Zum 08. Mai

Vor ein paar Tagen war ich, als meine Eltern zu Besuch waren, mit ihnen einen Spaziergang im Süden des Frankfurter Stadtwaldes  machen. Dabei kamen wir auch zum Waldfriedhof in Frankfurt-Oberrad. Dort entlang flanierend gelangten wir zu einer Stelle, wo Deutsche Kriegsopfergräber waren.
Mein Vater, im Krieg geboren und sich noch schwach an ihn erinnernd (er hatte als dreijähriges Kind einen Terrorangriff amerikanischer Jäger auf einen Flüchtlingstreck in Bayern erlebt) war daran sehr interessiert und so schauten wir uns diese Gräber an.
Es war eine schöne, friedvoll wirkende Anlage – sehr weiträumig, von Bäumen umgeben und mit viel Grün durchsetzt – hier ein Bild dazu:
Der Waldfriedhof
Wir gingen die Reihen der Grabplatten entlang; meist waren es, wie man sehen kann, einzelne, flache Platten im Boden. An manchen Stellen aber waren es aufrecht stehende Platten oder Kreuze – diese führten dann die Namen mehrerer Personen aus derselben Familie.
Meist waren diese Menschen zum selben Zeitpunkt getötet worden – man konnte hier die Daten der Bombenangriffe der Alliierten auf Frankfurt nachvollziehen. Solche Kreuze fanden sich von 1941 an bis 1945.
Mein Vater, meine Mutter und ich waren berührt und bewegt, wenn wir sahen, wie der Krieg ganze Familien dahingerafft hatte: Fünf Kinder aus derselben Familie (wobei von der Familie irgendjemand überlebt haben musste, denn es standen Kerzen auf dem Kreuz).
Mutter und drei Kinder
Oder es waren von den Großeltern bis zu den Kindern alle umgekommen – vielleicht erstickt, vielleicht verbrannt….. wer weiß?
P1000258
Manche Kreuze waren auch für Unbekannte aufgestellt.
P1000255
Wir stießen schließlich auch auf vier nebeneinander stehende Grabplatten einer Familie; dort waren Großvater, Großmutter, Mutter und Sohn ums Leben gekommen. Auf der Rückseite der Gräber entdeckte meine Mutter Inschriften – diese musste der Vater angebracht haben.
P1000248

P1000249

P1000251

P1000250

Als mein Vater (der sehr kinderlieb ist) die Inschrift „Das liebe gute Kind“ sah, wurden seine Augen feucht und auch ich musste da schlucken…. „Ja, der Krieg….“, sagte mein Vater. So gingen wir dann ruhig und irgendwie berührt zu unserem Auto.

…………………….
Heute entschloss ich mich, nach der Arbeit nochmals zu diesem Friedhof zu fahren. Den 08. Mai und das Gedenken an das Kriegsende im Hinterkopf.
Auf dem Friedhof gibt es übrigens auch eine schöne Sektion mit Gräbern für holländische Tote: Zwangsarbeiter, Insassen der KZ Flossenbürg, Natzweiler und Dachau. Auch dies ist ein beschaulich-andächtiger Platz.
P1000267
Dort gibt es interessanterweise auch Grabplatten, denen man ansehen konnte, dass es jüdische Menschen gewesen waren – hebräische Schriftzeichen finden sich auf ihnen:
P1000265
Auf diesem Friedhof befindet sich eine größere Platte mit den Namen sämtlicher Toter. Vor ihr hatte das holländische Konsulat in Düsseldorf zum Gedenken an das Kriegsende einen Kranz niederlegen lassen.
P1000259
Frische Kränze lagen auch vor dem Ehrenmal.
P1000261
Nun war ich neugierig und ging zum Ehrenmal der deutschen Toten. Dieses besteht aus einem enormen Kreuz am östlichen Ende der Gräberstätte.
P1000243
Vor dem Kreuz ist eine Platte mit einer Inschrift angebracht.
P1000241
Ich schaute, ob da irgendwo zum Gedenken der Toten ein Kranz liegt – ein paar Blumen oder eine Anordnung aus Kerzen, aber da war…. nichts.
Kein Kranz. Kein Blumenstrauß. Kein offizielles Gebinde. Nichts.
Doch halt. Etwas war da. Direkt vor der Platte stand eine Kerze. Eine einzelne, kleine Kerze. Jemand musste sie heute dort abgestellt haben, denn sie brannte noch.
P1000268
Dieses einzelne, kleine Licht leuchtete dort. Und würde das wohl auch noch bis in die Nacht hinein tun.
Irgendwie getröstet und auch etwas amüsiert ging ich nach Hause.

2 Kommentare zu “Zum 08. Mai

  1. Wie ein stiller Winkel hinter einer Wegbiegung, unverhofft, mitten im lauten Internet… Plötzlich steht die Zeit still, die Welt hält den Atem an – wie kam ich hierher? Ein Link in einem Forum, das heutige Datum. Und dann die stille Wiese mit den Gräbern, die verlorene, einzige kleine Kerze – hier. Gleich hinter der Wegbiegung. .

    Heute habe ich zum ersten Mal seit 50 Jahren geweint.

    8.Mai 2015

  2. Früher waren in unserem Dorf jahrhundertealte Familiengräber, sie waren Eigentum der Familie. Dann kamen die Demokraten und beschlossen, dass alle 25 Jahre das Grab erneut zu bezahlen war und erhoben jährlich Gebühren. Die Dörfler konnten die Kosten schließlich nicht mehr aufbringen und die Familiengräber wurden eingeebnet.
    Der alte Friedhof wurde schließlich geschlossen. Im neuen Friedhof liegen aus Kostengründen die Eingeäscherten ohne Grabplatten…auf diese Weise wird die Geschichte unseres Volkes auch auf den Friedhöfen ausgelöscht.
    Ganze Arbeit leisten unsere Volkszertreter, wahrlich bis zum kleinsten Bürgermeister samt Gemeinderat und Verwaltungsangestellten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s