Das Gefängnis VII – Spitzel und Verräter

In einem guten Gefängnis sollten auch die Gefangenen gegeneinander eingestellt sein. Sich belauern. Bespitzeln. Bereit sein, sich zu verraten. Genau das funktioniert in unserer Welt immer besser. Zwar hat’s den Verrat schon immer gegeben – aber die Möglichkeiten heute sind für Verräter geradezu traumhaft.

Denn die Technik ermöglicht es, jeden jederzeit und an jedem Ort verraten zu können. Und man darf sich dabei gut fühlen, wenn es der herrschenden Lehre entspricht. Das ist das so ungemein Schlaue daran. Lass den Verräter sich nicht schämen – sondern sich gut fühlen!

Wie geht das? Einfach. Lasse alle wissen, was man keinesfalls sagen oder tun darf! Lege die Grenzen enger und enger. Gib Beispiele für frauenfeindliches Verhalten, für rassistisches Verhalten, für faschistisches Verhalten etc.

Lass bestimmte Begriffe zu Tabubegriffen werden. Fange mit kleinen Begriffen an. Neger. Zigeuner. Kanake. Mohrenkopf. Negerkuss. Nimm nach und nach mehr und mehr Begriffe dazu, so dass Menschen wissen, dass allein den Begriff zu sagen schon Beispiel böser Gesinnung ist. Böse ist.

Wer noch dagegen anspricht, ist rückwärtsgewandt, tumb, uncool…… und bald gar ein Rassist, ein Nazi, sexistisch etc. Und das funktioniert! Denn mit einer Technik, die es möglich macht, alles zu teilen und damit auch zu verurteilen, sind der Kontrolle und der Denunziation alle Möglichkeiten offen.

Du machst einen dummen Witz über Schwarze und Aids und postest ihn online? Zack – tausende hassen Dich, Du verlierst Deinen Job, Dein Leben wird unschön. Und alle Verurteiler fühlen sich gut. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/twitter-shitstorm-gegen-justine-sacco-wegen-unbedachtem-tweet-13442256.html

Du machst einen Witz, den eine Frau als sexistisch empfindet und das auf Twitter veröffentlicht – oder Du machst eine Pose vor einem Friedhof, die andere als pietätlos empfinden – und wieder verliert jemand seinen Job, wird von tausenden Menschen verurteilt.
http://www.theguardian.com/technology/2015/feb/21/internet-shaming-lindsey-stone-jon-ronson

Du machst Dich über Adolf Hitler lächerlich, indem Du ein Bild von Dir mit Hitlerbärtchen machst. Und genau das wird Dir zum Verhängnis. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/lutz-bachmann-pegida-gruender-spielt-hitler-13382531.html

Die Strategie ist perfekt: Jeder hat ja etwas, wegen dem er oder sie sich beleidigt fühlen kann. Oder verängstigt. Oder bedroht. Jetzt mache ich das als Gefängnisbetreiber so, dass ich die Leute wissen lasse: If you see something, say something! (USA) Melde fremdenfeindliches Verhalten! Melde Rassismus! Melde Sexisten! Melde Nazis! Was ein Nazi ist? Das ist vage und schwammig – genau wie Rassismus oder Sexismus.

Der hat mir auf die Beine geschaut! Sexismus? Der hat „Neger“ gesagt! Rassismus? Vielleicht gar schon ein Nazi. Immer drauf!

Das Schöne: Es ist dank der Technik ein Leichtes, andere anzuschwärzen. Und wen man mit Dreck bewirft, an dem bleibt auch etwas hängen. So die Devise. Und es funktioniert.

Keiner hat ja mehr Zeit, wirklich zu recherchieren. Also glauben wir einfach mal, was uns da gesagt wird. Wird schon was dran sein an den Vorwürfen. Und die Backen aufblasen: Nein, wirklich – so was sagt man doch auch einfach nicht!

Und so – ganz ungesehen und anonym – werden Existenzen vernichtet. Menschen entrechtet. An den medialen Pranger gestellt und jeder darf mit dem Finger drauf zeigen: DUUUUUU – Du böser Mann Du! Pfui!!

Und damit daran auch künftig kein Mangel ist, werden die Kreise, was rassistisch etc. ist, immer enger gezogen. Wer „Ghetto“ sagt, kann damit künftig ein Trauma auslösen. Kein Scherz. Wer „Schwarzer“ sagt, auch. In den USA ist das schon an manchen Orten so. Das Wort „Nigger“ wird schon komplett vermieden – es ist ABSOLUT Tabu! Freie Rede? Nicht, wenn sie Traumata auslösen kann, nicht, wenn sie rassistisch ist! https://www.youtube.com/watch?v=HwF9SFaKy6U

Bei uns sind es andere Begriffe. Als Worte sind es die schon erwähnten Begriffe wie Neger, Zigeuner, Ausländer etc. Wer dies noch sagt, zeigt schon eine bestimmte Gesinnung. Als Themenkomplex gibt es außerdem den Holocaust. Dieser darf außer mit Bestürzung und Demutsgesten nicht behandelt werden. Freie Rede? Nicht bei diesem Tabu! https://www.youtube.com/watch?v=ny71AjdnwS0

Als weiteres Hilfsmittel werden immer weitere Definitionen von Diskriminierung geschaffen. Du kannst etwas gegen Behinderte haben: Dann bist Du Ableist. Du kannst einem altertümlichen Familienbild anhängen: Dann bist Du ein Familialist. Du hast etwas gegen Frauen: Du bist ein Angry white Man. Usw. usf.

