Pornolutz und Poppenlinda

Ich hatte in einem vorherigen Artikel – hier: https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/02/18/pornographie/ mal über die Pornographie – ihre Wirkungsweise und Gefahren philosophiert. Angesichts einer hervorragenden (da viele Informationen bereitstellenden) Debatte im Gelben Forum möchte ich gerne diese Gedanken weiterspinnen.

Die Debatte im DGF findet sich hier: http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=355513 Entzündet hatte sie sich am Bericht eines Lesers über Anschauungsmaterial des Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Offenbar hat man eine Kindergartenbox für Erzieherinnen entwickelt, in der sich zwei Stoffpuppen namens Lutz und Linda befinden, jeweils mit einem Penis und einer Vagina ausgestattet. Besagtes Material soll von Erzieherinnen im Kindergarten genutzt werden, um die Kinder spielerisch aufzuklären. http://www.derfreiejournalist.de/?e=190

Nun sind wir sicherlich eine übersexualisierte Gesellschaft (im Sinne der medialen Dauerbeschallung mit Sex) sind und müssen damit umgehen lernen. Indessen scheint mir der vermeintliche Lösungsweg falsch zu sein.

Die Problemlage (der Dauerverfügbarkeit sexueller Bilder und Filme) ist, wie sie ist – dass sie so entstanden ist, hat aber auch mit staatlichen Entscheidungen (Aufhebung des Verbots der Pornografie) und technischer Entwicklung (Internet und der jederzeitige Zugriff auf youporn etc.) zu tun. Nun schreit man auf staatlicher Seite bzw. bei den oben erwähnten Pädagogen: Oh je, wir sind ja so sexualisiert! Ja, da können wir ja auch gleich alle sexualisieren! Kinder, kommt mal her!

Und da liegt der Hase im Pfeffer – im Verständnis, etwas tun zu müssen, wird nun auch kleinen Kindern etwas übergestülpt, von dem niemand sagen kann, was die Konsequenzen sein werden.
Wird das die Kinder zu sexuell selbstbewussten Jugendlichen machen? Oder zu verstörten, unsicheren Wesen, die Sexualität als Sport betrachten? Persönlich vermute ich tendenziell eher zweiteres.

So oder so ist dies für mich nur Ausdruck einer größeren, bedenklichen Tendenz – d.h. eines Staates, der sich zunehmend in die privatesten Räume hinein bewegt – und dies immer selbstverständlicher tut oder tun kann. Kinder immer früher in den Kindergarten, Doktorspiele unter Aufsicht, Kinderkanal mit „Putin ist böse“ und „Pegida auch“, das Lehren, dass das Denunzieren rechtsextremer Eltern in Ordnung ist, letztens las ich auch von nem Versuch in NRW, wo man den Kindern beibringen will, Fahrer, die sich im Strassenverkehr falsch verhalten, anzusprechen und auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen.

Kurz: Werden so eigenständig denkende Wesen herangezogen? Oder genormte Existenzen, die gute Denunzianten werden können? Wie mancher hier im Forum schon so treffend anmerkte – die Propaganda der DDR zum Beispiel wurde noch als solche von den Meisten erkannt. Die Propaganda von heute wird von vielen für bare Münze genommen. Gefährlich.
Die Sexualität ist eine private Angelegenheit, finde ich. Eine Aufklärung tut sicher in einem gewissen Rahmen not, unbedingt – das frühere kirchliche Dogma braucht es nicht und auch nicht die Leibfeindlichkeit von damals. Aber es heute besser zu meinen, indem alles offen aufgedeckt wird, heisst nicht, es besser zu machen.

Die Sexualität sollte persönlich entdeckt werden können – es hängen ja noch viele andere Aspekte an ihr dran (Intimität, Vertrauen, sich hingeben können etc.). Sie so in ihre technischen Details zu zerlegen und mit Handlungstipps zu versehen, scheint mir zu viel des Guten.
Aufklärung in fünfter oder sechster Klasse plus neuer Medienkompetenz – ja. Doktorspiele im Kindergarten bzw. zu vermitteln, dies oder jenes zu tun sei vollkommen okay (alles in Ordnung, alles gleich“wertig“) – nein.

Zudem ich nicht glaube, dass die, die sich nun für diese neue Art des Unterrichtens stark machen, in Sachen Sexualität umfassend gebildet sind – ich meine, in dem Sinne, dass Sexualität mehr ist als ein technischer Vorgang, das Ausschütten dieser und jener Botenstoffe etc.
Wie Michel Foucault mal in seinem ersten Band von „Sexualität und Wahrheit“ sagte: Man hat die Sexualität seit dem 18. Jhdt. untersucht, kategorisiert, katalogisiert, ihre physischen und psychischen Folgen genauestens versucht zu erfassen – und ist doch dem Mysterium des Sex, seinem Geheimnis, nicht näher gekommen.

Lasst doch die Jugendlichen das Geheimnis selber entdecken und zwingt den Kindern nicht etwas auf, was vielleicht manchen Kindern auf natürlichem Wege nahe sein mag (die eigene Sexualität zu entdecken) – aber doch nicht allen.
Das ist dann diese Beliebigkeit vom Sex – und wer weiß, was daraus langfristig wird? Ich glaube – nichts Gutes.

P.S.: Würde mich mal interessieren, wie weit die neuen Handlungsanweisungen für Lehrer darauf eingehen oder ob sie Untersuchungen berücksichtigen, die zeigen sollen, dass bestimmte Formen des Sex (Analverkehr, Masturbation) weniger befriedigend/erfüllend sein sollen als andere (Vaginalverkehr). Wäre nicht grad PC. [[zwinker]]
http://www.reuniting.info/download/pdf/Costa.Masturbation.PDF

P.P.S.: Ah – was mir grad noch einfällt – habe mal irgendwo gelesen, dass die Intensität des Sex seit einigen Jahren abnimmt – sprich, dass Hirnstrommessungen von Frauen zeigen würden, dass die Orgasmen schwächer werden bzw. ihre Intensität geringer. Ob dem durch „Poppen für alle“ entgegenwirkt werden kann? Denke eher nicht. Es hängt wohl mit dem „Mysterium des Sex“ zusammen, das Uschi Obermayer nicht enthüllt hat und Kinsey und Freud auch nicht – Wilhelm Reich und Ricarda Huch scheinen mir da näher dran zu sein. Und was hätte wohl Reich zu den Gedanken von heute gesagt?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s