Nochmals zum Fall Tugce

Letztes Jahr im November war es, da kam vor einem McDonalds in Offenbach (den ich auch hin und wieder frequentiere) eine junge Frau zu Tode: Die damals 23jährige Studentin Tugce A. wurde durch einen polizeilich bereits aufgefallenen jungen Mann, den achtzehnjährigen Sanel M., zu Tode geprügelt.

So war zumindest die Darstellung in der Presse. Schon damals gab es indes Beobachter, die die herrschende Erzählweise kritisierten bzw. anzweifelten. Der Blogger Hadmut Danisch aus Berlin ging in verschiedenen Beiträgen auf die Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung ein. http://www.danisch.de/blog/2015/01/22/anti-tugce-und-das-ende-der-medien-wie-wir-sie-kannten/

Auch ich versuchte mich an dem ein oder anderen Beitrag, der das Geschehen möglichst objektiv und neutral zu schildern versuchen sollte. https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/02/06/wieder-der-fall-tugce/

Nun hat der Prozess des mutmaßlichen Totschlägers Sanel M. in Offenbach begonnen. Wieder überbietet sich die Volkspostille (die mit dem B) in Aufmachern, die die Schuld schon vor Ende des Prozesses dem vermeintlich feststehenden Gewalttäter anlasten.

Indes mag dieser Prozess dazu führen, dass wir am Ende erfahren „wie es tatsächlich war“ und sich diese Darstellung dann von der im Moment noch herrschenden Version erheblich unterscheiden wird. Diese Version hat schon und wird weiterhin Federn lassen.

Die Anfangsversion war ein reines Schwarz-Weiß-Bild: Ohne dass bereits irgendwelche Erkenntnisse aus den polizeilichen Ermittlungen vorlagen, nahm man die Zeugenaussagen mancher Beteiligter für bare Münze und gab die folgende Version zum Besten:

Danach hatte Tugce mit ihren Freundinnen im McDonalds gespeist und dabei bemerkt, wie zwei Mädchen auf dem Frauenklo von Männern (darunter der spätere Täter) belästigt worden wären. Tugce hätte das alleine unterbunden bzw. hätten ihr dann ein paar andere Männer geholfen, die Täter hinaus zu komplettieren.

Diese hätten Tugce und ihre Begleitung obszön beschimpft und dann vor dem Lokal auf sie gewartet. Als Tugce und ihre Freundinnen dann aus dem McDonalds gekommen wären, hätte ich der Täter Sanel M. auf sie gestürzt und ihr mit voller Kraft gegen die Schläfe geschlagen.

Von diesem brutalen Schlag getroffen, sei Tugce zu Boden gestürzt, mit dem Kopf auf den Beton geknallt und ohnmächtig geworden bzw. an der daraus resultierenden Kopfverletzung gestorben. Soweit die Eingangsdarstellung in der Presse. http://www.bild.de/regional/frankfurt/frankfurt-am-main/hirntod-studentin-tugce-wird-sterben-38728784.bild.html

Was folgte, waren Elogen auf Zivilcourage, Aufrufe zu Demonstrationen, Vorabverurteilungen des vermeintlichen Täters und alle möglichen weiteren Aktionen: Ein Kerzenlichtermeer vor dem McDonalds, ein Kondolenzschreiben des Bundespräsidenten, Aufrufe zur Benennung einer Brücke in Offenbach nach Tugce, zur posthumen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes etc.

Scharen von Psychologen, Soziologen, Journalisten und anderen Schreibtischtätern beglückten die Republik mit ihren Ergüssen zur Symbolik des Geschehens: Es sei ein Hinweis auf die Notwendigkeit (wie die Gefahr) von Zivilcourage in unserer Gesellschaft, ein Exempel für gelungene wie misslungene Integration, ein Fanal der Gewalt gegen Frauen etc. pp.

All dies, ohne dass in irgendeiner Weise hinterfragt worden wäre, ob sich denn auch alles so zugetragen hatte, wie es denn anfänglich geschildert worden war…..

Nebenbei: Ein Vorgang, der von anderen Darstellungen wie dem NSU-Prozess, dem Absturz von MH 17, von Germanwings etc. irgendwie bekannt vorkommt. Frei nach Nietzsche wird eifrig von jedem seine Galle erbrochen, während das Gericht noch gar nicht verdaut ist (und dies nennt man dann Zeitung).

Nun hat jedenfalls der Prozess in Offenbach begonnen und es ist abzusehen, dass die Anfangsversion des Geschehens starke Veränderungen erfahren wird (wieweit diese freilich offen kommuniziert werden, ist eine andere Frage). Auch, inwieweit die Gerichtsbarkeit einem Druck unterliegt, ein politisches Urteil zu fällen.

