Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Sagen Sie die Wahrheit! Heißt es in Polizeifilmen immer wieder. Oder vor Gericht sagt der zu Verhörende: Ich schwöre, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Nun ist es kein neues Phänomen, dass trotz aller Schwüre eben nicht die Wahrheit gesagt wird.
Im Decameron, einer wundervollen Novellensammlung aus dem Italien des 14. Jhdts. (http://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone ) gibt es eine Geschichte von einem Gauner und Spitzbuben, der auf dem Sterbebett dem Mönch, der ihm die Beichte abnimmt, die größten Lügen über sich erzählt – und dafür nach seinem Tod zum Heiligen erklärt und angebetet wird. 🙂
Mit der Wahrheit ist es also so eine Sache – man kann noch so betonen, dass man sie spricht oder will – aber wenn man entschlossen ist, zu lügen oder sich selber anzulügen, dann wird man das eben tun. Wie also Wahrheit erkennen – in einem Zeitalter, in dem die Lüge, wenngleich hübsch anzuschauen, allgegenwärtig ist? Und in dem wir beständig ermuntert werden, uns selber anzulügen?
Das eine ist, dass Wahrheit zu einem kommt, wenn man sie wirklich will. Was nicht heisst, dass man Hurra schreit, wenn sie kommt, denn Wahrheit fegt die Illusionen hinweg, die wir normalerweise über uns haben. Das andere ist, ehrlich (wahr-haftig eben) zu sich zu sein – solange wir an Illusionen, welcher Art auch immer, hängen, werden wir Sachen sagen und tun, die auf irgendeine Art unstimmig sind.
Das gute: Unsere Umgebung wird uns das spiegeln. Und wir werden die Sachen verlieren (oder können uns frei-willig von ihnen lösen), die nicht zu uns, zu unserer Wahrheit passen. Die Signale werden dabei umso deutlicher, je stärker wir an Illusionen festhalten.
Je ehrlicher wir dann mit uns umgehen, desto größer die Chance, in der Wahrheit zu wachsen. Was übrigens auch keine Vergewaltigung von einem selbst bedeutet. Wahrheit allein kann tatsächlich ein scharfes Schwert sein, das Wunden schlägt. Aber Wahrheit mit Liebe verknüpft, heilt. Sie kann auch wehtun, im ersten Moment, doch heilt sie den Schmerz später.
Die Wahrheit braucht auch keine Märtyrer. Das ist ein großes Missverständnis. Die Kreuzfahrer von einst, Waffen-SS-Soldaten oder Rotarmisten von damals oder die ISIS-Kämpfer von heute waren bzw. sind bereit, für ihre Wahrheit zu sterben. Das ist aber ein Zerrbild der Wahrheit, eine aus Illusion genährte Vorstellung von Wahrheit.
Und ein gutes Unterscheidungsmerkmal: Wer immer Dich auffordert, ihm zu folgen, weil er die Wahrheit spricht: Schau ihn Dir gut an! Wer wirklich aus Wahrheit spricht, verlangt keine Gefolgschaft und blindes Glauben und Nachplappern seiner Worte, sondern zieht die Leute von selbst an, denn sein inneres Wesen wirkt anziehend. Man kann sich also auch die Frage stellen, wie es kommt, dass Menschen immer noch in großer Zahl Lügnern folgen…..
Wirkliche Wahrheit führt zu innerer Stärke, zu innerer Gelassenheit und innerem Frieden. Was nicht heisst, dass Kämpfe vermieden werden (Jesus hat auch mit einer Peitsche die Händler aus dem Tempel getrieben). Aber der Kampf für die Wahrheit ist vor allem ein innerer. Diesen Kampf zu kämpfen genügt. Im Außen werden sich die Dinge dann schon ändern. So oder so.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s