Kei Witz? Glei Witz….

Geschichte ist auch nur ein Interpretationsspielraum und eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Phänomene oder Details zu lenken. Je nach Epoche werden andere Aspekte im Vordergrund stehen.
Thomas Müntzer, der Anführer der revolutionären Bauernbewegung im 16. Jhdt. – http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_M%C3%BCntzer – war je nach Epoche ein bewundernswerter Freiheitskämpfer oder ein zu verachtender Aufrührer. Der alte Fritz von Preussen war je nach Sichtweise ein aufgeklärter Monarch oder ein zynischer Gewaltherrscher. http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._%28Preu%C3%9Fen%29
Die Interpretation hängt von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen ab und auf welche Werte man sich geeinigt hat. Damit ist die große Gefahr der Verformung und Umdeutung von Ereignissen gegeben, die wir dann nicht mehr als solche, sondern nur noch als Beweise für unsere Sichtweise wahrnehmen.
Somit ist Geschichte ebenfalls ein dynamischer, sich ändernder Prozess. Umgekehrt betrachtet ist es auch eine wunderbare Möglichkeit, der eigenen Prägungen gewahr zu werden. Man kann sich für vorurteilsfrei halten und dennoch mit großen Scheuklappen behaftet sein.
Dass die USA den Tonking-Zwischenfall inszenierten oder die Anschuldigungen gegen Saddam Hussein bzgl. Massenvernichtungswaffen nur Propaganda waren, fällt mittlerweile auch im gesellschaftlichen Konsens zu akzeptieren leichter. Dass aber auch wesentliche Dinge aus unserer Vergangenheit anders sein könnten, fällt schwerer, da es dem Konsens an manchen Stellen noch gar nicht entspricht bzw. Tabus um jene 12 dunklen Jahre berührt.
Da gibt es zum Beispiel den Vorfall um den Sender Gleiwitz. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_den_Sender_Gleiwitz Nach herrschender Meinung bzw. gesellschaftlichem Konsens war dieser Überfall eine „False-Flag“ Aktion der SS, um einen Kriegsgrund gegen Polen zu liefern.
Danach wurden SS Leute in polnische Uniformen gesteckt und überfielen so, als Polen verkleidet, in der Nacht vom 31. August 1939 diesen deutschen Sender, wurden zurückgeschlagen und somit konnte der Vorfall anschliessend als Propaganda von den Nazis genutzt werden, um Polen den Krieg zu erklären.
Soweit die herrschende Meinung. Indes gibt es bei näherem Hinschauen Zweifel an der offiziellen Darstellung. Im Weissbuch des Auswärtigen Amtes von 1939 ist dieser Vorfall einer von mehreren Überfällen polnischer Soldaten auf deutsches Gebiet. http://ia600402.us.archive.org/16/items/Auswaertiges-Amt-Weissbuch-2/AuswaertigesAmt-WeissbuchNr.2-DokumenteZurVorgeschichteDesKrieges1939541S..pdf  (S. 524)
Wenn man sich die Mühe macht, sich die Tage vor dem 31. August anzusehen, gerät man ins Staunen angesichts der schieren Menge polnischer Provokationen, die deutsche Soldaten und Zivilisten angriffen. Wozu einen Überfall fingieren, wenn es von polnischer Seite täglich Angriffe auf deutsches Gebiet gab, die nach geltendem Recht alle als Kriegsgrund dienen konnten? Und die heute in keiner Weise in der offiziellen Geschichtsschreibung erwähnt werden?
Desweiteren gibt es für diesen Vorfall nur einen Zeugen – den SS Mann Naujocks, der vor dem internationalen Militärgericht in Nürnberg die Aussage machte, Heydrich persönlich habe ihn beauftragt, diesen Überfall zu organisieren. Dokumentenbeweise (in Form schriftlicher Befehle oder ähnlichem) fehlen.
Schlussendlich verwundert eines besonders: In der Begründung Hitlers für den Kriegseintritt gegen Polen fehlt jeder Verweis auf den Überfall. Es bleibt somit die Frage, weshalb man einen Überfall fingieren sollte, um ihn dann propagandistisch nicht auszuschlachten? Es gibt ein Buch eines Autors namens Georg Jäckel mit dem Titel „Der Überfall auf den Gleiwitzer Sender“ von 1996. Leider kann man dieses Buch nicht mehr als E-Buch bei scribd.de einsehen, wo es gelöscht wurde. https://de.scribd.com/deleted/168360412
In diesem Buch, welches auch im wikipedia-Eintrag vom Gleiwitzer Sender keine Erwähnung findet, behauptet der Autor, beweisen zu können, dass der Überfall nie stattfand. Nun kann dies hier leider nicht überprüft werden, da wie erwähnt das Buch im Netz nicht mehr einsehbar ist.
Ein anderer, ebenfalls bei wikipedia nicht erwähnte Historiker namens Stefan Scheil kommt zu dem gegenläufigen Ergebnis, dass der Überfall zwar stattfand, aber von Hitler eben nicht als Begründung für den Kriegseintritt gegen Polen herangezogen wurde. Dies kann Herr Scheil anhand von Quellen belegen. http://potsblits.de/ueberfall-auf-den-sender-gleiwitz/
Überdies trifft Herr Scheil in seinem Werk „Fünf plus zwei“ zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges folgende gewichtige Feststellung (Zitat): Der jüngst erschienene, von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Aufsatz über die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Krieges erwähnt weder die Flucht und Vertreibung großer Teile der deutschen Bevölkerung aus der Republik Polen nach dem Ersten Weltkrieg, noch den Hintergrund und den Umfang der polnischen Abstimmungsniederlage im südlichen Ostpreußen, noch die polnischen Angriffspläne auf die Weimarer Republik, noch die polnische publizistische Vorkriegskampagne für die Oder-Grenze und die Okkupation Ostpreußens, noch den Kern der deutschen Vorschläge vom Oktober 1938, der in der Anerkennung der bestehenden polnischen Grenze lag, noch die Mobilisierung der polnischen Armee im Umfeld der englischen Garantieerklärung vom März 1939, noch die Zahl der deutschen Flüchtlinge im Jahr 1939 oder die Zahl der ermordeten Deutschen vor und nach Kriegsbeginn und auch nicht die polnischen Offensivpläne und die umfassenden militärischen Vorbereitungen auf polnischer Seite. (Zitat Ende).
Es ist in der Tat faszinierend, dass in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges nach wie vor in der medialen Darstellung das Bild eines friedlichen Europa vorherrscht, welches von einem kriegslüstigen Diktator in den Konflikt gezwungen wurde. Diese Ansicht ist zumindest was die Republik Polen angeht höchst fragwürdig. Und auch andere Nationen kommen bei Herrn Scheils umfangreichen Werk nicht gut weg. Der Krieg war ebenso wie der Erste Weltkrieg kein Unfall und wohl von vielen anderen und nicht nur den Deutschen gewünscht und geplant.
Eine offene Diskussion um die wahren Hintergründe und Ursachen des Zweiten Weltkrieges wäre hierzulande angebracht, wird aber wohl erst in einigen Jahren geführt werden können. Immerhin landen solche Werke wie dies von Herrn Scheil nicht auf dem Index, wenn sie auch weitgehend ignoriert werden. http://www.amazon.de/F%C3%BCnf-plus-Zwei-europ%C3%A4ischen-Nationalstaaten/dp/3428131339
Die Geschichte wird so oder so über uns hinweggehen und sie wird in einigen Jahren wieder neu geschrieben werden. Hoffentlich dann mit wirklich offenen Diskussionen und ohne Denkverbote wie heute.

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