Verräter

Was geschieht mit einem Menschen, der nicht sein eigenes Leben lebt? Unter anderem, dass er voller Groll sein kann, diesen aber tunlichst mit dem Feigenblatt der Moral (heute nennt man es Toleranz) bedeckt. Unter diesem Feigenblatt schaut nur selten und nur zwischen den Zeilen die latente Wut hervor.
Eine der Möglichkeiten, die leider hierzulande schon immer im hohen Ansehen standen, seine unterschwellige Wut als gute Tat zu tarnen, ist der Verrat. Der Verrat ist leider ein allzu typisch deutsches Phänomen – schon immer! Vielleicht haben sich die unterliegenden Motive hier und da geändert, doch der Verrat gehörte schon immer zu diesem Land.
Noch im 17. Jhdt. herrschte bei den Aristokraten ein derartig übersteigerter Ehrbegriff vor, dass auch kleine Verletzungen desselben dazu führen konnten, dass der Betreffende Verrat beging – seinen bisherigen Herrn oder Freund verriet und die Seiten wechselte. Gleichzeitig wurde dies, da eben allgemein bekannt und gepflegt, gewissermaßen toleriert.
Da nur die allerwenigsten Menschen in Deutschland ihre eigenen Leben führten und führen, war der Verrat hier jedenfalls immer zuhause – als Möglichkeit, sich nach oben anzubiedern, nach unten zu treten, Rache zu üben, wo man sich nicht traute, dem Gegner offen gegenüber zu treten.
Es sind gar nicht mal die großen Beispiele von Denunziantentum wie der Blockwart im 3. Reich gemeint oder die Kinder von damals, die ihre Eltern an die Gestapo verrieten. Nein, es war immer die Tendenz da, vor der Obrigkeit und vor der herrschenden Meinung den Bückling zu verrichten und den Verrat auch noch als angemessene Tat anzusehen.
Das ist heute nicht anders. Der Verrat geschieht tagtäglich, in Büros, Firmen, Privathäusern, auf Fussballplätzen, Bühnen, in Kinosälen oder Tankstellen. Denn Verrat ist immer dann da, wenn wir einen anderen anschwärzen, indem wir etwas aufdecken, was dieser uns unter dem Siegel der Verschwiegenheit gesagt hat.
Es fängt bei winzigen Dingen wie dem Kaffeeklatsch an (was natürlich noch harmlos ist) – aber schon weniger harmlos ist es, wenn man die Geheimnisse der besten Freundin ausplaudert, das, wessen sie sich am meisten schämt, unter dem Gelächter der anderen preisgibt. Noch gravierender wird es dann, wenn wir andere bewusst belasten, ohne dass sie sich wehren können – am Besten unter dem Schutzmantel der Anonymität.
Den Busfahrer anzeigen, der sich abfällig über Fahrgäste geäussert hat. Den Kollegen beim Chef schlecht machen und das weitergeben, was er mal im Zorn über den Chef von sich gegeben hat. Etwas im Vertrauen gesagtes weitergeben. Solches geschieht überall und ist auch allen bekannt.
Das eine lässt sich feststellen: An vielen Stellen, wo Verrat in Form davon, einen anderen schlechtzumachen oder schlechtzureden, stattfindet, wäre es das ehrlichste (wenn auch nicht das einfachste), denjenigen mit dem Verhalten zu konfrontieren, was man für so falsch ansieht, dass man bereit ist, denjenigen zu verraten.
Also den Busfahrer anzusprechen, über den man sich geärgert hat. Die Bedienung, die einen schlecht bedient hat, deswegen zur Rede stellen. Den Kollegen, der was Dummes über den Chef gesagt hat. Dann wäre es nicht mehr Verrat, sondern Bereinigen. Das ist gleichzeitig einfacher und schwerer (wenn der Busfahrer hundert Kilo schwer ist und tätowiert und voller Wut, mag es sogar sehr schwer erscheinen). 🙂
Aber dies ist der einzige Weg – sonst ist es Verrat. Ein Bereiniger klärt denjenigen auf, dem gegenüber er bereinigen will. Natürlich ist dies in manchen Situationen nicht möglich. Wenn der Arbeitgeber krumme Dinger macht (oder gar die Regierung, für die man arbeitet, wie im Falle von Herrn Snowden), hätte eine direkte Konfrontation u. U. erhebliche Konsequenzen für Leib und Leben dessen, der es aufdeckt.
