Zur Sexualität

Noch einmal zur Sexualität. Diesem „goldenen Schlüssel“ oder der „schönsten Sache der Welt“. 🙂
Als Thema ist die Sexualität mittlerweile dauerpräsent. In der Werbung, in Magazinen, Fernsehen, Internet und sonst wo – überall wird sie uns mehr oder weniger drastisch um die Ohren gehauen. Konsum soll mit sexuellen Motiven angekurbelt werden. Prüderie und Verschweigen sind Forderungen von gestern – offen wird alles angesprochen. Bzw. scheint es so.
Doch auch hier ist die Offenheit beides – zweischneidiges Schwert und manches außer Acht lassend. Beides soll hier etwas näher erörtert werden.
Da ist zum einen der Fakt, dass durch das Internet alles, was Sexualität betrifft, den Jugendlichen so wie allen anderen dauernd zur Verfügung steht. Pornos, Tier-Pornos, Gewalt-Pornos, Menschen, Pferde, Kühe, Schwarze, Schwule etc. – im Internet lässt sich ALLES finden.
Es ist schon eine erst mal korrekte Forderung, zu sagen, dass mit dieser Lage offen umgegangen werden muss. Auch gerade in der Schule! Neue Lehrbücher tragen dem gradezu offensiv Rechnung. http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/9783779920885_Excerpt_001.pdf
Manches darin ist notwendig – wie soll mein Kind reagieren, wenn es seine Tage bekommt? Was bedeutet, verliebt sein? Wie kommt eine Schwangerschaft zustande? Wie verhüte ich? Welche Formen der Sexualität gibt es? Alles richtig, wichtig, notwendig. Im Internet werden die Jugendlichen eh damit konfrontiert – Medienkompetenz zu entwickeln ist also eine gute Forderung.
Manches mag im pädagogischen Rahmen seltsam wirken (das Üben, wie man ein Bordell betreibt zum Beispiel oder das übermäßig erscheinende Hervorheben anderer Formen der Sexualität). Die Probleme liegen allerdings noch an ganz anderer Stelle und sind den Handelnden vielleicht gar nicht bewusst.
Es wird zum einen kaum einmal die Frage gestellt, wie gesund (im Wortsinne) der Sex ist, den wir heute haben. Wenn es Untersuchungen gibt, welche zeigen, dass unsere Lebensweise auf den Sex Einfluss hat, sollte man dies diskutieren können. Sei es die nachlassende Spermienqualität bei Männern durch Umwelteinflüsse – http://www.messtechnik-friedel.de/BildBericht/Berichte/Verbietet%20Euren%20Kindern%20das%20Handy.htm
Oder seien es nachlassende Hirnstromaktivitäten bei Frauen beim Orgasmus. Die Qualität der Sexualität, die Fähigkeit zur Hingabe sind auch notwendige Fragen, die man den Jugendlichen stellen könnte. Quantität ist nicht gleich Qualität. Wilhelm Reich hatte vor über fünfzig Jahren den immer noch nicht wiederlegten Satz von der unfreien Sexualität geprägt. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Reich
Für Reich (dessen Bücher in den USA verbrannt wurden) war das Problem ein energetisches: Die Menschen seien laut Reich nicht frei (in sich) und somit sei es auch die Sexualität nicht. Er wollte dem durch eine Körpertherapie abhelfen, die heute aber nur noch von wenigen weltweit praktiziert wird. http://www.orgonomicscience.org/
Michel Foucault, der franz. Philosoph postulierte ähnliches: In seinem mehrbändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ (welches die Lektüre lohnt), legte er minutiös dar, wie die Untersuchung der Sexualität sich etwa seit dem Ausgang des 17. und Beginn des 18. Jhdt. änderte und zwar in dem Maße, wie der Staat erstarkte und die Sexualität als Thema für sich okkupierte (was vorher der Kirche überlassen gewesen war).
