Ein Beispiel eines Politikers

Richard von Weizsäcker ist kürzlich verstorben. Der einem alten (und politisch sehr aktiven) Adelsgeschlecht entstammende ehemalige Bürgermeister von West-Berlin und sechste Bundespräsident der BRD wurde 94 Jahre alt. Wer sich kurz über sein Leben informieren will: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Weizs%C3%A4cker

Die Reaktionen der Presse sind von Pietät und dem Grundsatz „De mortuis nihil nisi bene“ (über die Toten nichts als Gutes) geprägt. Die Süddeutsche berichtet vom „Glücksfall (Weizsäcker) für Deutschland“, dem Mann, der „Respekt verdiente“ und „über den Dingen stand“. http://www.sueddeutsche.de/politik/richard-von-weizsaecker-ein-jahrhundert-leben-1.2330476

Der Spiegel hebt den Mann hervor, der uns durch seine Rede vom 08. Mai 1985 zum Kriegsende vor 40 Jahren „befreit“ habe, da er damals unmissverständlich die „Befreiung“ Deutschlands hervorhob und schildert ihn scherzend als Teil einer „protestantischen Mafia“ (zusammen mit Marion Gräfin Dönhoff), die einen Gegenpol zum Pfälzer Kanzler Kohl bildeten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/richard-von-weizsaecker-erinnerungen-an-den-bundespraesidenten-a-1016108.html

Die Bild-Zeitung hebt hervor, wie anständig, ehrlich und humorvoll der ehemalige Bundespräsident gewesen sei und dass er vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges in der Wehrmacht seinen Dienst abgeleistet habe. http://www.bild.de/politik/inland/richard-von-weizsaecker/warum-er-mich-stramm-stehen-liess-39582984.bild.html

In der Welt schliesslich finden sich weitere Lobesworte des aktuellen wie eines ehemaligen Bundespräsidenten und weiterer Politiker. Es wird betont, dass er ein Mann von Anstand, Intelligenz, Integrität und Aufrichtigkeit gewesen sei. http://www.welt.de/politik/deutschland/article136979710/Alt-Bundespraesident-Richard-von-Weizsaecker-ist-tot.html

In der FAZ am Sonntag konnte man ähnliches lesen bzw. wurden ähnliche Wesensmerkmale von ihm hervorgehoben. Man könnte natürlich auch noch weitersuchen: https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=richard+von+weizs%C3%A4cker

Auffällig bei diesen fünf von mir durchgesehenen Beiträgen war, dass in allen als ganz wesentlicher Bestandteil seines Wirkens die Rede vom 08. Mai 1985 erwähnt war, in der Herr von Weizsäcker die Umdeutung des 08.05.45 weg vom Symbol der Niederlage Deutschlands hin zum Symbol der Befreiung Deutschlands quasi offiziell vorgenommen hatte.

De mortuis nihil nisi bene.

Was in keiner der erwähnten Beiträge hervorgehoben wurde, waren die schwarzen Flecken auf der vielleicht nur vermeintlich weißen Weste.

So war Richard von Weizsäcker von 1962 bis 1966 geschäftsführender Gesellschafter bei Boehringer Ingelheim, einem großen Chemie-Betrieb. Selbiger ließ laut Spiegel im Jahre 1967 der Firma Dow Chemical eine große Lieferung von Chemikalien zu kommen, die zur Herstellung von Agent Orange dienten, dem in Vietnam eingesetzten Entlaubungsmittel. Dow Chemical stellte dieses Produkt im Auftrag der US Armee her und verkaufte es an diese. Dass Agent Orange die Krebsraten und Missbildungen bei Geburten bei denen, die dessen Wirkstoffen ausgesetzt waren (Vietnamesen, US-Soldaten, auch Arbeiter in Ingelheim) massiv hochschnellen ließ, stellte sich Jahre später heraus. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487619.html

Richard von Weizsäcker jedenfalls betonte, er habe erst Jahre später und voller Bestürzung von diesen Zusammenhängen erfahren. So die Darstellung des Spiegel – und das klingt erst mal auch einsichtig. Aber stimmt es denn auch?

Fakt ist, dass ein ehemaliger Direktor des Mannheimer Amtsgerichts, Rudolf Deichner, im Dezember 1989 (eine folgenlose) Strafanzeige gegen Richard von Weizsäcker wegen Beihilfe zum Völkermord stellte, da bereits unter seiner Leitung die massive Ausweitung der Lieferung von zur Herstellung von Agent Orange dienenden Chemikalien an Dow Chemical erfolgt sei. http://www.luebeck-kunterbunt.de/USA/Agent_Orange.htm

Und tatsächlich – auch im Spiegel-Artikel wird ganz nebenbei erwähnt, dass Boehringer Ingelheim bereits im März 1965 ein Lieferabkommen für diese Chemikalien mit Dow Chemical geschlossen hatte – also während der Zeit des Geschäftsführers Weizsäcker.