Es ist zu betonen, dass die anfänglich kolportierten Geschichten vom brutalen Totschläger (der nebenbei im Gefängnis, in welches er in Untersuchungshaft gesteckt worden war, verprügelt wurde, wobei ihm das Nasenbein gebrochen wurde) – http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region/fall-tugce-mutmasslicher-taeter-von-mithaeftling-verpruegelt-13405348.html – bereits hatte Federn lassen müssen.

So hatten Teile der Presse nachträglich berichtet, dass die verbalen Aggressionen vor dem Geschehen wohl von beiden Seiten ausgegangen waren. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/tugce-albayrak-und-sanel-m-beschimpften-sich-gegenseitig-a-1017127.html

Auch ließ sich auf dem von Überwachungskameras aufgenommenen Video klar erkennen, dass die Anfangsdarstellung vom Täter, der sich plötzlich und unvermutet auf Tugce gestürzt hätte, nicht stimmen konnte:

Im Video lässt sich klar sehen, dass der spätere Täter an der Gruppe, in der Tugce A. ist, vorbei und zu seinem Auto geht. Von dort rennt er wenig später wieder zurück und will sich der Gruppe nähern, wovon ihn ein Freund zurückzuhalten versucht.

In diesem Gerangel der beiden Männer ist es Tugce, die plötzlich und unvermutet auf den jungen Mann zuläuft bzw. sich in das Gerangel der beiden einmischt. Aus diesem Gerangel heraus fällt sie plötzlich zu Boden.

Der vermeintliche Täter macht eine Geste, die wie ein „Tut mir leid“ anmuten mag und begibt sich mit dem anderen Mann zum Auto. Das ganze kann man hier ansehen: https://www.facebook.com/video.php?v=10152892430968442

Angesichts dieses Videos allein, lässt sich die Anfangsversion keinesfalls aufrecht erhalten. Nicht Sanel M. hat sich auf Tugce gestürzt, diese ist vielmehr von sich aus auf den jungen Mann zugegangen.

Die Gerichtsverhandlungen dürften weiteres Licht in die Angelegenheit bringen. Gleich zu Beginn hat sich schon mal die Eingangsdarstellung der Zivilcourage insofern relativiert, als die beiden auf dem Damenklo angeblich belästigten Mädchen in ihren Aussagen erklärten, nicht belästigt bzw. bedroht worden zu sein.
http://web.de/magazine/panorama/tugce-gericht-wende-30601710

Damit wird aber (wenn sich dies durch weitere Zeugenaussagen bestätigt) aus der vermeintlichen Zivilcourage schlichte Einmischung in die Angelegenheiten von anderen. Dass sich diese Jungs nicht auf dem Damenklo hätten aufhalten sollen, ist auch klar – aber nicht jeder, der sich auf einem Klo des anderen Geschlechts aufhält, ist allein deswegen ein Verbrecher.

(Dann müsste bei Gender Veranstaltungen, bei denen manche Damen stolz die Herrenklos aufsuchen, zu oft die Polizei einschreiten. Doch weiter).

Es ist anzunehmen, dass in Folge der weiteren Ermittlungen und Auswertungen der polizeilichen Erkenntnisse (wenn sie denn öffentlich gemacht werden), das Bild des rettenden Engels weitere Brüche erleiden wird.

Schon vor der Verhandlung gab es z. B. die Gerüchte, beide, Täter wie Opfer, seien alkoholisiert gewesen. Von dem, was man jedenfalls bisher weiß, erscheint die folgende Darstellung des Ablaufs als die weitaus realistischere:

An diesem Abend mischt sich Tugce in einen Anmachversuch der jungen Männer gegenüber zwei minderjährigen Mädchen auf dem Damenklo ein. Beleidigungen fallen von beiden Seiten, die jungen Männer verlassen das Lokal bzw. werden von anderen hinauskomplimentiert.

Auf dem Parkplatz finden sich kurz darauf auch Tugce und ihre Freunde bzw. weitere Unbeteiligte ein (der zeitliche Ablauf ist dabei noch unklar). Weitere Beleidigungen folgen von beiden Seiten. Eine der beiden Parteien, die des späteren Täters, steigt in ihr Auto.

Plötzlich aber kommt der Täter (offenbar in Rage) zurück. Ein Freund versucht ihn davon abzuhalten, sich auf die Gruppe, in der Tugce steht, zu stürzen. Auf einmal geht Tugce auf ihn zu bzw. greift aktiv in das Gerangel der beiden jungen Männer ein.

Sie erhält offenbar einen Schlag oder eine Ohrfeige (was aber nicht genau zu erkennen ist – es ist ebenso möglich, dass sie zuerst versucht hat, Sanel M. eine Ohrfeige zu verpassen und dann eine gewischt bekam), fällt zu Boden und so unglücklich auf denselben, dass sie eine Blutung erleidet, durch die sie später ins Koma fällt.

Nun stellt sich die Frage: Diese sehr viel realistischere Version hätte ohne Probleme bereits nach einem Tag in den Medien verkündet werden können. Stattdessen hat man eine Heiligenfigur errichtet, ohne dass eine Heldentat vorlag.