Es ist sehr interessant, zu lesen, wie die Sexualität hier mit dem Machtbewusstsein des Staates verknüpft wurde, d.h., wie der Staat unter dem Aspekt der Gesundheit, Familienpolitik, ja, man kann sagen Gesunderhaltung und Fortpflanzung der (steuerpflichtigen) Untertanen die Sexualität typisierte, kategorisierte und katalogisierte.
Anfangs wurden die für den Staat als gefährlich angesehenen Formen (Homosexualität, Sodomie etc.) bekämpft, ab dem 19. Jhdt. kam das Bedürfnis nach der Therapie derselben dazu. Immer aber wurde das Wissen über die Sexualität, über ihre Formen, Technik etc. ausgeweitet. http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault
Heute sind wir wie erwähnt weitgehend sexuell permissiv und umfassend aufgeklärt. Die früher verbotenen Formen der gleichgeschlechtlichen Liebe sind erlaubt. Kirchliche und staatliche Verdammungen gibt es nicht mehr. In der Freiheit entstehen auch immer neue Formen wie Pansexualität, Intersexualiät etc. Aber bei aller scheinbaren Freiheit bestehen doch eben zwei Gefahren, welche den Befürwortern von immer mehr Freiheit nicht bewusst zu sein scheinen und die doch Foucault, Reich und andere klar benannten:
Das eine ist, dass wir bei aller sexuellen Freiheit den Focus stark auf die Technik des Sex gelegt haben (was sich auch im Schulunterricht so niederschlagen könnte). Wie man sich beim Analverkehr verhalten sollte, wie man einen Hodensack berühren oder eine Vagina penetrieren sollte – alles zigtausendfach im Detail dargestellt. Doch Technik ist nicht Hingabe! Und ohne Hingabe (die von vielen Faktoren abhängt – http://www.eggetsberger-info.blogspot.co.at/2011/12/was-passiert-bei-frauen-wahrend-des.html ) kein befriedigender Sex.
Das andere ist, dass es ein Mysterium in der körperlichen Liebe gibt – eine Qualität, die nur ganz individuell erfahren und individuell gelebt werden kann. Indem wir heute ganz den Schleier von allem gerissen haben, sind wir diesem Mysterium nicht näher gekommen. Michel Foucault benennt dies auch ganz offen, dass die tausenden und abertausenden Untersuchungen zum Sex ihm sein innerstes Geheimnis nicht entreißen konnten.
Und er sieht klar eine andere Gefahr: Indem der Sex als zum normalen, gesunden Leben unbedingt notwendiger Bestandteil hinzugesellt wurde, ist ihm ein Druck auferlegt, der ihn nicht besser, sondern eher unbefriedigender, da mit Erwartungen, wie er zu sein hat, überfrachtet, macht. Auch hier: Die Hingabe hat nichts mit dem Training der Beckenbodenmuskulatur oder irgendeiner anderen Technik oder Viagra zu tun.
Foucault legt auch in seinem ersten Band zur Sexualität dar, wie dieselbe noch im 17. Jhdt. ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft war, dem Kinder wie Erwachsene unschuldiger und wahrscheinlich kraftvoller frönten, als wir es heute tun – denn man versuchte sie (die Sexualität) nicht zu erklären oder zu verbessern, sondern nahm sie als das, was sie ist (ein Bedürfnis – trotz allen Verdammungen der Kirche).
Wie gesagt ist die Entdeckung der eigenen Sexualität ein ganz individueller Prozess. Und all zu viel Licht auf eine Sache macht die Sache nur kalt und leblos, wie die Leuchten in einem Operationssaal. Es ist die noch zu beantwortende Frage, ob es den heutigen Kinderseelen gut tut, wenn ihnen alles in der Art und Weise, wie es geschieht, offen dargelegt wird. Was dies mit ihrem Verständnis von Liebe und Partnerschaft macht oder gemacht haben wird, werden die nächsten Jahre zeigen.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet und wir können sie auch nicht mehr schließen; sollten uns aber immer fragen, was die Langfristfolgen sein können und wem bestimmte Forderungen nutzen – denen, in deren Namen sie erhoben werden, oder ganz anderen.
„Es mag für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muss sterben, wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.“ (Ricarda Huch: Luthers Glaube).

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