Rebellen dagegen lebten in grauen Gewölben, trugen graue Klamotten. Grelles Neonlicht beleuchtete alles. Und auch hier war das Verhalten so oberflächlich, so wenig wirklich menschlich. Alles wirkte auch hier letztlich unecht auf mich.

Auch hier waren die wesentlichen Dinge in Nebenaspekten verborgen – Verrückte wurden in Zellen, die völlig kahl waren, gefesselt. Man war zum Leben in engen Kabinen untergebracht. Soziales Dasein gemeinsamer Art wurde nicht gezeigt.

Eine interessante Anekdote: Einer der aus den Fängen der Regierung befreiten Spieler, griff nach seiner Befreiung die Hauptfigur an und versuchte, sie zu erwürgen. DA war ich immerhin mal überrascht.

Als Begründung für sein Verhalten wurde gesagt, man hätte ihn mit Folter einer Furcht-Konditionierung ausgesetzt und seine Erinnerungen verändert. Das klang sehr nach Bewusstseinskontrolle.

Kurz gesagt: Als Vision der Zukunft war dies so düster wie Blade Runner und doch flacher als dieser. Alle im Film erschienen mir wie mit Masken ausgestattet – nie blickte man hinter die Fassade bzw. war alles nur Oberfläche – kein Tiefgang, keine tieferen Gefühle.

Die Worte waren leere Hülsen – aufgeblasen bisweilen, aber ohne Gehalt, ohne wirkliches Gefühl. Eine inspirierende Rede der Rebellenchefin wirkte auf mich ähnlich leidenschaftlich wie eine Ansprache der Bundeskanzlerin.

Eine Vision der Zukunft? Alles so schön bunt hier – und Hüllen und Hülsen von Menschen? „Das sind die fahlen Tode, die Menschen ihr Leben heißen……“.

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