Warum? Ist es die so sehr zeitgetriebene Arbeit der Journalisten, die keinerlei Möglichkeit von mehr Innehalten und gründlicher Recherche bietet -von Reflektion und „Moment mal!“? Oder muss man als Journalist einfach auf den Zug aufspringen, auf dem schon alle sitzen? Copy und Paste und fertig?

Werden die Medien gesteuert, wie manche Journalisten aussagen (s. das Buch von Udo Ulfkotte etc.)? Oder werden einfach politisch in ein bestimmtes Muster passende Erzählungen so ausgeschlachtet?

Wahrscheinlich ist es eine Kombination mehrerer Faktoren. Hinzu kommt natürlich Folgendes: Tugce A war eine junge Frau. Hübsch anzusehen, auf vielen Bildern im Netz nachträglich präsent, vermeintlich stark, selbstständig, wohl auch intelligent etc.

Zudem ein Beispiel gelungener Integration. Vielleicht war es auch aus diesen Gründen her, dass diese Geschichte so einseitig und so lange durch die Medien geisterte. Und trauriger weise ein solch großes Echo bei vielen fand.

All diese Aufrufe „Tugce, wir lieben Dich! – Tugce, Du Engel! – Du Wundervolle, wir denken an Dich etc.!“. All dies von wildfremden Menschen gemacht. Nichts in dieser Art hat es für Daniel K. aus Kirchweyhe gegeben, der von einer Türkengang tatsächlich und nicht vermeintlich zu Tode geprügelt wurde.

Maria in Berlin, die das Kind von ihrem Freund austragen wollte und dafür von ihm angezündet wurde, wird keinen Straßennamen zieren. Und der Busfahrer, der einen Raub verhindern wollte und dafür zu Tode kam, hat keine Kerzenlichtermeere erzeugt.

Dass eine Gesellschaft sich nach Heldengeschichten sehnt….. dass sie nach ihnen giert und bitte junge und schöne Helden haben will, deren Geschichte in die herrschenden Denkmuster passen soll, ist irgendwo verständlich.

Unsere Jungs am Hindukusch – die dürfen keine Helden sein. Unmöglich. Dazu ist der Anti-Militarismus zu stark. Männer allgemein? Eher schwierig – Polizisten und Feuerwehrleute machen schließlich nur ihren Job.

Aber eine junge, hübsche Frau, Türkin, intelligent, voller Zukunft und mit einem tragischen Ende – das passt wohl schon eher. Zwei Dinge sind also an dieser Geschichte traurig – oder nein, drei:

Natürlich, dass es eine Tote gab. Die arme Tugce A. ist tot.

Ebenso traurig ist aber, dass so viele Menschen in ihrem Bedürfnis nach emotionalem Ausdruck Rationalität und Denken so sehr zur Seite stellen. Das freut die Manipulatoren und lässt die Freunde der Freiheit sich grausen.

Und fast noch trauriger ist, dass in unserer vermeintlich so freien Presse, diese so simplen Zusammenhänge, die jeder Mensch mit ein bisschen normalen Verstand in 2 – 3 h Recherche erkennen könnte, so gar nicht oder allenfalls unter ferner liefen dargestellt werden.

Diese Gesellschaft wird nicht immer freier. Sie wird im Gegenteil immer dogmatischer, immer ideologischer und immer hysterischer. Der Vorgang um Tugce A. ist dafür ein gutes Beispiel.

Ohne triftige Sachbeweise wird eine Geschichte errichtet, ein Geschrei angestimmt und allerorts Betroffenheit bekundet. Das sind aber keine Merkmale einer freien, kritischen und selbstbestimmten Gesellschaft.

Das ist etwas, was wir eigentlich nur aus dem Fernsehen kennen sollten (und da lachen wir auch dort darüber: Wenn in irgendeinem Amifilm die Menge angesichts einer kitschigen Szene „Oh“ und „Ah“ ruft. Doch genau eine solche Reaktion liegt hier vor)!

Die Reaktion einer emotional kindischen Masse und die zwar irgendwo verständlichen, aber oberflächlichen und letztendlich unehrlichen Beileids- und Betroffenheitsbekundungen von Hinz und Kunz.

Denn wäre es ehrlich gemeint, müssten solche Leute ja auch für Daniel aus Kirchweyhe ein Lichtermeer anzünden. Oder für Maria oder den unbekannten Busfahrer.

Kurz: All dies ist nicht gut. Was aber Mut macht: Noch gibt es Menschen, die erkennen und wissen wollen. Die hinter die Fassade blicken wollen. Und solange es die gibt, gibt es auch Hoffnung.

Und auch dafür ist der Fall Tugce A bzw. die Reaktion an manchen Orten ein gutes Beispiel.

3 Kommentare zu “Nochmals zum Fall Tugce

  1. Pingback: Immer enger, leise, leise….. | nachrichtenaushinterland

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