Pornographie

Pornografie, früher Schmuddelkram und heute teilweise anerkannte Kunstform – was bedeutet sie genau und in welchen Kontext kann oder sollte man sie stellen in unserer Gesellschaft? Pornografie ist zunächst mal rein wörtlich und praktisch die Darstellung des sexuellen Akts. http://de.wikipedia.org/wiki/Pornografie

Bestimmt hat die Darstellung von Menschen beim Sex zu allen Zeiten fasziniert. Im Mittelalter finden wir derbe Verse (Oswald von Wolkenstein), Wandgemälde im alten Rom, im ersten Weltkrieg kursierten entsprechende Heftchen mit teils sehr drastischen Inhalten – kurz, es ist nicht so, dass die Pornografie neu wäre. Es hat sie in der ein oder anderen Form immer gegeben.

Neu ist die Verfügbarkeit durch Internet – überall und jederzeit – und die zunehmende Anerkennung als „normal“ oder zur Gesellschaft zugehörig. Und hier können wir mal genauer hinschauen:

Zum einen ist Pornografie heute ein enormer Wirtschaftsfaktor. Der Umsatz der Pornoindustrie wird weltweit auf knapp 100 Mrd. Dollar geschätzt. Zum anderen ist die Pornografie wie gesagt gesellschaftsfähig geworfen – Pornostars werden in Talkshows eingeladen, schreiben vielgelesene Biographien, können sogar Karrieren nach der Porno-Karriere starten.

Also alles in Ordnung – Pornografie als Ausdruck sexueller Freiheit? Nein. Vielmehr ist oder kann Pornografie auch ein Mittel der Steuerung, der Beeinflussung sein. Dazu müssen wir etwas tiefer blicken.

Einmal ist die Herstellung von Pornos selber etwas, was den Liebesakt beeinträchtigt. Man stelle sich einfach vor, wie es wäre, wenn man beim Sex mit seinem Partner von anderen Menschen beobachtet wird. Ein schönes Gefühl? Für die meisten wohl nicht. Dann stelle man sich vor, dass man innerhalb kurzer Zeit zum Abschluss kommen muss, bestimmte Stellungen dabei einzunehmen und das Ganze mit einem wildfremden Menschen zu vollziehen hat – im Licht von Scheinwerfern, gefilmt, korrigiert (mehr so! Kamera mehr dahin!), dirigiert und wie gesagt im Zeitdruck.

Kurz: Man merkt, oder besser, ich merke den meisten Pornos den Druck an, unter dem sie erstellt wurden. Und da mich das nicht antörnt, schaue ich kein youporn mehr, was ich natürlich auch eine Weile getan habe. Aber dazu später mehr.

Dass sich eine Frau UND ein Mann wirklich hingeben und im Liebesakt sich selbst vergessen – das habe ich im Porno noch nie gesehen. Es ist wie andere Schauspielerei ein Geschäft. Und ein Schauspiel imitiert das Leben, kann in Teilen das Leben echt wiedergeben – aber nie gänzlich. Also halten wir fest: Pornografie ist Schauspielerei – und dazu noch oft von grottenschlechten Schauspielern ausgeführt (unter dem Aspekt des Amüsements können Pornofilme bzw. die Dialoge in ihnen wiederum witzig sein. „Ich hör die Glocken läuten Baby“ und ähnliche Zitate brachten unsere Clique früher arg zum lachen).

Wie gesagt ist um den Sex große Faszination – jeder normale junge Mensch WILL Sex, ist interessiert am Sex, fasziniert! Da ist es normal, dass man auch Dinge sehen will, erregt werden will. Ich denke, grade für Jungs (wohl auch für Mädchen) ist es normal, sich da neugierig vorzutasten. Wir als Jungenclique saßen auch, als das Elternhaus frei war, zusammen vorm Videorecorder und schauten uns „Die Arsch …. Party“ an.

Es hat uns, würde ich sagen, nicht geschadet (uns nur sehr peinlich berührt, als die Nachbarstochter zufällig durch den Garten dazu kam). 🙂 Aber auch hier ist wieder ein großes Aber: Ich habe vielleicht 20 oder 30 Pornofilme in meinem Leben gesehen. Nicht allzu viel.

Clips auf youporn natürlich viel mehr. Hunderte – vielleicht sogar über tausend. Doch wie erwähnt schaue ich das nicht mehr, worauf ich nun genauer eingehen will. Nicht aus soziologischen Gründen – weil es frauenfeindlich wäre oder abstoßend, erniedrigend oder pervers oder einfach nicht gottgefällig. Nein.