Es gilt also auch hier zu unterscheiden: In welchem Rahmen und an welcher Stelle decke ich was auf? Je privater oder direkter der Kontakt, desto wichtiger, es im vertrauten Gespräch zu tun. Je gravierender der „Verstoß“, den ich aufdecke und je härter die Konsequenzen für den Aufdecker, desto vorsichtiger gilt es zu sein.
Doch wie gesagt: Wirkliches Aufdecken und Bereinigen erfordert vor allem Mut und innere Stärke (sowie innere Klarheit, um sich seiner Motive bewußt zu sein). Wirklicher Verrat erfordert Rachsucht und Hinterfotzigkeit (die sich allerdings als moralische Überlegenheit tarnt bzw. als solche bemäntelt wird).
Und da unser Land mehr Taranteln als Freigeister beherbergt und wir an den Schulen den Nachwuchs nicht zum freien Denken, sondern zum blinden Nachbeten der Parolen anleiten, werden die Verräter auch die nächsten Jahre in der Mehrheit sein. http://jungefreiheit.de/kolumne/2014/schule-mit-courage/
Die Taranteln haben wir Friedrich Nietzsche entlehnt, welcher diesen Typus Mensch in seinem „Also sprach Zarathustra“ wie folgt skizzierte:
Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert, – sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist’s nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.
Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das Merkmal ihrer Eifersucht – immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.
Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein Wehethun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.
Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen der Trieb, zu strafen, mächtig ist!
Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der Henker und der Spürhund.
Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.
Und wenn sie sich selber “die Guten und Gerechten” nennen, so vergesst nicht, dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als – Macht!
Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: “die Menschen sind nicht gleich.”

Hier der ganze Text: http://www.versalia.de/archiv/Nietzsche/Von_den_Taranteln.159.html
Vor diesen Taranteln sollte man sich die nächsten Jahre hüten. Es wird genügend von ihnen geben, die sich als die Gerechten und andere bezichtigen werden, dies oder das gegen den Zeitgeist hervorgebracht zu haben. Freilich gibt es zwei Hoffnungsschimmer: Zum einen kann auch der Verräter oder der Spürhund irgendwann erkennen, was er da tut…. Und innehalten. http://www.youtube.com/watch?v=aFcsjdPAu4U
Zum anderen zersetzt der Verräter das, was er erhalten möchte: Die Struktur der Gesellschaft. Denn diese wird unter dauerndem Verrat brüchig, so dass etwas eintritt, was bereits vor 2000 Jahren von einem klugen Manne festgestellt wurde:
“Eine Nation kann ihre Narren überleben – und sogar ihre
ehrgeizigsten Bürger. Aber sie kann nicht den Verrat von innen
überleben. Ein Feind vor den Toren ist weniger gefährlich,
denn er ist bekannt und trägt seine Fahnen für jedermann sichtbar.
Aber der Verräter bewegt sich frei innerhalb der Stadtmauern, sein
hinterhältiges Flüstern raschelt durch alle Gassen und wird selbst
in den Hallen der Regierung vernommen. Denn der Verräter tritt nicht
als solcher in Escheinung: Er spricht in vertrauter Sprache,
er hat ein vertrautes Gesicht, er benutzt vertraute Argumente,
und er appelliert an die Gemeinheit, die tief verborgen in
den Herzen aller Menschen ruht.
Er arbeitet darauf hin, dass die Seele einer Nation verfault.
Er treibt sein Unwesen des Nächtens – heimlich und anonym – bis
die Säulen der Nation untergraben sind. Er infiziert den politischen
Körper der Nation dergestalt, bis dieser seine Abwehrkräfte verloren
hat. Fürchtet nicht so sehr den Mörder. Fürchtet den Verräter.
Er ist die wahre Pest!”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s