Freiheit des Andersdenken, -meinenden, -sprechenden etc.

In einem Film aus einer brutalen Zeit gibt es einen Wortwechsel zw. einem Tyrannen und einem Aufbegehrenden – der Tyrann schreit den Aufbegehrenden an: „Ich frage ihn zum letzten Mal – was will er!?“ – und die Antwort – „Gerechtigkeit der Welt – und Freiheit meinem Geist – DAS will ich!“.
Wie schwer – wie ungemein schwer es ist, dem anderen seine Freiheit zu lassen (in seinem Denken, in seinen Ur-Teilen) merkt jeder irgendwann. Ob nun Partner oder Arbeitskollegen, Familie oder Freunde – irgendwo müssen sie kommen, die Momente, wo man denkt (oder es ausspricht): Wie kannst Du DAS sagen? Wie kannst Du DAS denken?
Ich meine nicht offensichtliche Schrecklichkeiten, wie den Aufruf zur Gewalt oder zum Hass, die es natürlich abzulehnen gilt – sondern die vielen, die hunderttausende Möglichkeiten, wo etwas gegen unsere Überzeugung gesagt wird. Dann trifft es, hakt sich fest, tut weh – wir fallen in Verteidigung, Angriff oder Rückzug, je nach Charakter.
Wie viel schwieriger ist es, dem anderen seine Meinung zu lassen, wenn sie gegen etwas gerichtet ist, was uns so wichtig ist. Oder scheint. Oder scheinbar ist. Denn wenn wir einmal die Perspektive ändern, eine höhere Warte einnehmen – ist es dann immer noch so wichtig? Ist es dann immer noch so skandalös, so unglaublich?
Wer diesen, tatsächlich harten und fordernden Schritt (gegen sich selbst) unternimmt und die eigene Reaktion zu hinterfragen imstande ist, gewinnt neue Freiheit. D.h. nicht einen butterweichen Pseudo-Philantropismus einzunehmen, in dem alles egal ist und alles gleich-wertig und alles mit der klebrigen Soße einer Toleranz übergossen wird, die eigentlich nur eine „Mir-doch-egal“-Haltung wiederspiegelt.
Nein – es geht tatsächlich darum, den anderen SEIN lassen zu können, ihn auch da anzunehmen, wo er etwas sagt, was uns verwirrt, ängstigt, verstören mag. Durch das Annehmen kommt das Öffnen, durch das Öffnen kommt das Sehen, durch das Sehen kommt das Verstehen, durch das Verstehen kommt die Liebe.
Das ist die wahre Freiheit. Die Freiheit des Andersdenkenden. Wie Rosa Luxemburg so treffend schrieb: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der „Gerechtigkeit“, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit ein Privilegium wird“.
Lassen wir also den anderen ihre Freiheit und wahren die unsere. Es wird uns die nächsten Jahre schwer genug gemacht werden – aber möglich ist es. 🙂

2 Kommentare zu “Freiheit des Andersdenken, -meinenden, -sprechenden etc.

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