Sondern einfach, weil ich den Schauspielern anmerke oder besser fühlen kann, dass es nur geschauspielert ist. Nicht echt. Und weil durch dieses Unechte und Platte auch etwas Unechtes und Plattes in meine Vorstellung von Sex kam. Oder besser: Das dort gezeigte, die Riesenschwänze und die ewig geilen Frauen sind platte Abziehbilder der Realität. Gekünstelte Abziehbilder.

Hier muss ich allerdings zum Verständnis noch mal etwas ausholen: Nichts gegen das dunkle Element vom Sex. Dominanz etc. Wer das gemeinsam leben kann, soll das tun. Nur wird das – so scheint mir – zum Prinzip in Sexfilmen erhoben bzw. bewusst verstärkt. Frauen als Fotzen, die immer „Fick mich“ stöhnen oder Männer, die Frauen als Schlampe und anders betiteln.

Dass der Sex aus noch viel mehr Elementen besteht, kann in Pornofilmen nicht zum Vorschein kommen. Die zärtliche Seite, die spielerische, die neugierige und entdeckungslustige Seite vom Sex KANN in Pornofilmen nicht erscheinen, wie auch? Dazu braucht es Leben – und Pornofilme sind Schauspiel, nicht Leben.

Und Sex ohne Hingabe, ohne Vertrauen, ohne Liebe, ohne WIRKLICHES Verschmelzen braucht starke Reize. Jeder, der sexuelle Fantasien hat (wogegen nichts einzuwenden ist), dürfte, wenn er ehrlich zu sich ist, zugeben, dass diese Fantasien „verbotene“ Dinge umfassen können – dominant sein, sich unterwerfen, sich vor anderen selber befriedigen, mit mehreren Partnern Sex haben etc.

Es ist vollkommen gesund, solche Fantasien zu haben. Und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, sie auszuprobieren. Aber dann doch in einem Umfeld des Vertrauens und der Hingabe. Nicht auf einem „wir ficken uns frei“-Seminar.

Denn das ist der nächste Punkt: Man kann sich mit wildfremden Menschen ausprobieren und seine Grenzen erweitern. Nichts dagegen. Aber wer seine Grenzen gar nicht achtet bzw. sie mit Gewalt ausweitet, dem geht etwas in seinem Inneren kaputt. Oder kann kaputt gehen.

Man sieht das teilweise an älteren Pornodarstellerinnen, die verlebt, ausgebrannt oder nicht mehr ganz klar wirken. Da geht etwas in den Menschen verloren, scheint mir, die beim Sex zu sehr über ihre Grenzen gehen. Das ist das Eine.

Das andere ist, dass, indem man suggeriert, dass alle diese Hochglanzformen von Unterwerfung (Shades of Grey) so toll sind, man nicht neue Freiheit schafft, sondern neuen Druck. Denn Hochglanz heißt, auch der Sex muss glänzen. Rasierte Geschlechtsteile, geliftete Hodensäcke, gestraffte Busen und gebleichte Arschlöcher (letzteres darf man verstehen wie man will) 🙂 sind kein Ausweis sexueller Freiheit, sondern vielmehr sozialen Drucks. Und Druck tötet die Liebe. Auch die körperliche.

Und hier könnte man den größeren Bogen spannen: Ich habe eine Gesellschaft, die immer weniger im Kontakt mit sich selbst ist. Menschen, die nicht ihrer Bestimmung folgen, die Arbeiten ausüben (müssen), die sie nicht mögen, die immer weniger wissen, was ihnen entspricht, immer weniger erfüllt und immer größerem Druck ausgesetzt sind, zu funktionieren (und dabei noch toll und sexy auszusehen).

Nun lasse ich diese Menschen ihre Scheissjobs machen und sie verdienen einen Arsch voll Geld (oder auch ganz wenig), sind latent frustriert und/oder überarbeitet – spüren sich selbst nicht mehr, verlangen nach starken Reizen.

Nun gebe ich ihnen diese Reize in der Form von Pornofilmen, die jederzeit und überall verfügbar sind. Und dann wird fröhlich konsumiert und sich einen runtergeholt. Dabei kann es zu einer Art Abstumpfung kommen – ist ja logisch, der Reiz braucht immer eine Verstärkung.

Und ich halte es für zumindest möglich, dass grade bei jungen Menschen dabei eine Verschiebung dessen, was Sex ist oder wie er zu sein hat, stattfinden kann. Die Pornografie erzeugt keine Monster – aber sie macht die Liebe (da sie eben nur Schauspiel ist) kälter, mechanischer, normierter.