Da diese Definitionen immer weiter gefasst werden, gibt es auch immer mehr Verstoßmöglichkeiten. Genial! Das logische Ende wären Zustände wie diese hier, in denen wir uns laufend gegenseitig versichern müssen, dass wir keine Rassisten/Sexisten etc. sind: https://www.youtube.com/watch?v=XM-HJT8_esM

Und so lässt sich beständig anderen Sachen unterstellen und lassen sich Debatten verhindern. Kritik am Feminismus? Du bist ein Angry White Man. Kritik an der Einwanderungspolitik? Du bist ein Nazi. Kritik an Ausländern? Du bist ein Rassist. Usw. usf.

Natürlich gibt es Rassisten, Nazis, Frauenfeinde etc. Aber die besiege ich nicht, indem ich den Gebrauch von Worten unterbinde. Indem ich Debatten verhindere. Indem ich bestimmte Witze als gefährlich kennzeichne. Und auch nicht, indem ich all dies melde. Aber das wird den Gefängnisinsassen nicht vermittelt!

Stattdessen werden Bestimmungen und Möglichkeiten geschaffen, jemanden lebenslang wegen einmal gemachter tatsächlicher oder vermeintlicher Fehler zu verfolgen (s. https://nachrichtenaushinterland.wordpress.com/2015/02/20/das-gefangnis-vi-oder-wir-sind-alle-verbrecher/ ).

Und es ist sehr interessant, zu lesen, inwiefern die „Verurteilten“, die irgendwann wieder vom Pranger herunterkönnen, ihr Verhalten ändern. Der Mann, der seinem Kollegen den „sexistischen“ Witz erzählte (im Beispiel des Guardian), erzählt Frauen künftig keine Witze mehr. Die Frau, die sich als Vaterlandsverräterin abgestempelt sah, erzählt Männern nichts mehr von sich. Vorsicht….. Feind hört mit! (Wer sich erinnert, WANN es diese Parole gab, erahnt auch den bösen Treppenwitz der Geschichte dahinter besser – Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich!).

Es ist aus Sicht derjenigen, die die Gesellschaft steuern, genial: Wer die Schlüsselbegriffe verwendet, zeigt seine böse Gesinnung. Und wer sich angegriffen fühlt durch diese Begriffe – der handle! Nicht, indem er den „Verursacher“ seines Leids direkt anspricht, mit ihm gar das Gespräch sucht – sondern besser anonym.

Eine Anzeige, ein Twitter-Posting, ein Melden im Netz – und tausende schwimmen mit Dir mit auf dieser Welle der Empörung. Wie wunderbar!

Das logische Ende – eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr offen miteinander reden, in der nur noch geflüstert wird an manchen Stellen….. und auch dies ein BÖSER Ulk der Geschichte! Gut, dass kaum jemand Orlando Figes kennt. http://www.berlinverlag.de/buecher/die-fluesterer-leben-in-stalins-russland-isbn-978-3-8270-7027-2

ABER – tönt es da: Es ist doch ein gewaltiger Unterschied! Unter Stalin wurden diese Flüsterer ins Lager gesteckt! Bei uns doch nicht! Gut, man mag seine Arbeit verlieren, die Freunde mögen sich von einem abwenden und man bleibt für die nächsten Jahre gebrandmarkt – aber man verliert nicht das Leben.

Das stimmt – das LEBEN verliert man nicht….. Jede Gesellschaftsform sucht sich die Strafen aus, die zu ihr passen. Die grausame Zeit der Konzentrationslager vom Gulag liegt hinter uns – es gibt keine Konzentrationslager mehr. Aber es gibt immer noch soziale Ächtung und den Ausschluss aus der Gemeinschaft bzw. im Extremfall das Gefängnis.

Und all dies wird bei uns praktiziert.

Und das besonders Perfide ist, dass der Verräter, im Bewusstsein, das Richtige getan zu haben, den Sexisten/Rassisten/Nazi/Frauenhasser etc. bekämpft zu haben, sich gut fühlen darf….. was er dabei vergisst, ist, dass er unter den all den Begriffen das Wesentliche vergessen hat – den BRUDER und die SCHWESTER im anderen zu sehen.

Aber es gibt doch Nazis! Tönt es schon wieder. Und es gibt doch Rassisten! Natürlich gibt’s die. Aber nicht jeder, der bestimmte Begriffe gebraucht, ist ein Rassist. Nicht jeder, der bestimmte Themen kritisch anspricht, ist ein Nazi. Es kommt IMMER auf das Gesamtbild an!

Was uns gerade gelehrt wird – in Kategorien von Gut und Böse zu denken, bestimmte Begriffe automatisch mit bestimmten Denkweisen zu verbinden – das ist nur etwas, das zu neuen Hexenverfolgungen führt. Zu Hysterie und Paranoia.

An Hexen hat auch jeder geglaubt! Hexen gab es! Und heute gibt es überall Nazis und Rassisten und alle möglichen anderen Schweine. Die gehören bestraft! Denen muss man nicht zuhören! Einsperren und weg!

Das…. ist die Gesellschaft auf die wir uns zubewegen. Ein Gefängnis, in dem alles, was Du sagst, jederzeit gegen Dich verwendet werden kann. Das Ergebnis werden öffentliche Gespräche wie Fussballinterviews sein.

Glatt, nicht aneckend, stereotyp. Einheitlich. Ohne Diskriminierung. Ohne echtes Leben. Ohne echtes Lachen. Das da drunter Gärende sucht sich dann seinen Weg. Wenn es hochkommt, wird es bestraft. Aber es wird bestimmt genug Mittel zur Ruhigstellung geben.

Das Gute: Das LEBEN ist stärker als alle Dogmen und Verwirrungen des Geistes. Es wird sich seinen Weg suchen….. und finden.

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