Diskriminierung + Doppeldenk

Am Freitag hatte ich scherzhaft darüber geschrieben, wie es vorkommt, dass man in Amerika in immer mehr Formen für psychisch krank erklärt werden kann – wenn man zuviel isst, zuviel im Internet sich aufhält, zu lange traurig ist, zu nörglerisch ist etc. Der Trend dahinter ist aber durchaus ernst zu nehmen: Der Trend, Menschen in Raster einzuordnen (oder besser einzusperren) und sie dann aufgrund dieser Rastern Behandlungsmethoden zu unterziehen.

Die Botschaft dahinter ist beängstigend – dass jemand sich anmaßt, Menschen in Raster zu stecken ist das eine, das andere ist die Gefahr, dass damit die wahren Probleme nicht angegangen werden, die natürlich gesellschaftliche Probleme sind, Probleme des Bewusstseins, und die auch durch nochmal 377 Definitionen auf die bereits bestehenden 377 Definitionen psychischer Störungen obendrauf nicht gelöst werden können.

Dasselbe lässt sich zu den immer weiter sich ausbreitenden Formen von Diskriminierung sagen. GEGEN Diskriminierung zu sein ist dann notwendig, wenn offensichtliche Diskriminierung herrscht. Die Apartheid in Südafrika, die Nürnberger Rassengesetze, das Vorgehen gegen Kulaken, d.h. Großbauern in der Sowjetunion etc. – all dies waren staatlich geförderte Formen der Diskrimination gegen die es wichtig war, die Stimme zu erheben (was freilich – man beachte – oft erst möglich war, als die politischen Verhältnisse sich grundlegend geändert hatten).

Heute aber haben wir im Westen keine Gesetze mehr, die ähnlich gegen Homosexuelle oder Minderheiten oder Frauen oder irgendwelche Menschen gerichtet sind (nur vor den Apologeten des Hasses müssen wir bzw. die Minderheiten geschützt werden….). Vielmehr haben wir den wahrscheinlich höchsten Grad an Freiheit des Ausdrucks erreicht, den es gibt. (Ausnahme die erwähnten hasserfüllten Menschen – doch zu denen an anderer Stelle mehr). Paradoxerweise erwächst genau aus dieser Freiheit eine neue Gefahr:

Die gestern noch diskriminierten Minderheiten hören nicht auf, Forderungen zu erheben und zu betonen, dass sie weiterhin diskriminiert werden. Und es wird durchweg gefordert, dass man bestimmte Minderheiten doch unbedingt schützen muss und entlässt dazu Verordnungen – gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Islamphobie, gegen Homophobie, gegen Ableismus, gegen Sexismus etc.

Diesen Dingen gemein ist, dass

a) die Grenzen fliessend sind – was gestern noch nicht rassistisch war (ein Witz über Türken) ist es plötzlich heute oder was gestern ein harmloser Ausdruck war (Fräulein) ist heute Zeichen sexistischer Gesinnung etc.

b) es äusserst schwer ist, den Vorwurf, man sei rassistisch oder sexistisch etc. zu entkräften, da die Grenzen eben fliessend sind – wenn ein Rainer Brüderle eine Journalistin anmacht oder das ZDF die Kamera auf die Beine einer Frau hält, ist das sexistisch bzw. wird von manchen dafür gehalten und von anderen nicht und ist wie gesagt somit schwer zu entkräften (was unterschiedliche Wahrnehmung angeht sagte Mick Jagger mal so schön: One man’s playboy is another man’s pornography)

c) es nie zu einem Zustand kommt, in dem die fordernde Partei sagt: Jetzt ist es genug, wir haben genug Verordnungen gegen Antisemitismus oder gegen Rassismus – wir sind genug geschützt, es langt.

Vielmehr – und hier kommt etwas Pegides, pardon, Perfides dazu – schaffen die immer umfassenderen Definitionen, was denn alles unter sexistisch etc. falle immer mehr Möglichkeiten, eben das zu sein – sprich, so wie ich bei psychischen Erkrankungen die Definitionen immer weiter ausbreite und damit am Ende die ganze Gesellschaft für psychisch krank erklären kann, wenn ich das will, so kann ich auch alle Männer als potenzielle Sexisten oder Vergewaltiger darstellen (es kommt nur auf die Definition und Sichtweise an) oder alle Deutschen als potenzielle Rassisten (Latenznazis) etc.

Ich mache dadurch die Ausdrucksmöglichkeiten, was Humor, Kunst, freien Austausch etc. angeht, immer enger, erschaffe ein Klima, in dem die Menschen aufpassen müssen, was sie sagen und erzeuge dadurch Druck. Druck, der sich ein Ventil sucht. Der Druck wird sich dann auch irgendwo einen Weg bahnen und bisweilen wird er sich in vermeintlich oder tatsächlich rassistischen oder anderweitigen Formen äussern.

