Noch einmal Tugce

Noch einmal kurz zum Fall der totgeschlagenen oder besser zu Tode gekommenen Tugce A. Neben der Forderung nach dem Bundesverdienstkreuz gibt es mittlerweile auch Überlegungen, eine Brücke nach ihr zu benennen. http://www.op-online.de/lokales/nachrichten/offenbach/hafenbecken-offenbach-bruecke-soll-tugce-albayrak-erinnern-4508178.html
All dies immer noch, ohne das man weiß, was genau geschehen ist. Das stimmt mich nachdenklich und traurig zu gleich – und es ist besorgniserregend zu sehen, wie leicht sich manche Menschen instrumentalisieren lassen und schlicht nicht sehen wollen, was einem klar vor Augen liegen könnte.
Auf Facebook gibt es das Video von den letzten Minuten von Tugces Leben. Es ist etwas länger als die von der Bildzeitung gezeigte Version von letzter Woche. https://www.facebook.com/video.php?v=10152892430968442
Man sieht wie der Täter geht und wiederkommt, in ein Auto steigt, wieder aussteigt, auf die Gruppe zugeht. Es gibt ein Gerangel, einer hält den Täter fest bzw. zieht ihn aus dem Gerangel heraus, versucht ihn davon abzuhalten, wieder zur Gruppe zu gehen. Plötzlich tritt Tugce auf die beiden rangelnden Männer zu und dann geschieht es – sie fällt zu Boden.
Was genau dabei geschehen ist, ist kaum zu erkennen. Und auch nicht, was vorher war. Eines jedenfalls steht jetzt schon fest: Die erste Version vom November, in der sich der Täter blindwütig auf Tugce stürzte und sie aus dem Nichts so fest schlug, dass sie zu Boden fiel, stimmt keinesfalls.
Es bleiben viele Frage offen: Welche Provokationen gingen von wem aus? Wer war wie betrunken? Welche Worte sind gefallen? Ein sachliches Beantworten dieser Fragen im Zuge der Polizeiermittlungen dürfte das Bild klarer machen. Auch ein vorurteilsloses Betrachten des Videos müsste zu Fragen führen. http://www.sezession.de/47469/tugce-a-das-ueberwachungsvideo.html
Erschreckend ist jedenfalls, wie bis jetzt die Wahrnehmung medial derart gesteuert wird, dass die oben erwähnten Fragen kaum aufkommen. Und schlimmer, dass die Menschen, die ja offenbar in großer Zahl das Video anschauen, trotzdem nicht aus dem Narrativ „hier der brutale Täter, da das arme Opfer“ austreten wollen.
Dabei sind die Fragen, wie genau es gewesen ist, überaus wichtig und Vorverurteilungen zu treffen ist das falscheste, was man machen kann. Unsere Gesellschaft sollte sich nicht an Lichterketten, sondern an Wahrheitsfindung messen. https://quotenqueen.wordpress.com/2014/12/01/wieviel-wahrheit-vertragt-trauer/
Sollte. Ob sie es tut, steht natürlich auf einem anderen Blatt.
Immerhin wird die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen. In München gab es vor einigen Jahren den Fall eines Mannes, der von zwei jungen Männern zu Tode geprügelt wurde, nachdem er zwei Mädchen vor ihnen in der S-Bahn geschützt hatte. Dort stellte sich bei der Gerichtsverhandlung heraus, dass das spätere Opfer die Schlägerei mit den beiden Männern begonnen hatte. Was nichts an der Verurteilung der beiden Täter änderte – aber am Gesamtbild des Sachverhaltes eben schon etwas. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/s-bahn-schlaeger-prozess-fuer-mich-war-brunner-der-angreifer-a-707593.html
Es ist auch hier ein gewichtiger Unterschied, ob Tugce als der strahlende Engel agierte, selbstlos und helfenwollend, wie es medial kolportiert wird- oder ob es eine Streiterei unter Betrunkenen war, wo Schimpfworte wie Schlampe und Fotze hier und Hurensohn und kleiner Wichser da ausgetauscht wurden.
Wenn man sich das Video offenen Geistes anschaut, so sieht man, wie Tugce auf den Täter zugeht, sich in die Rangelei der beiden Männer einmischt. Warum? Um zu helfen? Um dem Täter eine Ohrfeige zu geben? Jedenfalls passt diese Einmischung nicht zum Engelsbild, sondern eher zum Bild von jemandem, der Risiko und Situation nicht einzuschätzen wusste.
Und es ist ebenso möglich, den Fall im Kontext einer anderen Blickweise zu betrachten – nämlich einmal als Darstellung, wie Gewaltprävention eben nicht abzulaufen habe und als Beispiel, wie Zivilcourage eben nicht auszusehen hat. Interessante Gedanken dazu finden sich hier: http://www.danisch.de/blog/2014/12/07/anruf-aus-dem-rotlichtmilieu/
Dort wird auch der nachdenklich stimmende Ansatz vertreten, dass zunehmend rechtsfreie Räume (der Miriclan in Bremen, die NoGo-Areas in Frankreich etc.) entstehen und diese bewußt geduldet bzw. medial geschönt oder verharmlost werden. Da kann schon etwas dran sein.
Wenn man sich der Anzahl von ausländischen Straftätern in deutschen Gefängnissen gewahr wird oder den Anteil an Gewaltkriminalität betrachtet sowie die Art, wie die Besorgnis der Bevölkerung hier negiert bzw. Bekundungen derselben in die rechte Ecke gestellt werden, kann man schon ins Grübeln kommen.
Unser Land ist auf keinem guten Wege. Bleibt abzuwarten, wann diese Illusion (vom friedlichen Zusammenleben der unterschiedlichsten Kulturen) zerplatzt und wie.

2 Kommentare zu “Noch einmal Tugce

  1. Deiner Medienkritik schließe ich mich an.
    Im Fall von Dominik Brunner beurteile ich die (mir) bekannten Fakten anders. Nach meiner Kenntnis sind die beiden ‚jungen Männer‘ mit Brunner an ’seiner‘ Haltestelle aus der S-Bahn ausgestiegen, haben ihn gestellt und sich ihm bedrohlich, mit dem Schlüsselbund in der Faust zum Schlaginstrument verteilt, genähert. Daraufhin hat Brunner als erster zugeschlagen.

    Ich beurteile dieses Verhalten klar als Notwehr. Viele Selbstverteidigungsexperten würden wohl in diesem Fall dazu raten, einem offensichtlich und unvermeidlich ausstehenden körperlichen Angriff zuvorzukommen. Aus eigener Erfahrung mit ähnlichen Situationen würde ich dasselbe raten.

    Auf die Gleichung ‚er hat als erster zugeschlagen‘ = ‚von ihm ging die Aggression aus‘ können nur Leute kommen, die sich noch nie selbst schlagen mußten.

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