Tugce und Daniel

Wir leben in Zeiten angeblich klarer Sicht. Wenn aber das, was wir erblicken, nur noch aus einer Perspektive gesehen wird, gibt es keine klare Sicht mehr, sondern vielmehr einen starren Blick. Dann haben uns die Glaubenssätze fest im Griff und DANN sind wir beeinflussbar.
Denn dann werden die anderslautenden Meinungen irgendwann als Amüsement, Irritation, ja schließlich als Gefahr angesehen. Und gegen Gefahren muss man schliesslich etwas tun. Der Ablauf ist über die Jahrhunderte derselbe – egal, ob man nicht an Hexen glaubte oder sich gegen die Judenverfolgung aussprach oder heute Sachen aufdeckt wie Herr Snowden – Ächtung, lächerlich machen und schließlich Sanktionen sind die Folge.
Dabei ist es einfach, diesem Kreislauf zu entgehen – es gilt, die Perspektive zu verschieben, um Dinge auch anders wahrnehmen zu können. Ein Beispiel: Durch die Medien geht im Moment der Fall einer jungen Frau, einer Türkin, welche vor einem McDonalds-Restaurant bei Offenbach den Tod fand.
Nun ist das eine unbestreitbar, dass sie zu Tode kam durch einen jungen Mann, der ihr einen Schlag versetzte, woraufhin sie ohnmächtig wurde, zu Boden stürzte, ihr Kopf aufschlug auf dem Asphalt und sie wohl an den Folgen von Schlag und Sturz starb. Traurig und schade um das junge Leben, dass da unterbrochen wurde.
Das andere wird schon schwieriger – d.h. die Art, wie dieser Fall behandelt wird und was uns zu glauben vorgesetzt wird. Da ist auf der einen Seite der Engel Tugce, d.h. die junge Frau und auf der anderen Seite der Teufel, der vorbestrafte achtzehnjährige Täter (ein Serbe heisst es an der einen Stelle und ein muslimischer Serbe an einer anderen). http://www.bild.de/news/inland/totschlag/tugce-fall-das-beweis-video-38781816.bild.html
Nach der medialen Darstellung hat die junge Frau Zivilcourage gezeigt und dafür den Tod gefunden. Was diese Erklärung ausklammert, sind die Grauzonen. Was genau geschehen ist, d.h. welche Vorgeschichte genau diese Gewalttat hatte, wird hoffentlich noch geklärt, denn es bleiben Fragen offen.
Zum Beispiel sieht man im Video oben, wie der Täter erst verschwindet, d.h. an der Gruppe um Tugce vorbeigeht – dann muss es einen Schnitt gegeben haben, denn plötzlich ist er wieder da. Welcher verbale Schlagabtausch da zwischenzeitig stattfand und wer was zu wem sagte, ob nun nur die eine Seite provozierte oder auch die andere, wird hier nicht ersichtlich.
Dann fällt weiter auf, dass der Täter von einem Freund gehalten wird, als er offensichtlich in Rage ist und dass die junge Frau auf ihn zugeht und dann der Schlag kommt. Auch hier bleibt die Frage, was genau sich dort abgespielt hat. Der Todesfall ist tragisch und der junge Mann muss die Konsequenzen für seine Tat tragen, das ist klar – aber die Darstellung von Engel hier und Teufel da könnte ggf. Risse bekommen, wenn der Fall irgendwann ehrlich aufgearbeitet wird. http://www.danisch.de/blog/2014/12/01/das-tugce-video/
Und hier kommt nun der entscheidende Punkt: Was nun manchen als pietätlos erscheinen mag (de mortuis nihil nisi bene oder anders „über die Toten nichts als Gutes“) ist in diesem Kontext wichtig und richtig – Zweifel zu äussern, grade auch an der Art der medialen Darstellung. Denn diese zwingt uns eine gewisse Sicht auf – und genau da, wo wir emotional betroffen sind, sind wir am leichtesten lenkbar.
Daher tut es not, die Perspektive zu wechseln. Und sich zu fragen, wie dieser Fall dargestellt wird, von den Medien breitgetreten wird. Wozu das dienen soll, was damit bezweckt wird. Gewalt ist immer und in jeder Form zu bekämpfen oder abzulehnen. Doch sollte Trauer nicht blind machen und Angst nicht einseitig.
Vor einem Jahr wurde ein damals 25jähriger Deutscher in Norddeutschland von ein paar Türken totgetreten. Auch er zeigte Zivilcourage, wollte einen Streit schlichten, hieß es damals, und wurde dafür zu Tode geprügelt. Es gab allerdings keine solche regionale und internationale Anteilnahme und keine solche mediale Verarbeitung wie im vorliegenden Falle. Warum? https://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Daniel_S.
Hier ein 25jähriger Deutscher, da eine 23jährige Türkin. Hier als Reaktion ein runder Tisch gegen Fremdenfeindlichkeit, da die Forderung nach dem Bundesverdienstkreuz. Hier die Verweigerung des niedersächsischen Innenministers, der Familie des getöteten Deutschen seine Anteilnahme auszusprechen, da die Teilnahme des hessischen Ministerpräsidenten Bouffier an der Beerdigung der jungen Frau und ein Kondolenzschreiben des Bundespräsidenten.
Hier die Beteuerung, der Todesfall habe nichts mit der Herkunft von Opfer und Täter zu tun und dürfe keinesfalls für Fremdenfeindlichkeit missbraucht werden. http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/kirchweyhe-1500-menschen-bei-trauerfeier-fuer-daniel-s-/7939882.html Da die Forderung nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts und Straftaten junger Männer künftig stärker zu ahnden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/tugce-albayrak-die-kommentare-der-medien-im-pressekompass-a-1005799.html
Tiefer blicken – das ist wichtig. Die Perspektiven verändern, so dass es Perspekt-Tiefen werden. Sonst wird der Blick starr, die Meinung fest und der Kanon der misstönenden Stimmen immer eintöniger.

2 Kommentare zu “Tugce und Daniel

  1. Pingback: Wieder der Fall Tugce | nachrichtenaushinterland

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