Nun wird es allerding auch kompliziert: Da die Grenzen fliessend sind und gleichzeitig eine Art Doppeldenken angewandt werden muss (denn die Diskriminierung betrifft nur die Minderheiten, nicht die Mehrheit – d.h. wenn ein Türke die Deutschen hasst, ist das kein Rassismus oder allenfalls ein Rassismus ferner liefen, wenn eine Frau Männer als Schweine tituliert ist das kein Sexismus etc.), kurz, das Doppeldenken besteht darin, das eine zu kritisieren und das andere zu ignorieren.

Also: Der Israeli, der auf der PEGIDA-Demo auf die Moslems schimpft, sollte in dem Fall ignoriert werden, denn: Antisemitismus vs. Islamphobie? Ein israelischer Nazi? Das ist auch dem Doppeldenker zu kompliziert. Aber lustig ist es schon. https://www.youtube.com/watch?v=90jcFnRYQRw&x-yt-ts=1422579428&x-yt-cl=85114404&feature=player_embedded

Ein Türke im Landesvorstand der rheinland-pfälzischen AfD ist ebenfalls eine Überforderung für manche Doppeldenker – ist es nun ein türkischer Nazi oder ein Verräter an Multikulti? Jedenfalls ist er ebenfalls besser medial zu ignorieren. http://www.blu-news.org/2015/02/02/da-kommt-der-nazi-tuerke/

Und eine durch Messer und Benzin hingemordete Deutsche, die heiraten und Kinder kriegen wollte, kann auch nicht medial überhöht werden, wie es bei der in Offenbach zu Tode gekommenen Türkin war, denn die Türkin stand für Zivilcourage und die Deutsche….. für Familialismus (sprich für ein Hochhalten traditioneller Werte)? Auch darüber sollte bald der Mantel des Schweigens gedeckt werden. Wir werden also nie alle Maria sein, aber Tugce und Charlie.

Das eine fördert das andere. Die Anti-Diskriminierungsgesetze werden wie gesagt offenen Austausch immer weiter einengen und immer neue Fälle von Diskriminierung schaffen. Irgendwann werden wir dann für bestimmte Witze bestraft, für hingeworfene Bemerkungen abgehört, befragt, eingesperrt. Die wirklichen Probleme, das Damoklesschwert immer weiter ausufernder Verschuldung und das Knirschen im Gebälk des Wirtschaftssystems können so noch eine Weile ignoriert werden, solange man die Menschen erfolgreich auf solche Nebenkriegsschauplätze lockt.

Auf der anderen Seite wird das Bedürfnis nach Bestrafen immer größer werden, denn der Druck braucht ein Ventil. Was dabei auf der Strecke bleibt (zumindest zwischenzeitig) sind wirkliche Toleranz und wirkliche Freiheit. Am Ende werden wir wieder einmal aufpassen müssen, was wir zu wem sagen. Und wir werden eben zeitweilig vergessen, dass dies nur Ablenkungsmanöver von wesentlicherem sind – und dieses wesentliche sind die Freiheiten, die wir verlieren bzw. die abnormen sozialen Verhältnisse, die in unserer Gesellschaft Schritt für Schritt Einzug halten. Und die werden uns tatsächlich kränker machen.

Schliessen wir also auf der Reise in den Cäsarismus (der nur eine Episode bleiben wird) mit Rosa Luxemburg, die es im Band Vier ihrer Gesammelten Werke schön in Worte fassen konnte:

Glück macht die Menschen geistig gesund und rein, wie Sonnenlicht über einem offenen See am wirksamsten das Wasser desinfiziert. Damit ist auch gesagt, dass in abnormen sozialen Verhältnissen – und abnorm sind im Grunde alle auf sozialer Ungleichheit basierenden Verhältnisse – die verschiedenartigsten Seelenverkrüppelungen zur Massenerscheinung werden müssen. Unterdrückung, Willkür, Unrecht, Armut, Abhängigkeit und auch eine zur einseitigen Spezialisierung führende Arbeitsteilung als ständige Einrichtungen modeln die Menschen geistig in bestimmter Weise und zwar auf beiden Polen: Der Unterdrücker wie der Unterdrückte, der Tyrann wie der Kriecher, der Protz wie der Schmarotzer, der rücksichtslose Streber wie der indolente Bärenhäuter, der Pedant wie der Hanswurst sind gleichermaßen Produkte und Opfer ihrer Verhältnisse.

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