Die Enten der Renten

1997 war’s – damals sprach Norbert Blüm diese berühmten Worte: http://www.youtube.com/watch?v=45nJp-1-sX8
Vielleicht meinte er seine eigene Rente? Aber wie immer – um genauer zu verstehen, um genauer zu sehen, müssen wir tiefer blicken – in der Geschichte zurück gehen, etwas buddeln und graben und uns dann das Ausgebuddelte genauer ansehen. Also schauen wir mal:
Wir schreiben das Jahr 1957. Das Wirtschaftswunder herrscht in Westdeutschland. Die letzen deutschen Kriegsgefangenen sind vor 2 Jahren aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt, womit der Krieg nun auch endgültig aus den Köpfen der Deutschen verschwinden kann. In der Bundesrepublik stehen Wahlen an. Die Wiederwahl von Bundeskanzler Adenauer nach 8 Jahren Kanzlerschaft ist in Gefahr.
Um seine Wiederwahl zu sichern greift Kanzler Adenauer zu einem probaten Mittel – er besticht seine Wähler und dies auf die folgende Art und Weise:
Bis 1957 besteht das Rentensystem in Westdeutschland aus dem vom früheren Reichskanzler Bismarck geschaffenen Kapitaldeckungssystem. Dieses besagt schlicht, dass ein Kapitalstock aus den Rentenbeiträgen geschaffen werden muss, aus welchem die Renten bezahlt werden können (spare in der Zeit, dann hast Du in der Not bzw. im Alter). So verfuhr man seit 1881, weder Kaiser noch Führer hatten daran gerührt.
Dieses System lässt Bundeskanzler Adenauer abschaffen und durch ein Umlagesystem ersetzen. D.h., die Beiträge der Einzahler ins System werden direkt an die Rentner weiter geleitet. Klarer Vorteil: Wegen der damals großen Zahl an Einzahlern und der wesentlich geringeren Zahl an Rentnern steht mehr Geld zum Verteilen zur Verfügung. Überdies gewährt der Bundeskanzler den Rentnern eine Erhöhung der Renten von 70%.
Ergebnis: Die Alten sind begeistert von der Erhöhung, die Jungen freuen sich schon vorab auf das später viel höhere Ruhegeld und Kanzler Adenauer wird im Herbst 1957 mit einer absoluten Mehrheit wiedergewählt.
Es ist traurig anzuschauen, aber es ist eine Konstante in der Politik, dass es einfach ist, den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Selten setzt sich der gesunde Menschenverstand durch – Paul Kirchhof, die Euro-Einführung bzw. DM Abschaffung, der ESM, die Fiskalunion – der Vorgang ist immer derselbe und leider werden die Menschen nicht schlauer.
Der Alte von Rhöndorf (Bezeichnung für Adenauer) hatte es klug angegangen. Halte den Leuten die Karotte vor die Nase und sie werden nach ihr greifen – auch wenn es langfristig zu ihrem Nachteil ist. Und zum Nachteil war diese Reform sicherlich. Schauen wir uns ein paar Zahlen an in der Anordnung „Jahr -Beitragszahlungen zur Rentenkasse – Rentenausgaben“:
57 – 5,0 / 5,5
58 – 5,6 / 6,2
59 – 6,1 / 6,7
60 – 6,9 / 7,3
61 – 7,8 / 8,0
62 – 8,6 / 8,6
63 – 9,3 / 9,2
64 – 10,3 / 10,3
65 – 11,5 / 11,5
66 – 12,4 / 13,0
67 – 12,6 / 14,6
68 – 14,6 / 16,2
Nur 1962 und 1965 hielten sich Ausgaben und Einzahlungen die Waage. Was hier nicht aufgeführt ist, ist die Tatsache, dass der Zuschuss des Bundes (mangels Einnahmen) sich von 1,7 auf 3,5 Mrd Euro verdoppelte. Aktuell beträgt der Zuschuss knapp 80 Mrd Euro.
Nun ist in linken Kreisen immer gern die Rede, es habe ja früher aus den Einzahlungen in die Rentenversicherung ein Topf gebildet werden können und der sei nur aufgrund der Gier der Politiker leer geworden. Das ist leider falsch.
Es stimmt, dass 1971 16,1 Mrd Euro an Anlagevermögen in der Rentenkasse vorhanden waren. NUR WAR DIESES KOMPLETT AUS DEN BUNDESZUSCHÜSSEN ENTSTANDEN! (S.o.). So ein Sozialstaat ist schon eine tolle Konstruktion. Da die Einzahlungen zur Rentenkasse nicht ausreichen, schießt der Bund etwas aus den Steuergeldern zu – und da diese wiederum nicht ausreichen, nimmt der Bund Schulden auf. Eine simple Konstruktion. Solange der Bund kreditwürdig ist, können die Schulden munter steigen.