Und wenn man wiederum in Wikipedia danach schaut, wann die USA begannen, Agent Orange als Entlaubungsmittel in Vietnam einzusetzen, so findet man als Beginn den 01. Januar 1965. http://de.wikipedia.org/wiki/Agent_Orange

Wenn man nun zwei und zwei zusammenzählt und sich vor Augen führt, dass unsere Presse über manches offener und über manches weniger offen berichtet, so erscheint es schlüssig, dass hier jemand sehr zu Unrecht nach seinem Tod gelobt und gepriesen wurde.

Denn dass der damals geschäftsführende Gesellschafter nicht genau gewusst hätte, wofür und wozu die von seiner Firma gelieferten Chemikalien dienten, ist ja Humbug. Es war für den Krieg! Und es füllte die Auftragsbücher von Boehringer Ingelheim und die Taschen der Geschäftsführung.

Aber nichts davon fand in einer der oben erwähnten Lobreden irgendeine Beachtung. Und dass ein veritabler und hochgelobter Kritiker von Missständen in der Bundesrepublik http://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Deschner
sich in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr kritisch zur Rolle des kürzlich Verstorbenen in Sachen Agent Orange äusserte – auch dies fand nirgends in der Presse Erwähnung. https://www.youtube.com/watch?v=3r_YqXaSimg

Kurz: Wie leider so häufig muss man sich vor Augen führen, dass unsere sogenannte freie Presse wie letztendlich jede Presse rein interessengeleitet ist (d.h. von den Interessen ihrer Geldgeber). Hätte Herr von Weizsäcker am 08. Mai 1985 eine Rede darüber gehalten, dass Deutschland im Jahre 1945 besiegt und besetzt worden war, so wäre mit ziemlicher Sicherheit schon in den achtziger Jahren in der Presse über seine Verwicklungen bei Boehringer deutlicher geschrieben worden.

Zumindest hätte man erwarten können, dass Fragen gestellt werden: Wie viel Geld verdiente Herr von Weizsäcker bei Boehringer Ingelheim? Wann genau begannen die Lieferungen von den Chemikalien für Dow Chemical? Welche Vereinbarungen wurden unter seiner Ägide mit Dow Chemical geschlossen? Warum hat Herr von Weizsäcker gegen die, die ihn als Völkermörder „verleumdeten“, nie Anzeige erstattet (zum Beispiel auch nicht gegen diesen Herrn hier, der im Deschner-Interview erwähnt wird – http://de.wikipedia.org/wiki/Horst_G%C3%BCnter_Roersch ? Wieviele hunderttausend Menschen sind in Vietnam verkrüppelt geboren worden aufgrund von Agent Orange?

Und es bleibt nicht hierbei: Auch zu anderen Dingen könnte es u. U. lohnen, tiefer zu bohren. So gibt es auch das Gerücht, dass Richard von Weizsäcker im April 1945 die ihm untergebenen Soldaten (er war ja Offizier) im Stich ließ. Stimmt es? Vielleicht. Jedenfalls bedürfte es der Aufklärung.

Wer mehr zu diesem in gewisser Weise für den Zustand von unserer Presse und Gesellschaft so exemplarischen Fall Weizsäcker lesen möchte, wird hier fündig: http://www.krieg-info.eu/geschichte-der-usa/item/ein-deutscher-beitrag-zum-vietnamkrieg.html Oder hier: http://www.luebeck-kunterbunt.de/TOP100/Rotarier_von_Weizsaecker.htm

De mortuis nihil nisi bene? Nein – oder nicht alleine. De mortuis nihil nisi veritam! (Über die Toten nichts als die Wahrheit).

A propos: Die ehemalige Herausgeberin der Zeit, Frau Marion Gräfin Dönhoff, http://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Gr%C3%A4fin_D%C3%B6nhoff war als Ostpreussin im Jahre 1945 vor den anrückenden Russen geflohen. In Ostpreussen war sie Herrin eines Gutes gewesen.

Es gibt auch hier das Gerücht, sie habe die ihr anvertrauten Menschen des Gutes (ihr Gesinde) beim Anrücken der Russen zurückgelassen. Sicher ist tatsächlich nur, dass sie alleine einen Ritt von Ostpreussen aus nach Westfalen unternahm und durchkam. Ihr Gut und das dazugehörende Dorf wurden von den Russen eingenommen, 16 Menschen wurden erschossen, 12 in die UdSSR verschleppt, wie viele Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden, ist mir unbekannt. http://de.wikipedia.org/wiki/Kwitajny

Ob das Gerücht stimmt? Wer weiß. Einem eventuellen Zugriff des Gesetzes waren sie immer und bleiben sie beide entzogen, der Diplomatensohn und die Gräfin. Vielleicht aber steht Richard von Weizsäcker nun vor einem anderen Richter. Möge dann dieser das Urteil sprechen.

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