Und das hat schon längst in unserer Gesellschaft Einzug gehalten. Anweisungen zum richtigen Streicheln des Hodensacks (für die Frau) oder zum korrekten Fingern der Vagina (für den Mann) haben ihren Wert. https://www.youtube.com/watch?v=q-9xXUo9kG4 Und auch einen (einen. Nicht hundert) Porno anschauen, kann lehrreich sein.

Aber den Sex darauf zu reduzieren, ist, wie den Sonnenuntergang auf eine elastische Streuung elektromagnetischer Wellen zu reduzieren.

Der Sonnenuntergang IST das – aber doch auch viel, viel mehr! Ein Sonnenuntergang ist Ausdruck von Seelenstimmung, von „herzerfülltsein“, von Gedichten, Liedern und jemanden-in-den-Arm-nehmen.

Welche Gedichte sollte jemand für einen Pornofilm entwerfen? Oder anders: Wem kam schon der Gedanke, einem Pornofilm ein Gedicht zu widmen? Aber wem kam umgekehrt schon der Gedanke, der Liebsten ein Gedicht zu schreiben, weil das Erlebnis, das gemeinsame körperliche, so intensiv war? Genau.

Die Liebe, auch die körperliche Liebe, ist letztendlich ein Mysterium. Je mehr wir sie ans Licht zu zerren versuchen, desto mehr entschlüpft uns dieses Mysterium, entgleitet und entweicht uns. Ricarda Huch hat es mal in „Luthers Glaube“ so schön gesagt: Die Liebe muss sterben, wenn wir sie ans Licht der Öffentlichkeit zerren.

Und DAS ist, was mit der körperlichen Liebe im Scheinwerferlicht geschieht. Es stirbt etwas von ihr. Jener zarte, unmerkliche Anteil, der sie auch ausmacht. Was übrig bleibt, KANN stark sein – aber auch dumpf und grob.

Nicht anhebend, sondern niederdrückend. Nicht erfüllend, sondern leer machend. Nicht glücklich, sondern süchtig machend. Und das ist wohl heute, wozu Pornofilme dienen. Ein Wirtschaftsfaktor, ein Steuerungs- oder meinetwegen Ablenkungsinstrument. Am Ende läuft es immer wieder auf eine Form von „Panem et circenses“ hinaus. Mehr dazu auch hier: http://www.informationclearinghouse.info/article41008.htm

Kurzer Nachtrag: In einer Gesellschaft, in der alles ans Rampenlicht gezerrt wird, (empfehlenswert zum tieferen Verständnis dessen, wann diese Tendenz begann, übrigens Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit), wird irgendwann auch die Sexualität ganz ans Licht gezerrt, seziert UND gelehrt werden.

Das ist ein Dildo – das ist eine Vagina – so penetriert man von vorn – so von hinten. Damit ist Aufklärung verbunden, aber auch eine Art Beliebigkeit…. Der Zauber geht verloren (scheint mir) und am Ende ist Sex wie Liegestütze – einfach eine körperliche Betätigung, die aber viel mehr sein könnte bzw. das Potenzial zu viel mehr in sich birgt. (S. hierzu auch Wilhelm Reich).

Wir werden sehen, wohin uns diese Entwicklung führt. Hm – wem nützt eigentlich eine Gesellschaft von Menschen, die immer weniger spüren, immer weniger fühlen, immer stärkere Reize brauchen…….?

4 Kommentare zu “Pornographie

  1. Ekel beim Anschauen von sadomasochistischer Schauspielerei zu empfinden, ist kein „soziologischer Grund“ die Pornographie abzulehnen, sondern ein biologischer. Die Ekelempfindung ist eine natürliche Reaktion. Genau wie man Ekel vor Fäkalien empfindet, aber auch das soll ja Menschen anturnen. Die entscheidende Frage ist: Warum?

    Das Wesentliche an Pornographie hast du übersehen: Sie stumpft ab. Es gibt Jugendliche, die sind so abgestumpft, dass sie die Realität nicht mehr anturnt. Pornographie ist entgegen deiner relativistischen Anschauung aus medizinischer Sicht gesundheitsschädlich.

    Gruß
    Sebastian

    • Moin Sebastian,
      ich stimme dahingehend zu, dass der übermäßige Konsum von Pornos sicherlich abstumpft. Hast Du noch nen Link, der Deine Aussage zur gesundheitsschädlichen Wirkung untermauert?
      Schönen Gruß
      Christian

  2. Pingback: Pornolutz und Poppenlinda | nachrichtenaushinterland

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