Aber zurück zum Thema: Um es nochmal zu verdeutlichen, hier die Zahlen nach folgender Anordnung:
Jahr – Ausgaben der RV insgesamt, also Rentenausgaben plus Leistungen zur Teilhabe, Beitragserstattungen, Verwaltungs- und Verfahrenskosten, KVdR – Beiträge
1960: 9,1 – 6,9
1970: 24,4 – 21,6
1980: 67,6 – 56,9
1990: 103,7 – 89,4
2000: 205,7 – 162,2
Die Differenz deckten die erwähnten Bundeszuschüsse. Es gab also zwar einen Spartopf, doch entstand dieser eben nicht aus „Ersparnissen“, sondern allein aus Mitteln des Bundes. Und selbst dieses Geld konnte der Begierde der Politiker nicht entkommen und so sank der Spartopf bis 2005 auf knapp 7 Mrd Euro.
Kurz: Es wurden drei Kardinalfehler begangen.
1. Die Beiträge waren viel zu niedrig, so dass Zuschüsse des Bundes von Anfang an nötig waren.
2. Da kein Kapitalstock mehr gebildet werden konnte, konnten evt. Erträge nicht zinsbringend angelegt werden (was auf lange Sicht auch nichts am großen Knall ändern würde, aber heute wären durch den Zinseszinseffekt die Rentenkassen dann voll statt leer).
3. Niemand bedachte damals, dass die Geburtenrate und die Überalterung sich gegenläufig entwickeln würden – die eine runter, die andere rauf.
Während ich geneigt bin, den letzten Punkt den Politikern nachzusehen (Adenauer: „Kinder bekommen die Leute immer“), so konnte JEDER der das wollte, die ersten beiden Punkte erkennen.
Zur Ehrenrettung unserer Politikerkaste sei gesagt, dass es auch durchaus Widerstand gegen die Reform gab. Ludwig Erhard (damals Wirtschaftsminister, später Bundeskanzler) protestierte vehement, ebenso Finanzminister Ludwig Schäffer. Indes- es nützte nichts, Adenauer fegte alle Bedenken beiseite und feierte den kurzfristigen Triumph.
Die Folgen dürfen wir heute ausbaden, denn ein Umlageverfahren, um es nochmals ganz deutlich zu machen, funktioniert bei stagnierenden oder gar rückläufigen Einzahlern wie ein Kettenbrief – es werden stetig steigende Einnahmen benötigt, da den Einnahmen immer mehr Abflüsse entgegenstehen. D.h. die größten Profiteure sind die, welche gleich zu Beginn Ihre Zahlungen erhalten. Am zeitlichen Ende steht dann der Zusammenbruch des Kettenbriefs (mathematisch unweigerlich) bzw. gehen die letzten Einzahler leer aus. Selbst wenn wir die Finanzkrise außer Acht lassen – also nicht mit fallenden Steuereinnahmen des Bundes rechnen, rapide ansteigender Arbeitslosigkeit etc. – so ergibt sich dies aus der Entwicklung der Beitragszahler im Verhältnis zu den Rentnern. Waren es 1957 noch 3 Arbeitende auf einen Rentner, so sind es heute 1,75 Beitragszahler auf einen Rentner. Tendenz weiter fallend. Eine Rentenkasse mit Ersparnissen gibt es nicht, der Bundeszuschuss beträgt ca. 30%.
Dass diesem System Grenzen gesetzt sind, sollte auffallen. Und wenn wir uns jetzt noch die Finanzkrise dazu denken – Prost Mahlzeit.
In Rumänien und Bulgarien konnte man übrigens von der staatlichen Rente bis 1989, dem Jahr der Wende, auch nicht schlecht leben. Heute sind die Rentner dort gezwungen im Garten etwas anzubauen, nebenbei etwas zu verdienen etc. Man hilft sich in der Familie.
DAS ist der Weg, auf dem wir uns befinden. Wann wir unser Ziel erreichen, wissen wir auch nicht. Wir schätzen in den nächsten 5 – 10 Jahren.

Ein Kommentar zu “Die Enten der Renten

  1. Pingback: Griechenland als Beispiel für künftige Rentenreformen | nachrichtenaushinterland

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